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Antisemitismus : Verrohung und Null-Toleranz an Berliner Schulen?

Zentralrat der Muslime wünscht sich Rabbiner und Imame zusammen in Schulklassen. Unklarheit besteht über die befremdliche Mail eines Schulleiters.

Aufstehen gegen Antisemitismus. Demonstration gegen Judenhass vor dem Brandenburger Tor.
Aufstehen gegen Antisemitismus. Demonstration gegen Judenhass vor dem Brandenburger Tor.Foto: picture alliance / Maja Hitij/dp

Nach den jüngst bekannt gewordenen Fällen von religiösem Mobbing und Antisemitismus durch muslimische Grundschüler in Berlin-Tempelhof mehren sich die Forderungen nach konsequenteren Reaktionen auf derartige Formen verbaler Gewalt. Der Verband Bildung und Erziehung hält zudem ein flächendeckendes Angebot von islamischem Religionsunterricht unter deutscher Schulaufsicht für geboten.

„Wir müssen die Debatte konstruktiv führen“, lautete am Dienstag der Appell des Bundesvorsitzenden Udo Beckmann. Angesichts der „allgemeinen Tendenz der Verrohung von Sprache und Umgangsformen“ insbesondere in sozialen Brennpunkten brauchten die Schulen „angemessene Bedingungen für gelingende Integration“. Dazu gehörten auch Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen. Grundlage des geforderten Islamunterrichts müsse ein Curriculum sein, bei dem sich „die Politik ehrlich macht und definiert, welche Auslegung des Islam mit unserer demokratischen Grundordnung vereinbar ist“.

"Wir stellen zehn Imame bereit"

Der Zentralrat der Muslime kündigte am Dienstag an, Imame in Schulklassen zu schicken. "Wir stellen zunächst konkret zehn Imame bereit, die vorzugsweise mit Rabbinern in die Klassen gehen", sagte der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP. Die Geistlichen sollten "für Dialog, Aufklärung und gegenseitige Achtung" werben. "Ich würde mich freuen, wenn die jüdischen Gemeinden mitmachen, dann könnten wir schon heute in Berlin beginnen und in Folge dies bundesweit ausbauen", sagte Mazyek. Ein Projekt, bei dem jüdische und muslimische Geistliche zusammen in Schulen gingen, gab es bereits - allerdings im kleinen Umfang. "Wir haben grundsätzlich in der Gesellschaft eine Zunahme von rassistischen und antisemitischen Fällen insgesamt, das betrifft auch die Schulen", sagte die Antidiskriminierungsbeauftragte in der Senatsverwaltung für Bildung, Saraya Gomis.

Die Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) registrierte für das Jahr 2017 an Schulen in der Hauptstadt 18 antisemitische Vorfälle, von denen einer, der sich in Friedenau ereignete, besonders folgenreich war. Im Vorjahr waren es noch sieben. RIAS-Projektleiter Benjamin Steinitz geht jedoch nicht davon aus, dass die Statistiken vollständig sind. "Mein Eindruck ist, dass wir es mit einer großen Dunkelziffer zu tun haben", sagte er AFP.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte mehr Unterstützung für Lehrer im Umgang mit antisemitischen Vorfällen. Die GEW nehme antisemitische Äußerungen und Aktivitäten "mit großer Besorgnis wahr", sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. Lehrkräfte bräuchten aber eine bessere Aus- und Weiterbildung in Sachen interkultureller Kompetenz.

Die Berliner CDU-Bildungsexpertin Hildegard Bentele forderte „alle Schulleiter dazu auf, für Null-Toleranz gegenüber Mobbing und Gewalt an ihren Schulen zu sorgen“. Es dürfe nicht mehr vorkommen, dass Mobbing-Opfer aus anhaltender Angst die Schule wechselten. „Wer andere Kinder verbal oder physisch bedroht und den Schulfrieden nachhaltig stört, fliegt raus!“, lautet der Appell der Abgeordneten. Im übrigen erwarte sie von den fünf Muslim-Verbänden, die im April eine Kooperationsverpflichtung mit der Humboldt-Universität zur Ausbildung von islamischen Theologen unterzeichnen wollen, „eine glasklare, öffentliche Stellungnahme zum Thema religiöses Mobbing an unseren Schulen“.

Die merkwürdige Mail des Schulleiters

Wie berichtet, hatten drei verschiedene muslimische Schüler bei drei Vorfällen in der Paul-Simmel-Schule ein jüdisches Mädchen unter Druck gesetzt, wobei sie bei den ersten beiden Vorfällen noch nicht wussten, dass sie einen jüdischen Vater hat. Bei diesen beiden Vorfällen in der zweiten und dritten Klasse hatten sie sinngemäß gesagt, dass „Nichtgläubigen der Tod gehört“. Der Schulleiter schrieb am Montag eine Mail an Elternvertreter, in der es zu diesen Vorfällen heißt, das Mädchen sei von den Mitschülern „angesprochen“ worden „zum Thema Glaube und Religion“. Diese Mail liegt dem Tagesspiegel vor.

Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung konnte auch am Dienstag noch nicht erklären, „warum der Schulleiter es so formuliert hat“. Die Verwaltung selbst nehme die Vorkommnisse „keineswegs auf die leichte Schulter“. Auch deshalb werde es ja ein vorgezogenes Gespräch zwischen den Eltern, der Schulleitung und der Schulaufsicht geben. Der Vater des Mädchens, der durch den Tagesspiegel von der Mail des Rektors an die Elternvertreter erfahren hatte, beschwerte sich am Dienstag bei der Schulaufsicht und der Antidiskriminierungsbeauftragten der Schulbehörde. Anscheinend versuche der Schulleiter die Angelegenheit „hinter unserem Rücken schönzureden, zu verharmlosen sowie die Eltern der Schüler teilweise gegen uns und unsere Kinder zu positionieren“, schrieb der Vater am Dienstag an die Behörde. Gegenüber dem Tagesspiegel betonte er, dass es bei den ersten Vorfällen nicht um Antisemitismus, sondern um religiöses Mobbing gehandelt habe. In der Schule kursierte auch ein IS-Enthauptungsvideo. „All diese Vorkommnisse sind abscheulich und gehören nicht in eine Grundschule“, heißt es in der Mail des Schulleiters an die Elternvertreter weiter.

Eine aktuelle Veranstaltung zum Thema

Auch unabhängig vom konkreten Fall gewinnt das Thema „Antisemitismus und Migration“ zunehmend an Relevanz. Etliche Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass antisemitische Einstellungen muslimischer Zuwanderer keine Einzelphänomene sind, sondern einen Großteil der Zuwanderer betreffen, wie jüngst auch eine Publikation der Universität Osnabrück darlegte. Deren Verfasser, der Islamwissenschaftler Michael Kiefer, wird seine Befunde am 26. April bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung darlegen. Außerdem dabei: Dervis Hizarci, Lehrer und Vorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus.

Anmeldungen zu der Veranstaltung „Antisemitismus und Migration“ unter www.berlin.de/politische-bildung oder direkt HIER.

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