Angela Merkel : Das Alphaweibchen

Die Bundeskanzlerin versteht was von der Macht. Von den Frauen aber weniger.

Tissy Bruns

Jetzt wissen wir, dass wir ihn doch noch brauchen. Heute ist Frauentag; die alte Bundesrepublik hat ihn für sich erst entdeckt, als der Feminismus von Erfolg zu Erfolg eilte. In der DDR wurde er immer gefeiert, ungefähr so, wie im Westen der Muttertag begangen wurde. An diesem Tag musste der Chef, der Kollege, der Vati den Kaffee kochen.

Da war es ein schönes Zeichen gesamtdeutscher Eintracht, als die Kanzlerin, Herkunft Ost, vormals Frauenministerin, am Dienstag mit ihren Vorgängerinnen und aktuellen Ministerinnen 20 Jahre Frauenministerium ganz feministisch intonierte: ein zartes Ja zur Quote, mehr Frauen in die Dax-Vorstände, neue Männer müssen her. Als SPD-Ministerin Ulla Schmidt die Unions-Ministerpräsidenten mit jenen „Alphatierchen“ in Verbindung brachte, über die sich Familienministerin Ursula von der Leyen neulich lustig gemacht hatte, nickte Angela Merkel.

Sie weiß, wovon die Rede ist. Sie hat den Alphatierchen gerade wieder nachgegeben. In der Nacht zum Dienstag nämlich hat die Bundeskanzlerin ihre Frauenministerin richtig im Regen stehen lassen. Weil die 500 000 zusätzlichen Krippenplätze, die Christdemokratin von der Leyen bis 2013 schaffen will, in der Union den richtigen Anklang nicht finden, erging – ein Prüfauftrag. Verwirklichen will die Kanzlerin bei der Kinderbetreuung vorerst, was schon die rot-grüne Regierung ins Gesetz geschrieben hat.

Woran man sieht: Die Bundeskanzlerin versteht was von der Macht. Von den Frauen aber weniger. Bedarfsprüfung, wenn es um die überfällige Kinderbetreuung geht, und wohlfeile Worte über Dax- Vorstände oder männliches Rollenverhalten, das ist ein bewährtes Herrschaftsmuster: Symbolik, wo handfeste Taten versagt werden. Merkel hat, zugegeben, den Vorteil, dass sie sich aus dem Arsenal frauenrechtlicher Gesten bisher nur verhalten bedient hat. Als sie sich in der CDU an die Spitze gekämpft hat, war es Zumutung genug, Frau zu sein; der Kampf um Frauenrechte musste warten. Drum wirkt es erfrischend, wenn sich die erste Kanzlerin dann und wann dafür einsetzt.

Mit Dax-Vorständlerinnen, neuen Männern und Quotenbekenntnissen beeindruckt Merkel möglicherweise die Frauen, die ihren Aufstieg skeptisch verfolgt haben: die erfolgreiche Generation, die sich neue Rollen, neue Plätze im öffentlichen Raum erobert hat, die kulturelle Dominanz männlicher Muster aber immer noch ertragen muss. (Was, nebenbei, sogar für eine Bundeskanzlerin zutrifft.) Aber die Rechnung wird nicht aufgehen bei den Frauen, die Merkel als CDU-Vorsitzende gewinnen will und muss: bei den jungen Frauen, für die gute Schul- und Ausbildungsabschlüsse selbstverständlich geworden sind. Für die feststeht, dass sie arbeiten wollen, die in der Konkurrenz mit den Männern gute Karten haben – bis sie sich Kinder wünschen oder bekommen und auf einmal vor einem uralten Dilemma stehen.

Weil der CDU diese Frauen als Wählerinnen fehlen, hat die CDU-Vorsitzende ihrer Familienministerin mit Elterngeld und Betreuungsausbau bis vorgestern lange Leine gelassen. Das Motiv mag rein taktisch gewesen sein; aber es ist nicht nur unter taktischen Gesichtspunkten sträflich, wenn es nun beiläufig fallen gelassen wird. Der Zustand der Kinderbetreuung zählt zu den schlimmsten Modernisierungsdefiziten in Deutschland – und nicht zuerst der Frauen, sondern der Kinder wegen. Die Debatte, die von der Leyen in der Union ausgelöst hat, ist wirklich rückwärtsgewandt: Mit der Wahlfreiheit verteidigen die Älteren ihre Biografien, deren Legitimität niemand bestreitet – die sie ihren Töchtern oder Enkeln aber gar nicht wünschen können. Die Töchter müssen arbeiten. Und viele Enkel finden weder in der Nachbarschaft noch in der engeren und weiteren Familie genug von dem Elixier, das Kinder dringend brauchen: andere Kinder.

Von der Leyen hat Hoffnungen gemacht. Jede Frau hätte verstanden, wenn sie später oder nur zum Teil verwirklicht würden. Merkel aber enttäuscht, weil im Zweifelsfall auch die wichtigste Frauenfrage ihrem ersten machttaktischen Gebot weichen muss: bloß keinen Krach mit meinen Alphatierchen.

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