zum Hauptinhalt
Ein Familienvater im Supermarkt.

© Getty Images/Jacob Fergus

Die AfD entdeckt die Verteilungs­frage: Hohe Lebenshaltungskosten werden zum Wahlkampfthema Nummer eins

Die Deutschen müssen einen immer größeren Teil ihres Einkommens für Wohnen und Lebensmittel ausgeben. Besonders in den Städten ist das ein Problem. Das sorgt für Zündstoff vor den Landtagswahlen 2026.

Stand:

Im Superwahljahr 2026 dürften Politiker aller Parteien sehr genau auf dieses Umfrageergebnis schauen: Eine Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland fühlt sich belastet durch steigende Preise, hauptsächlich bei Lebensmitteln.

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle, repräsentative Befragung des Forsa-Instituts im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Demnach machen sich 58 Prozent der Menschen Sorgen angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten und der finanziellen Situation ihres Haushalts.

Ein Thema mit Zündstoff. In den USA gab die „Bezahlbarkeitskrise“ zuletzt bei mehreren Wahlen den Ausschlag. In New York gewann der 34-jährige sozialistische Demokrat Zohran Mamdani mit einer entsprechenden Wahlkampagne für ein bezahlbares Leben in der Stadt die Bürgermeisterwahl – gegen den Kandidaten des Establishments, Andrew Cuomo.

Attorney General Letitia James Democrat of New York, left, administers the oath of office to Zohran Mamdani, center, to be Mayor of New York, New York, USA at old City Hall Station on Thursday January 1, 2026. Holding bibles at right is Mayor Mamdanis wife Rama Duwaji. Copyright: xPoolxphotox 2026xThexNewxYorkxTimesxfromxConsolidatedxNewsxPhotosxAllxRightsxReservedx
Ein Vorbild für Linke und Grüne: New Yorks neuer Bürgermeister Zohran Mamdani, hier bei seiner Vereidigung.

© Imago/CNP/New York Times/Pool

Dieses Erfolgsrezept wollen Grüne und Linke bei den kommenden fünf Landtagswahlen kopieren. Die Chefin der Linkspartei, Ines Schwerdtner, schaute sich dafür in New York extra Mamdanis Wahlkampf an. „Wenn man hier, im Herzen des Kapitalismus, gewinnen kann, kann man überall gewinnen“, sagte sie euphorisch.

In den vergangenen Jahren sind unterschiedliche Güter im alltäglichen Leben sehr viel teurer geworden. Das haben die Menschen sehr stark gespürt.

Matthias Diermeier, Ökonom vom Institut der deutschen Wirtschaft

Aber stimmt das wirklich? New York ist eine der teuersten Städte der Welt. Können hohe Lebenshaltungskosten auch in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin Wahlen entscheiden?

Kaufkraftverluste durch Inflation

Ein Blick auf die aktuellen Preissteigerungen legt das zunächst nicht nahe. Im Dezember betrug die Inflationsrate nur 1,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Der aktuelle Preisanstieg geht jedoch von einem sehr hohen Niveau aus.

„In den vergangenen Jahren sind unterschiedliche Güter im alltäglichen Leben sehr viel teurer geworden. Das haben die Menschen sehr stark gespürt“, sagt der Ökonom Matthias Diermeier, der beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft zu den politischen Folgen sozialer Ungleichheit forscht.

Tatsächlich ging die Kaufkraft vieler Menschen durch die hohe Inflation in den Jahren 2021 bis 2023 zwischenzeitlich stark zurück. Laut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sind Reallöhne zwar wieder auf dem Vor-Corona-Niveau. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings, dass Angestellte sechs Jahre keine Wohlstandsgewinne erfahren haben.

Hinzu kommt: Nicht bei allen Beschäftigten hätten steigende Löhne die höheren Preise ausgleichen können, sagt der Volkswirt Max Steinhardt von der Freien Universität Berlin.

Hohe Preise lassen sich emotionalisieren

Vor allem arme Menschen leiden unter den steigenden Lebenshaltungskosten. Laut Statistischem Bundesamt gaben Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1300 Euro 2023 im Schnitt 64 Prozent ihrer Konsumausgaben für Lebensmittel und Wohnen aus. Im Durchschnitt aller Haushalte lag der Anteil bei 52 Prozent. Das ist jeweils noch einmal etwas mehr als bei der vorherigen Erhebung im Jahr 2018.

Politisch relevant werden die gestiegenen Preise vor allem, wenn Emotionen ins Spiel kommen, erläutert Matthias Diermeier: „Das können die hohen Preise für den Schokoosterhasen sein oder die hohen Energiepreise, die von AfD und BSW mit den Sanktionen gegen russisches Öl und Gas in Verbindung gebracht werden.“

Berlin besonders betroffen

Insbesondere in den Großstädten wird das Leben immer teurer. Lebensmittelpreise und der Spritpreis sind zwar in Deutschland vergleichbar, aber die Wohnkosten sind in den Ballungsgebieten besonders hoch.

In Berlin etwa fließen nach Angaben des Postbank Wohnatlas bei einer 70 Quadratmeter großen Bestandswohnung durchschnittlich 27,1 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens nur in die Miete. Deutschlandweit ist das der höchste Wert.

Auch der Kauf einer Eigenheimwohnung ist in Berlin besonders teuer: 2024 verschlangen die jährlichen Kosten für Zinsen und Tilgung über 43 Prozent des Haushaltseinkommens.

Entsprechend dominieren in Berlin vor der Wahl im Herbst die hohen Wohnungskosten die politische Debatte. Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp rief im Dezember einen „Mieten-Notstand“ aus. Die Partei will große Wohnungskonzerne enteignen und bei kommunalen Wohnungen einen Mietendeckel einführen. Eine Sozialquote bei Neuvermietungen schlagen Linke und Grüne vor.

Auch die Berliner Regierungsparteien CDU und SPD wollen die Wohnungsnot angehen. Die Koalition verabschiedete ein Schneller-Bauen-Gesetz und möchte vorrangig den Neubau ankurbeln. In der ersten Januarwoche beschloss der Senat zudem einen Gesetzentwurf für mehr Mieterschutz, um das „Wohnen auf Zeit“ in bestimmten Kiezen zu verbieten.

Für viele, die eine neue Wohnung suchten, sei das Leben in den Metropolen kaum noch bezahlbar, sagt der Wohnungsmarktexperte Max Steinhardt. Dieses Problem werde 2026 bei den Wahlen in allen Ballungsräumen ein wichtiges Thema.

Zeigen dürfte sich das auch bei den Kommunalwahlen in Bayern und Hessen, wo die Wohnkosten rund um München und Frankfurt besonders hoch sind. Nicht nur linke Parteien wollen von der Wohnungsnot profitieren, sagt Steinhardt. Auch die AfD mache damit Wahlkampf.

Im Südwesten dominiert die Angst um Jobs

Auch in Baden-Württemberg, wo Anfang März der Landtag gewählt wird, wohnt man teuer. Im Wahlkampf dominiert im stark industrialisierten Südwesten dennoch ein eher klassisches Thema: die Sorge der Menschen um ihren Arbeitsplatz.

„Vor allem die Zukunft der Automobilindustrie und der energieintensiven Industrie erscheint vielen Bürgern unsicher“, sagt Ökonom Matthias Diermeier. Es gebe eine Angst vor der Deindustrialisierung, die nicht nur unmittelbar Betroffene umtreibe.

„Die AfD bespielt diese Angst, indem sie etwa zum Widerstand gegen die europäische Klimapolitik aufruft“, sagt Diermeier. Zugleich wetteifern die Ministerpräsidentenkandidaten Manuel Hagel (CDU) und Cem Özdemir darum, wer die Wirtschaft wieder in Gang bringen kann.

Osten sieht sich benachteiligt

Im Osten sind die Wohnkosten auch unter Berücksichtigung der geringeren Einkommen vergleichsweise gering.

Die Hälfte der Menschen in Sachsen-Anhalt ist der Meinung, dass sie nicht den gerechten Anteil am Wohlstand im Land erhalten.

Marcel Lewandowsky, Professor für Politikwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Dennoch könnten gestiegene Preise bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt relevant werden.

„Die Hälfte der Menschen in Sachsen-Anhalt ist der Meinung, dass sie nicht den gerechten Anteil am Wohlstand im Land erhalten“, sagt der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Die hohen Preise spielen dabei eine entscheidende Rolle: Laut Sachsen-Anhalt-Monitor geben 46 Prozent der Menschen ohne akademischen Abschluss an, dass sie am Ende des Monats kein Geld zurücklegen können. Dieser Aussage stimmen auch 68 Prozent der Menschen zu, die weniger als 1500 Euro netto im Monat verdienen.

Politisch sei die Verteilungsfrage nach rechts gerückt, sagt Lewandowsky: „61 Prozent der Menschen, die sich wirtschaftlich benachteiligt fühlen, tendieren zum Wählen rechter Parteien, nur 39 Prozent wollen linke Parteien wählen.“ Wer sich abgehängt fühle, mache dafür oft Migranten verantwortlich, sagt Lewandowsky. „Dieses fremdenfeindliche Narrativ bedient die AfD, die politische Linke kann und will das nicht.“

Auch so lässt sich der Aufstieg der AfD in Ostdeutschland erklären.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
false
isPaid:
false
console.debug({ userId: "", verifiedBot: "false", botCategory: "" })