10. September 1989 : Der Tag, an dem der Mauerfall unausweichlich wurde

Vor 30 Jahren öffnete Ungarn seinen Grenzen und ebnete den Weg zur deutschen Einheit. Das ist ein Grund, dankbar zu sein – Orban hin oder her. Ein Kommentar.

10.000 DDR-Bürger fuhren in den ersten 24 Stunden nach der Grenzöffnung von Ungarn in die Bundesrepublik.
10.000 DDR-Bürger fuhren in den ersten 24 Stunden nach der Grenzöffnung von Ungarn in die Bundesrepublik.Foto: picture-alliance/ dpa

Der 10. September 1989 war der Tag, an dem der Mauerfall unausweichlich wurde. Um Mitternacht öffnete Ungarn seine Grenzen endgültig für den Reiseverkehr. Drei Wochen zuvor, beim Picknick von Sopron, hatten Ungarns Reformsozialisten um Miklos Nemeth, Gyula Horn und Imre Pozsgay das Ventil schon einmal für ein Wochenende probehalber geöffnet. Geschossen wurde an dieser Grenze schon seit dem Frühjahr nicht mehr, das hatte Budapest offiziell verkündet.

Und das hieß: Wer von Deutschland nach Deutschland wollte, also von der DDR in die Bundesrepublik, und es innerhalb des Ostblocks nach Ungarn schaffte, hatte ab dem 10. September 1989 freien Weg nach Westen. Binnen 24 Stunden fuhren 10.000 DDR-Bürger, die in Ungarn Urlaub machten, über Österreich nach Westdeutschland. Nach drei Tagen waren es 15.000. Mit Blick auf die nächste Reisesaison bedeutete das: Von nun an hatte die DDR-Führung nur noch die Wahl, ihre Bürger komplett einzumauern und auch das Reisen im Ostblock auf "Reisekader" zu begrenzen. Sonst würde ihr das Volk davon laufen.

Diese Entwicklung beschleunigte die Dynamik. DDR-Bürger, die in Polen, der Tschechoslowakei und anderen "Bruderländern" noch in Ferien waren, suchten verstärkt die Botschaften der Bundesrepublik auf, statt in die DDR zurückzukehren. Am 30. September 1989 hielt Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher die bewegende nächtliche Ansprache vom Balkon der Botschaft in Prag an die gespannt im Garten versammelten DDR-Flüchtlinge: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Der Rest des Satzes ging im aufbrausenden Jubel unter.

Montagsdemos in Leipzig, die Botschaft in Prag und Gorbatschow

In Leipzig hatten am 4. September die Montagsdemonstrationen Zulauf bekommen, gefolgt von anderen Städten. Am 13. Oktober 1989, nur wenige Tage nach dem 40. Geburtstag der Gründung der DDR, titelte die Bild-Zeitung "Honecker: Mittwoch letzter Arbeitstag". Egon Krenz hatte weder das Format noch eine Chance, der Geschichte eine andere Wendung zu geben. am 9. November fiel die Mauer.

Es war die Summe einer Reihe von Ereignissen, die den "Eisernen Vorhang" fallen ließ. Sie beschränkten sich nicht auf ein Land. Die friedliche Wende 1989 war eine mitteleuropäische Revolution. Polen war mit seiner Gewerkschaft Solidarnosc der Vorreiter. Im Frühjahr 1989, als die kommunistischen Regime anderswo noch fest im Sattel zu sitzen schienen, verhandelten Solidarnosc und Staatsführung am Runden Tisch in Warschau bereits über die Machtübergabe. Am 24. August wurde Tadeusz Mazowiecki zum ersten nicht-sozialistischen Regierungschef in Ostmitteleuropa seit 1945 gewählt.

Köszönöm, Magyarország

Ungarn war das andere Vorreiterland. In Budapest war es ein dreieckiger Tisch, an dem Staatsmacht, bürgerliche Oppositionsparteien und gesellschaftliche Organisationen im Frühsommer 1989 die Demokratisierung aushandelten. Seit Juni war klar: im März 1990 würde es freie Wahlen geben. Und in Moskau gab ein vergleichsweise junger Generalsekretär der KPdSU namens Michail Gorbatschow "Glasnost" und "Perestrojka" als neue Devise aus. Er war weder Demokrat noch Bürgerrechtler. Er wollte die Ein-Partei-Herrschaft nicht beseitigen. Aber er ließ die Panzer und die mehreren hunderttausend sowjetischen Soldaten, die als Besatzung in Polen, Ungarn, der DDR und den anderen "Bruderländern" standen, in den Kasernen. Er stellte sich der friedlichen Selbstbefreiung nicht entgegen.

In Berlin wird heute Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble den Dank an seinen ungarischen Kollegen László Kövér aussprechen. Die Deutschen haben allen Grund einzustimmen: "Köszönöm, Magyarország!"

Gewiss darf man einwenden: Wie passt die großzügige Hilfe der Ungarn gegenüber den DDR-Flüchtlingen vor 30 Jahren zur Migrationspolitik der Regierung Orban heute? Und genereller: Was ist aus dem Drang zu Freiheit und Demokratie geworden?

Die Meinungsverschiedenheiten mit Orban ändern aber, erstens, nichts an Ungarns historischem Beitrag zum Mauerfall, zur deutschen Einheit und zu Befreiung Mitteleuropas von der Diktatur. Zweitens hat Deutschland wenig Anlass, den Moralapostel zu spielen. Es ist ja nun nicht so, dass der deutsche Umgang mit der Migrationskrise großen Beifall und die Unterstützung einer Mehrheit der EU-Partner findet.

Die Fluchtbewegung 1989 und die Migration 2019 sind keine Parallelen

Drittens müssten die fundamentalen Unterschiede zwischen den Fluchtbewegungen 1989 und 2015 folgende doch auch den Kritikern ins Auge fallen. Die DDR hat nicht ihre Grenzen geschützt, um eine gewisse Kontrolle darüber zu behalten, wer ins Land einreist. Mauer, Schießbefehl und die Beschränkung der Reisefreiheit, dienten dem Ziel, zu verhindern, dass die Bürger der Diktatur davonlaufen.

Der Kleingeistigkeit in Teilen der deutschen Gesellschaft entspricht eine gewisse politische Engstirnigkeit auf ungarischer Seite. Einige Helden der mutigen politischen Entscheidungen des Jahres 1989 sind noch am Leben, darunter der damalige Ministerpräsident Miklós Németh. Warum ist er nicht Teil der großen ungarischen Delegation, die heute in Berlin mit den Deutschen feiert?

Orban hin oder her: Der 10. September 1989 gehört zu den "Sternstunden der Menschheit" im Sinne Stefan Zweigs. Heute, am 30. Jahrestag, ist das ein Grund zum Feiern.

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