Ein Shitstorm als Initiationsritual

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Lesen und Schreiben im digitalen Zeitalter : Wer schreit, bleibt länger
Überall Daten. Bei jeder Bewegung im Netz hinterlassen wir Spuren. Aber auch unsere Ausdrucksweise kann sich verändern.
Überall Daten. Bei jeder Bewegung im Netz hinterlassen wir Spuren. Aber auch unsere Ausdrucksweise kann sich verändern.Foto: alphaspirit Fotolia

Die Resonanz darauf wird mit Begriffen wie Candy- und Shitstorm beschrieben. Ältere Semester reagieren auf ihren ersten Shitstorm noch verstört, beschämt, verdruckst. Das Echo ist ihnen peinlich. Vielleicht werten sie ihn auch als Beleg für die Spaltung der Leserschaft oder überinterpretieren ihn auf andere Weise. Jüngere Kollegen dagegen nehmen das eher sportlich. Ihren ersten Shitstorm betrachten sie als eine Art Initiationsritual, als Eintrittskarte in die Welt des echten Journalismus. Der Umgang damit ist offen, bisweilen kokett. Womöglich müssen Absolventen von Journalistenschulen in ein paar Jahren Prüfungsarbeiten verfassen, die einen Shitstorm auslösen. „Bitte begründen Sie die Wahl Ihres Themas und beschreiben den Aufbau Ihrer Tirade.“

Gedächtnis, Schrift, Buchdruck, Digitalität, Wörterbrei: Diese zeitliche Abfolge in der Geschichte der Kommunikation lässt sich durchaus wertfrei, also eben nicht kulturpessimistisch betrachten. Wie die Schrift in gewisser Weise Gedächtnis und orale Überlieferung zerstörte, der Buchdruck die Verbreitung auch von Schund förderte, so entstanden andererseits Archive, Bibliotheken, Mikrochips – und das Wissen ums Wort wurde demokratisiert.

Das Denken ändert sich, aber es verkümmert nicht

Verkümmert das Denken im digitalen Zeitalter? Die Frage ist falsch gestellt. Das Denken ändert sich, es ruht nicht mehr länger in einem festen Kanon von Gelerntem, das nach Bedarf abgerufen wird, sondern formt sich sein Bild von der Welt aus einer Fülle von Zeichen, Smileys, Tweets, News, Videos. Die Frage nach Gut und Böse ist so sinnlos wie überflüssig.

Dieter Bohlen, der kluge Kopf, antwortete einmal auf den Hinweis, er möge doch bitte zuerst denken und dann reden, sinngemäß mit einer ungespielt ernsten Frage: „Wie soll ich denn wissen, was ich denke, wenn ich es nicht vorher ausgesprochen habe?“ In dieser Torheit steckt Genialität. Bedingt durch Produktionsmenge und -geschwindigkeit von Wort und Text könnte das Signum unserer Zeit die je nachholende Erkenntnis ihrer selbst sein. Erst das geschrieben Vorhandene ermöglicht das Verständnis des vorangegangenen Denkprozesses.

Der Text, der in der Geschichte des Tagesspiegels am meisten gelesen wurde, stand vor zwei Wochen in der Zeitung. Es ist ein Nachruf – „Nichts auslassen, nichts bereuen“ heißt er. Darin erzählt der Kollege David Ensikat das Leben von Valerian Arsène Verny nach, der mit 20 Jahren beim S-Bahn-Surfen starb. Fast eine halbe Million Menschen haben diesen Nachruf bereits gelesen. Er verbreitete sich über Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerke.

Denn auch das ist der Wörterbrei. Nichts in ihm geht je verloren. Keiner weiß, wann welches Wort wieder an die Oberfläche gerührt wird und wie lange es sich dort hält. Das tröstet und versöhnt. Brei bleibt Brei, er trocknet nicht aus, und keiner ersäuft in ihm. Der Brei ist die Konstante, alles in ihm eine Evolution in revolutionärer Zeit.

Kein Historiker wird die Zeugnisse unserer Zeit auch nur im Ansatz sichten können

In wenigen Tagen erzeugen die Menschen heute mehr Daten als vom Beginn der Zivilisation bis zum Jahr 2003. Diese Daten werden auf immer kleineren Trägern gespeichert, die ihrerseits wiederum hochmobil sind. Wort, Schrift, Zeichen und Bild sind als Amalgam in ihre noch kaum verstandene digitale Phase getreten. Überdies produziert unsere Zeit eine solche Fülle an Zeugnissen, Quellen, Bildern und Informationen, dass kein Historiker sie in hundert Jahren auch nur ansatzweise sichten kann, um zu verstehen, wie wir getickt haben. Vielleicht wird er sich Algorithmen ausdenken, die ihm dabei helfen. Vielleicht sucht er auch nur nach Analogien. Womöglich machen wir uns gegenüber der Zukunft gerade unverständlich.

Gertrude Stein schreibt: „Es kommt vor es muss einfach vorkommen dass es mit der Art etwas zu erzählen dahin kommen kann dass sie nichts mehr für den bedeutet der diese Sache erzählt.“ Die Formen des Erzählens verändern sich. Wie sie es immer taten, von Anbeginn der Welt. Doch das Erzählen bleibt, weil wir menschliches Leben ohne Erzählung nicht aushalten würden. Ist das ein gutes Ende? Kann sein.