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Nach Fukushima: Deutschlands Energiewende ist eine epochale Aufgabe

Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt zu, dass der Ausbau der Netze stagniert. Was treibt sie dazu? Denn die Energiewende ist vor allem eines: Eine Wende zum Besseren.

Fukushima. Der Name steht seit einem Jahr nicht mehr nur für einen Ort am anderen Ende der Welt, sondern für eine prototypische Verkettung von Umständen, die selbst in einer Hochtechnologienation in die Katastrophe münden können. Fukushima hat der Menschheit eigentlich keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse über die Atomkraft gebracht, aber vor Augen geführt, was passiert, wenn extreme Naturgewalten auf komplexe Technik und menschliches Unvermögen treffen.

Der Bundeskanzlerin allerdings schien Fukushima schon grundsätzlich neue Erkenntnisse gebracht zu haben; jedenfalls sah sie sich zu einer radikalen Wende getrieben. Hinreichend erklärt hat sie die bis heute nicht. „Nicht für möglich gehalten“ habe sie ein Ereignis wie Fukushima, sagt Angela Merkel in ihrem Podcast zum Jahrestag. Warum aber verstand ausgerechnet die Naturwissenschaftlerin erst mit Fukushima, was anderen seit Jahrzehnten klar war: dass selbst eine vielfach abgesicherte Anlage wie ein Atomreaktor nie bis ins letzte Detail beherrschbar ist? Restrisiken bleiben doch Risiken.

Bestürzend ist ein Jahr danach, dass die Kanzlerin die Energiewende proklamiert und politisch durchgesetzt hat, aber die Umsetzung nicht entschieden vorantreibt. Ausgerechnet sie, die vom Ende her zu denken vorgibt, lässt die Dinge laufen. Absichtlich? Hat sie die Energiewende auch im Innersten vollzogen? Oder war der beschleunigte Atomausstieg doch nur das wahlkampftaktische Manöver, als das es ihre Gegner bezeichnet haben? Die „Klimakanzlerin“ wird wissen, dass der Atomausstieg und ambitionierte CO2-Vorgaben sich widersprechende Ziele sind. Also ist ihr Kalkül womöglich, dass die nächste oder übernächste Bundesregierung den Atomausstieg wieder verlangsamt oder gar umkehrt? Denkt sie, dass sogar ein schwarz- grünes Bündnis sich am Ende gegen den Atomausstieg, für den Klimaschutz wird entscheiden müssen?

"GSG 9" der Energiewende nötig

Um beide Ziele zu erreichen, braucht es Kapital, ein Konzept und konzentriertes Management. Stattdessen kündigt Merkel einen Bedarfsplan und ein Gesetz zum Netzausbau an. Sie sollte für dieses epochale Thema einen Beauftragten mit Sitz im Kanzleramt ernennen. Beauftragte für Kultur, für Migration und für Nachrichtendienste gibt es schließlich auch. Zu dem neuen Posten müsste ein kompetentes, durchsetzungsfähiges Team kommen, gleichsam die GSG 9 der Energiewende. Stattdessen lässt Merkel zu, dass sich die Minister Philipp Rösler und Norbert Röttgen öffentlich streiten, während der Netzumbau stagniert.

Wenn der Strom nicht mehr aus großen Kraftwerken – Atom oder Kohle – kommen soll, sondern vor allem aus Solarpaneelen, Windrädern, Biomasseanlagen und Wasserkraftwerken, dann sind viele kleine dezentrale Stromspeicher, neue Leitungen und eine intelligente Steuerung nötig. Meistert die Industrienation Deutschland diese Aufgabe tatsächlich, nimmt sie in zehn Jahren wirklich das letzte Akw vom Netz, wird sie anderen Nationen als Vorbild dienen – und sich Exportchancen eröffnen. Denn betriebswirtschaftlich rechnet sich Atomkraft nur, wenn die Risiken sozialisiert werden, siehe Fukushima. Das allein schon muss den Politikern zu denken geben. Atomkraft ergibt für Aktionäre Sinn, nicht für Steuerzahler.

„Eine Schwachstelle“ nennt Merkel in ihrem Podcast die aktuelle Beschaffenheit des deutschen Stromnetzes. Das ist eine enorme Untertreibung. Von einem „Man on the Moon“-Projekt sprechen Ingenieure; angesichts der Dimension der Aufgabe stockt ihnen der Atem. Die Energiewende mag in dieser Hinsicht wirklich für Deutschland sein, was die Mondmission für die Vereinigten Staaten war. Es ist ein kleiner Schritt, die Energiewende zu verkünden, aber ein großer, den Wohlstand eines ganzen Landes dauerhaft zu sichern, ohne dass die Menschen Angst oder ein schlechtes Gewissen wegen der nachfolgenden Generationen haben müssen. Atomausstieg und Klimaschutz gehören zusammen. Es geht um die Wende zum Besseren.

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