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Beisetzung von George Floyd : Was bleibt, sind die Bilder – die seiner Qual und die des Widerstands

Der Tod von George Floyd könnte ein Wendepunkt der amerikanischen Geschichte sein. Doch die Geschichte der Sklaverei wird nicht durch Gesten ungeschehen gemacht.

Trauernde stehen vor dem Sarg von George Floyd während einer öffentlichen Gedenkfeier in der «The Fountain of Praise» Kirche.
Trauernde stehen vor dem Sarg von George Floyd während einer öffentlichen Gedenkfeier in der «The Fountain of Praise» Kirche.Foto: David J. Phillip/dpa

Welches Bild prägt sich ein? Welches hat Macht über die Erinnerung?

Da sind die vielen tausend Menschen, die am Vorabend der Beisetzung von George Floyd in der Hitze vor einer Kirche in Houston stehen, weil sie Abschied nehmen wollen. Sie bilden eine lange Schlange, ihre Temperatur wird gemessen, alle tragen Mund-Nase- Maske. In der Kirche „The Fountain of Praise“ steht der geöffnete, goldglänzende Sarg mit dem Leichnam des Getöteten. Gut zwei Wochen ist es her, dass ein weißer Polizist auf dem Nacken des 46-jährigen Schwarzen kniete, 8 Minuten 46 Sekunden lang, bis dieser jämmerlich erstickt war.

Sie war da, als es geschah, besser gesagt: als es getan wurde. Auf dem Weg zu Freunden war Darnella Frazier an jenem Montagabend in Minneapolis. Das 17 Jahre alte Mädchen sieht den Vorfall, zückt ihr Handy und hält alles fest, bis ein Rettungswagen kommt. Die Aufnahme wackelt kaum, ganz nah ist Frazier am Geschehen. Ein paar Stunden später lädt sie das Video auf Facebook hoch. Seitdem sieht die ganze Welt, was geschah, besser: was getan wurde.

„Rassismus wird nicht schlimmer, er wird gefilmt“, hat der Schauspieler Will Smith gesagt. „Jemand hat gesagt: ’Make America Great Again’. Aber wann war Amerika jemals großartig?“, fragte im Trauergottesdienst zur Beisetzung am Dienstag George Floyds Nichte Brooke Williams. Applaus brandete auf. Die Ursprungsmeldung der Polizei nach Floyds Tod lautete: „Mann stirbt nach medizinischem Vorfall während eines Polizeieinsatzes.“ Kalt, zynisch, verlogen ist das. Ohne den Mut und die Beherztheit eines zufällig anwesenden Mädchens hätten die Vertuscher gesiegt.

Wieder einmal.

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Die Menschen in Houston gehen zum Sarg, einige bekreuzigen sich, einige beten, einige ballen die Faust. Gebet oder Kampf? Hoffnung oder Aktion? Wer darin eine Alternative sieht, hat nicht verstanden, dass Geduld und Ungeduld in solchen Fällen zusammengehören. Die Geschichte der Sklaverei lässt sich nicht durch Gesten ungeschehen machen. Sie lässt sich gar nicht ungeschehen machen. Trotzdem kann etwas getan werden.

Die Polizei von Los Angeles kündigt Reformen an. Künftig soll der Würgegriff, bei dem die Blutzufuhr zum Gehirn unterbunden wird, nicht mehr angewendet werden. Ähnliches erklärt der Bürgermeister von Minneapolis. In Portland tritt die weiße Polizeichefin zurück und bestimmt einen afroamerikanischen Kollegen als Nachfolger.

Wird das das Problem lösen? Die führenden Demokraten im Kongress, die im Kapitol in der Bundeshauptstadt Washington im Gedenken an Floyd für 8 Minuten und 46 Sekunden niederknien? Joe Biden, der am Dienstag eine Videobotschaft in den Trauergottesdienst sendet und sich am Montag in Houston eine Stunde lang mit der Familie von Floyd traf?

Biden sieht „Wendepunkt“ in der amerikanischen Geschichte

Floyds Tochter Gianna ist sechs Jahre alt. Ihr Vater habe die Welt verändert, hat sie erklärt. „Ich denke, was hier passiert ist, ist einer dieser großen Wendepunkte in der amerikanischen Geschichte, was bürgerliche Freiheiten, Bürgerrechte und die gerechte Behandlung von Menschen mit Würde betrifft“, sagte auch Biden nach der Begegnung. „Er hörte zu, hörte ihren Schmerz und teilte ihr Leid“, sagte der Anwalt der Familie. Präsident Donald Trump dagegen, der vor einer Woche mit der Familie telefonierte, habe in dem „knappen“ Gespräch überwiegend selbst geredet.“

Ein schwarzer Mann wurde von vier weißen Polizisten getötet. „Ich kann nicht atmen“, hatte er immer wieder gesagt. Verbrechen dieser Art sind nicht selten. Eric Garner, 2014, Walter Scott, 2015. Im Trauergottesdienst am Dienstag werden auch ihre Namen verlesen.

Ein Gewissen regt sich. Im kollektiven Aufschrei gegen rassistische Ressentiments formiert sich eine transnationale Wertegemeinschaft. Menschenrechte, Liberalismus, Demokratie: Mit dem Bewusstsein für die Fragilität dieser Werte wächst die Bereitschaft, sie zu verteidigen. Geduld und Ungeduld finden dabei zusammen, nicht ein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.

Der Konflikt verläuft zwischen denen, die verstanden haben und denen, die nicht verstehen wollen

„Lean on me“, singen die einen. Andere schleifen die Statue eines Sklavenhändlers. Weiße Polizisten knien, um zu zeigen, dass auch sie Rassismus ablehnen. Protestierende übersprühen Donald Trumps Stern auf dem berühmten „Walk of Fame“ in Hollywood mit schwarzer Farbe. Der Unterschied in den Protestformen verläuft nicht zwischen friedlich und gewalttätig, weiß und schwarz, uniformiert und zivil. Sondern zwischen Menschen, die verstanden haben, und Menschen, die nicht verstehen wollen.

Im US-Bundesstaat Virginia fährt ein Anhänger des Ku-Klux-Klan in eine Gruppe von Demonstranten. Der 36-jährige Mann wird festgenommen. In der Stadt Seattle zeigen Aufnahmen eines TV-Senders, wie ein Mann sein Auto bei einer Anti-Rassismus-Kundgebung in Richtung der Demonstranten steuert, dann mit einer Pistole in der Hand auf die Menge zugeht und schießt. In Buffalo stoßen Polizisten einen 75 Jahre alten Demonstranten auf den Boden und verletzen ihn dabei am Kopf. Mit Blutungen bleibt der Mann auf dem Bürgersteig liegen. Der Mann „könnte ein Antifa-Provokateur“ sein, höhnt Trump später auf Twitter.

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Die Zeit des Leugnens und Bagatellisierens ist vorbei: Das ist die Botschaft. Über alle Formen des Rassismus muss gesprochen werden – den historischen, den systemischen, den systematischen. Über die Polizei-Ausbildung in den USA muss gesprochen werden, über deren Dauer, den Corpsgeist und die Frage, warum Menschen mit Vorstrafen angestellt werden.

Sargträger bringen den Sarg von George Floyd zur Beerdigung in die Kirche The Fountain of Praise.
Sargträger bringen den Sarg von George Floyd zur Beerdigung in die Kirche The Fountain of Praise.Foto: Godofredo A. Vásquez/dpa

Welches Bild prägt sich ein? Zur Ikone wurde Martin Luther King mit seinen Worten „I have a dream“. Er hielt die Rede vor mehr als 250 000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington D.C. Das war am 28. August 1963. Ein Jahr später erhielt er den Friedensnobelpreis, 1968 wurde er ermordet.
„Wir gehen an diesem 28. August nach Washington zurück, um diesen Traum wiederherzustellen und uns ihm zu verpflichten.“ Das kündigte der Bürgerrechtler Al Sharpton an, der auch am Dienstag in der Kirche sprach. Teilnehmen sollen alle Afroamerikaner, die den Schmerz kennen, einen Angehörigen durch Polizeigewalt verloren zu haben. „Es ist Zeit für uns, in Georges Namen aufzustehen und zu sagen: Nehmt euer Knie aus meinem Nacken.“

Das Knie, die Protestmärsche, der Trauergottesdienst: All das wird im Gedächtnis bleiben, das Gedächtnis formen. Einen Rassismus, der sich subtil gegen Aufmerksamkeit imprägniert, sollen Handys wie das von Darnella Frazier ins grelle Licht ziehen. Ihr Vater habe die Welt verändert, hat Gianna, die sechs Jahre alte Tochter von George Floyd, gesagt. Damit das geschieht, muss sich die Welt verändern.

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