30 Jahre deutsche Einheit : Unterschiede zwischen Ost und West sind fast verschwunden

Nach dreißig Jahren sind Ost- und Westdeutschland zusammengewachsen, andere Trennlinien sind stärker. Aber das Gefühl der Zurücksetzung im Osten hat Gründe.

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Erst Feiern, dann Katerstimmung. Dreißig Jahre später sind Ost und West mit nur wenigen Lücken zusammengewachsen. Und anscheinend - meist - glücklich.
Erst Feiern, dann Katerstimmung. Dreißig Jahre später sind Ost und West mit nur wenigen Lücken zusammengewachsen. Und anscheinend...Foto: dpa

Den Ost-West-Gegensatz gibt es im 30. Jahr der Einheit so gut wie nicht mehr. Viel entscheidender dafür, ob es einer Region und den Menschen dort gut geht oder nicht, sind inzwischen das Gefälle zwischen Stadt und Land, zwischen Norden und Süden Deutschlands. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Donnerstag veröffentlichte Studie des „Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung“, die kurz vor dem 30. Jahrestag der Einheit am 3. Oktober 1990 in dreißig Kapiteln den Stand der Dinge beleuchtet hat. "Vielfalt der Einheit" ist ihr Titel, und unter anderem untersucht sie Bevölkerungsentwicklung, Gesundheit, Arbeitsmarkt, aber auch die Entwicklung von Einkommen und Vermögen und der Kriminalität in beiden Teilen.

„Die Abwanderung aus dem Osten in den Westen ist seit 2015 gestoppt und auch die Kinderzahlen steigen“, stellt die Studie fest. Es gibt inzwischen etwa ebensoviele Umzüge vom Westen in den Osten. Das mildert freilich kaum die Folgen der beiden Abwanderungswellen, der ersten nach dem Mauerfall, dann ein Jahrzehnt später erneut.

"Die schwach besetzten Jahrgänge der 1990er Jahre führen etwa eine Generation später dazu, dass es weniger potenzielle Eltern gibt.“ Außerdem profitierten die fünf östlichen Länder kaum von der Einwanderung aus dem Ausland, könnten also die damals entstandenen Lücken so nicht auffüllen. Als Grund nannte Manuel Slupina, Leiter des Ressorts Demografie am Institut und einer der Autoren, die mangelnden wirtschaftlichen Chancen im Osten außerhalb der Boom-Regionen.

Ostdeutschland ist heute so dünn besiedelt wie 1905

Während die Bevölkerung im Osten zwischen 1990 und heute auf den Stand von 1905 zurückfiel, leben im Westen heute doppelt so viele Menschen wie zur Jahrhundertwende. Diese Trennlinie zwischen Ost und West werde bleiben, prognostizieren Slupina und seine Kolleginnen: In allen fünf Ländern werde bis 2035 die Bevölkerung weiter schrumpfen, am stärksten in Sachsen-Anhalt, nämlich um 16 Prozent verglichen mit 2017. Berlin hingegen werde bis dahin um weitere elf Prozent wachsen. Gleichzeitig dürften aber auch im Westen fünf Bundesländer schrumpfen, weitere fünf wachsen - am stärksten Hamburg, der Südwesten und Bayern. Im kleinen Saarland werden dagegen fast neun Prozent weniger Menschen leben.

„Abgelegene Regionen verlieren – in Ost wie West“, heißt es in der Studie. Gewinnerinnen gibt es aber ebenfalls in beiden Himmelsrichtungen: „Leipzig kann bis 2035 sogar bundesweit mit dem größten Bevölkerungszuwachs rechnen.“ Attraktiv für Neubürgerinnen und -bürger seien auch Weimar, Jena, Halle oder Magdeburg, bemerkte Forscher Slupina bei Vorstellung der Studie. Die Trennlinie verlaufe in ganz Deutschland zunehmend „zwischen den attraktiven Großstädten samt Umland und den ländlichen Regionen fern der Zentren“.

Viel ist in dreißig Jahren offenbar auch im Leben der Einzelnen zusammengewachsen. So hat sich die Lebenserwartung in Ost und West, die seit den 1970er Jahren in den beiden deutschen Staaten auseinanderdriftete, bei den Frauen ganz und gar angeglichen. Sie können statistisch mit 83 Lebensjahren rechnen. Die Männer bleiben etwas zurück,Ostmänner haben zudem immer noch 1,3 Jahre Abstand zu den Geschlechtsgenossen im Westen. Insgesamt, so die Studie, habe der Osten gesundheitlich die „kardiovaskuläre Revolution“ im Westen aber nach 1990 rasch nachgeholt.

Während sich die DDR ab Ende der 1960er Jahre vor allem um die Erhaltung der Arbeitskraft der Werktätigen kümmerte, engagierte sich die Westmedizin gegen den Tod durch Herz-Kreislauf-Krankheiten, die massiv Ältere treffen. Hinzu kommt, so die Studie, dass man auch im Osten inzwischen gesünder lebt, wo früher mehr geraucht und getrunken wurde. Schon 20 Jahre nach 1990 war man hier wie dort ähnlich gesund, „der Trend hat sich bis heute fortgesetzt“.

Ostdeutsche haben 14 Prozent weniger Einkommen - aber die Geschlechterlücke dort ist schmal

Im wesentlichen aber, schreibt das Studienteam, bestimmen soziale Ungleichheit und das Einkommen die Lebensdauer: Im Speckgürtel um München können Männer heute damit rechnen, im Schnitt 81,2 Jahre alt zu werden, in Bremerhaven haben sie nur 75,8 Jahre. Beim Geld hängen vor allem die Menschen im Osten zurück: nach einer „anfänglichen Aufholjagd“ passiere seit Mitte der 1990er Jahre kaum noch etwas, Ostdeutsche haben im Schnitt 14 Prozent weniger Einkommen zur Verfügung als Westdeutsche. "Vor allem der Gender-Paygap hält sich hartnäckig“, sagt die Geografin Susanne Dähner, eine der Autorinnen der Studie. Hier ist der Osten dem Westen weiterhin weit voraus: Die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen beträgt dort nur sieben Prozent, in den alten Bundesländern bekommen Frauen im Schnitt satte 21 Prozent weniger bezahlt als Männer. In Europa sei die Geschlechterlücke nur in Estland größer.

Insgesamt sind die Deutschen so zufrieden mit ihrem Leben wie nie – im Osten fast genauso wie im Westen. Auf der Null-bis-zehn-Skala des Sozio-oekonomischen Panels, das auch diesen Wert jährlich misst, erreichten die Ostdeutschen letztes Jahr ein Allzeithoch von sieben Punkten, nur 0,17 Punkte weniger als der Westen. Der Glücksgraben verläuft eher von Norden nach Süden und unabhängig vom Geld: Am zufriedensten sind, seit etlichen Jahren, die Menschen im vielerorts strukturschwachen Schleswig-Holstein.

Jenseits der Daten gibt es aber offenbar weiter Gefühle von Zurücksetzung, die wenig mit Arbeitsmarkt, Gesundheit oder Lebenserwartung zu tun haben. Viele Menschen im Osten fühlen sich zu wenig gesehen und repräsentiert im gemeinsamen Deutschland: Unterschiede blieben bestehen, schreibt Catherina Hinz, die Direktorin des Berlin-Instituts im Vorwort zur Studie, "wenn Ostdeutsche sich in Medien oder anderen Bereichen kaum oder hauptsächlich negativ vertreten sehen".

Die Medien schauen vom Westen aus auf Deutschland

Die Studie nennt etwa die fehlenden Konzernsitze im Osten, dessen Wirtschaft weiter noch von mittleren Unternehmen geprägt ist, aber auch den Tunnelblick der Medien, die weiter von West nach Ost blickten: "Seit der Wende schaffte es Ostdeutschland vor allem als Problem auf die Titelseiten", heißt es in der Studie. Seit den 2000er Jahren sei der Osten als angeblich abgehängte Region beschrieben worden.

Es gebe nach wie vor wenige Köpfe mit ostdeutscher Biografie in den Redaktionen der großen Zeitungen. "Viele Ostdeutsche finden sich somit in den großen Medien kaum wieder, was dazu beitragen könnte, dass die Skepsis gegenüber Rundfunk und Presse höher bleibt."

Einen weiteren hartnäckigen Unterschied betonte der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz, der nächste Woche den regierungsoffiziellen Bericht zum Stand der Einheit veröffentlichen wird: den "Zustand der Demokratie in den neuen Ländern". Wanderwitz nannte während der Präsentation des Institutsberichts am Donnerstag die höhere "Neigung, extremistische Parteien zu wählen", zugleich sei das "Vertrauen in die Institutionen und die Demokratie auf erschreckend niedrigem Niveau". Es sei notwendig, die politische Bildung zu stärken. Er selbst werde sich verstärkt in Bürgerdialogen engagieren, sagte der sächsische CDU-Politiker, "um die, die mit der Demokratie fremdeln, abzuholen".

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