Bürgerrechtler als Bürgermeister : Frank Richter will Meißen versöhnen

Reden, mit allen - sein Lebensthema. Frank Richter will Meißens Bürgermeister werden. Womöglich hat er einen Weg gefunden, die Erosion der Demokratie aufzuhalten.

Frank Richter erfährt Unterstützung - und wird angefeindet.
Frank Richter erfährt Unterstützung - und wird angefeindet.Foto: Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Bequemer Sitz, aufrechte Haltung, Dreigang-Nabenschaltung für die Höhen und Tiefen zwischen Schlossberg und Triebischtal. Das sind die scheinbar einfachen Zutaten für ein Wunder in Sachsen. Das Meißner Rathaus fest im Blick, biegt Frank Richter mit seinem Wahlkampf-Fahrrad auf das holprige Pflaster des Marktplatzes ein.

Der ehemalige katholische Pfarrer Frank Richter, bekanntgeworden als Bürgerrechtler, bekannt dafür, mit wirklich allen, auch mit angeblich weit Rechtsaußenstehenden zu reden, hat hier ein säkulares Wunder vollbracht. Am 9. September bei der Wahl zum Meißner Oberbürgermeister bekam er aus dem Stand die meisten Stimmen: 36,7 Prozent. Der Konkurrent, der Meißen seit 14 Jahren regierende Olaf Raschke, bekam 32,5.

Aber damit ging das Gezerre erst los. Denn der Mann, der als Vermittler bekannt wurde, als Pegida-Versteher beschimpft, der Kathrin Oertel und Lutz Bachmann, den Repräsentanten dieses Bündnisses, einen Raum für eine Pressekonferenz zur Verfügung gestellt hatte – weil er als Chef von Sachsens Landeszentrale für politische Bildung über solche Räume verfügte –, er muss am Sonntag die Stichwahl für sich entscheiden. „Und die AfD hat mich zu ihrem Hauptfeind erklärt.“

Bei der Bundestagswahl bekam die AfD hier 37 Prozent

Deshalb ist sein von drahteseliger Nahbarkeit geprägter Wahlkampf noch nicht zu Ende an diesem letzten Sommer-Donnerstag im September. Aus dem Stadtbild recken sich Richter Hände entgegen. Die Gesichter brechen zu einem euphorischen Lächeln auf. Einer steckt ihm ein gefaltetes Blatt zu: „Mal was zum lächeln“, sagt er. „Eine Seite aus meiner Stasi-Akte.“

Aus der tausendjährigen Stadt Meißen kommen Pegida-Gründer. Bei der Bundestagswahl bekam die AfD hier 37 Prozent. Nun, bei Durchgang Nummer eins der Bürgermeisterwahl, bekam deren Kandidat nur noch 13,7 Prozent. Kann man da im Ernst noch von einer AfD-Hochburg sprechen?

Während im ganzen Land die Parteien erodieren, wird der AfD inzwischen alles zugetraut. Die Umfragezahlen sagen der Partei deutschlandweit 18 Prozent voraus, sie wäre damit die zweitstärkste politische Kraft im Land, vor der SPD. Und da hat Richter in Meißen ausgerechnet der AfD die Butter vom Brot genommen? Frank Richter ist plötzlich die Alternative zur Alternative.

Am Donnerstagmittag steht er, ein Quarkkeulchen mit Apfelmus in der Hand, an den Tischtennisplatten im Park an der Nikolaikirche. Die mobile Suppenküche der Heilsarmee parkt hier. Die Gäste sitzen auf den Platten, ihr Bier bringen sie selber mit. Hier beginnt das Triebischtal, Meißens sozialer Brennpunkt, wo es die meisten Nichtwähler gibt und eine offene Drogenszene. Es sind Probleme, wie sie überall auftreten: Schulprobleme, Verkehrsbelastung, Politikverdruss.

Zum ersten Mal seit langer Zeit wird diskutiert

Und deshalb schaut das ganze Land zu. Richter arbeitet ja in Wahrheit an einem Muster, einem Prototypen: Wie kommen die Menschen in Deutschland wieder miteinander ins Gespräch? Wie weckt man das Interesse von Nichtwählern, die diesem Staat innerlich gekündigt haben? Ja, wie verhindert man die Erosion der Demokratie?

Richter war von der Bürgerinitiative „Meißen kann mehr“ aufgestellt worden. Das war schon der erste Streich, denn die Initiative ist überparteilich und bedient das große Bedürfnis, gegen die etablierten Parteien, gegen „das Establishment“ zu handeln.

Richter, 58 Jahre alt, ist im Mai hergezogen, Wohnung mit Elbblick, und fuhr Monate mit dem Fahrrad herum, immer wieder mit den Leuten redend. Und zum ersten Mal seit langer Zeit diskutierten sie wieder.

Ausgerechnet der Vermittler habe Gräben aufgerissen, sagen seine Gegner nun. Die Stadt, ihre knapp 28.000 Einwohner, seien jetzt gespalten wie nie. „Die Gräben waren schon vorher da“, sagt Richter. „Aber jetzt redet man darüber.“ Nach der „Friedhofsruhe“ von 14 Jahren Olaf Raschke sei endlich einmal gestritten worden. Streit ist gesund für die Demokratie. Schon dieser Wahlkampf habe Meißen positiv verändert.

Diese merkwürdige Verdruckstheit

Es sei etwas aufgebrochen, eine Ahnung von Hoffnung habe die Lethargie hinweggefegt. Diskussion sei schließlich Methode und Sinn eines Wahlkampfes. „Wenn ich verliere, schreibe ich ein Buch über den Wahlkampf in Meißen“, sagt Richter trotzig. Denn seine Erkenntnisse sind zu wertvoll, um nicht übertragen zu werden.

Dazu gehört auch die merkwürdige Verdruckstheit vieler Bewohner. Über das holprige Kopfsteinpflaster kommt ihm jemand aus dem Stadtrat entgegen, der ihm begeistert Erfolg wünscht. Er wolle den Wechsel im Rathaus! Nur leider könne er das nicht öffentlich sagen, für den Fall, dass er nach der Wahl doch noch mit dem alten Bürgermeister zusammenarbeiten müsse.

51 Prozent der Meißner sind gar nicht zur Wahl gegangen

Richter sieht ganz alte Mechanismen am Werk. Die Ostdeutschen hätten in der DDR verinnerlicht: Wer sich mit Politischem aus dem Fenster lehnt, sich mit seiner Meinung festlegt, gerät persönlich in Schwierigkeiten. Also drucksen sie, für den Fall, dass sich die Machtverhältnisse irgendwann ändern. Dann wollen sie sich nicht festgelegt haben. Und Ängstliche beugen sich nicht erst der Macht, sondern schon dem Machtgebaren. Wo wiederum die AfD ins Spiel kommt.

51 Prozent der Meißner sind gar nicht zur Wahl gegangen. Die heutigen Nichtwähler, sagt ein Meißner, sind genau die, die auch die Wende 1989 hinter der Gardine abgewartet haben. Das waren ja auch damals die meisten.

Es gebe, sagt Richter, dieses weit verbreitete Missverständnis: Dass nämlich Demokratie ein für alle mal herstellbar sei. Doch Demokratien könnten degenerieren in autokratische Systeme, wenn sie nicht lebendig von unten nach oben wirkten. „Das muss in einer Verwaltung täglich passieren!“

Auch innerhalb der Bürgerinitiative, die ihn aufgestellt hat, fanden Auseinandersetzungen statt. In so einer Gruppe säßen naturgemäß starke Charaktere. Der Bauunternehmer Ingolf Brumm zum Beispiel, der 2015 eines seiner Häuser für Flüchtlinge zur Verfügung stellen wollte. Nach einem Brandanschlag sagte ihm die Stadt, er solle aufhören, darüber zu reden. Das schade dem Image Meißens.

Aggressiv oder moderat - wie sollte er auftreten?

Oder die Marketing-Fachfrau Ute Czeschka, die sich in Elternvertretungen engagiert hatte und immer wieder in letzter Instanz vor die Wand gelaufen war. „Alles Alpha-Tiere.“ Jedes dieser Alpha-Tiere hätte wohl das Zeug zum Bürgermeister, sagt Richter. Im Wahlkampf waren sie sich vor allem uneins über den Ton, den seine Kampagne haben sollte.

Die eine Seite wollte, dass er aggressiver auftrete, kantiger, Paroli biete, zuspitze, das käme hier an. Die andere Seite wollte, dass er unter keinen Umständen die Brüllerei mitmache. Denn genau das zeichne ihn aus.
Nun war sein Wahlkampfmotto: „Zuhören und gemeinsam handeln“. Es ist fast unmöglich, aggressiv zuzuhören.

Richter hatte diese Haltung aus einer Richterschen Ursituation entwickelt, die sich in wechselnden Konstellationen seit 1989 für ihn immer wiederholt: Zwei scheinbar unvereinbare Seiten stehen sich gegenüber, die er zum Gespräch an einen Tisch bringt.

Richter, 1989 junger katholischer Kaplan, hatte bei der großen Demonstration am 8. Oktober 1989 in Dresden – einen Tag nach dem 40. und letzten Geburtstag der DDR –, als nicht sicher war, ob Waffengewalt eingesetzt würde, mit der „Gruppe der 20“ eine Delegation gebildet, die mit der Regierung verhandelte. Sie verhinderte, dass Volkspolizisten auf das Volk einprügelten. Es war die entscheidende Stelle, an der sich entschied, dass die Wende gewaltlos vonstatten gehen würde. Im Nachhinein erscheint das wie das größte Wunder. Auch er selbst vereinte seit 1989 scheinbar Unvereinbares.

Seit 30 Jahren predigt er das gleiche

Denn Richter verliebte sich später, gab das Priesteramt auf, arbeitete für die sächsische Landeszentrale für politische Bildung und tourte mit Dialog-Formaten durch die Kommunen. Im vergangenen Jahr trat er nach 25 Jahren aus der CDU aus. Seine Kandidatur ist nun der Praxistest, die Feuertaufe für eine Methode, die er in mehr als 30 Jahren gepredigt und entwickelt hat. Richter, früher immer Vermittler, nun erstmals selbst Kandidat, musste vom Moderations- in den Angriffsmodus schalten.

In der letzten Woche, als die anderen ihre Pfründe schwinden sahen, wurde der Ton hässlicher. Eine Pressemitteilung der AfD verkündete, Richter sei ein Garant für Massenimmigration. Ein AfD-Flugblatt rief dazu auf, nun doch den parteilosen und von der CDU unterstützten Olaf Raschke zu wählen: „Er ist das kleinere Übel.“ Und der „Wendehalstrojaner“ Richter, hieß es, sei nie ein Bürgerrechtler gewesen.

Frank Richter lässt an diesem Donnerstag vor der Wahl im Meißner Kino, fünf Uhr, die Fakten sprechen. Er hat historisches Filmmaterial von 1989 dabei, die Beteiligten von damals sitzen leibhaftig vorn: Detlef Pappermann, der Polizist, den Richter damals in der Masse der Demonstranten ansprach, und der sich auf ein Gespräch einließ. Polizist ist er noch heute. Wolfgang Berghofer, der damalige Dresdner Oberbürgermeister, damals SED, der eigenmächtig entschied, dass er mit Abgesandten reden würde.

Es sei ja heute wie damals, sagt Berghofer launig ins Mikrofon: „Wenn die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen, dann ist Revolution.“ Da lacht der Saal. Die Einladung, aus allem, was jetzt kommt, Parallelen zu ziehen, haben sie da schon angenommen.

Der Polizist Pappermann erzählt, wie er sich in der Menschenmenge 1989 auf der Prager Straße in Dresden plötzlich alleine mehreren Demonstranten gegenüberfand. Wie er mit ihnen redete, obwohl das verboten war. „Das Komische war: Es hat mir hinterher auch keiner übel genommen.“ Der ehemalige SED-Politiker Berghofer schob im Rathaus die grünen Samtvorhänge beiseite und sah draußen tausende Menschen schweigend vorbeigehen. „Wir feierten drinnen noch den Staat, das 40-jährige Jubiläum der DDR – da hatte das Volk sich draußen schon längst anders entschieden.“

"Wir haben uns schätzen und achten gelernt"

Auf der Leinwand trägt der junge Frank Richter noch einen Bart. „Wir waren damals keine Freunde, sondern Gegner“, sagt Berghofer über Richter. „Aber wir haben uns schätzen und achten gelernt. Wenn man so miteinander umgeht, kann man jedes Problem lösen.“

Was als Geschichtsstunde gedacht war wegen der AfD-Vorwürfe, ist nun eine längst fällige Auffrischungsimpfung in Selbstwirksamkeit geworden. Veränderung ist möglich, wenn man nur will! Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten. Auch in einer erstarrten Umgebung. Und das ohne Gewalt. Kann man das nicht noch einmal haben? Vollgepumpt mit dem Gefühl, Geschichte zu machen, ziehen sie in den Rathaussaal, zur Diskussion der drei verbliebenen Kandidaten. Donnerstagabend, es sind noch drei Tage bis zur Wahl.

In der Mitte sitzt Richter, rechts und links zwei Moderatoren von der „Sächsischen Zeitung“, außen Amtsinhaber Olaf Raschke und der FDP-Mann Martin Bahrmann. Die Beteiligten sind erkennbar warmgelaufen. Richter punktet jetzt auch mit Detailwissen über die Stadt. Bahrmann bietet sich als Vermittler an und Raschke betont, er sei lernfähig und habe einen Weckruf bekommen. Unter den alten Holzbalken des Rathauses bilden sich Klatsch-Cluster für den einen oder den anderen. Unterstützer. Grummler. Einer, der unvermittelt brüllt, „Raschke, du Lügner.“

Man hatte Richter vorgeworfen, dass er nur eine Methode anbiete, kein konkretes Programm gegen tatsächliche Probleme. Doch im Lauf des Wahlkampfes stellte es sich heraus, das fehlende Gespräch war offenbar das Problem selbst. Was nütze das beste Programm, wenn man es nicht an den Mann bringe?

Da war keine Macht, nur Machtgebaren

Es ist wie meistens: Die Angst vor den Dingen ist größer, als die Dinge selbst. Die AfD ist hier eine Chimäre. Sie wirkt eher verzweifelt. Ihr Kandidat Joachim Keiler hatte in den Wahlkampfdiskussionen ständig Meißen und Dresden verwechselt. Da war keine Macht, nur Machtgebaren.

Vorne sind die Redezeiten in Minuten gerecht verteilt. Schwerlastverkehr, Schulprobleme, wohin mit dem Tierpark? Dann kommt doch noch die Gretchen-Frage: Wie hältst du’s mit der AfD?
Die Pressemitteilung der AfD, Richter sei für Massenimmigration – wie stehen die Kandidaten dazu? Nun werden sie gezwungen, sich zu positionieren. Sie drucksen etwas. Bahrmann eiert herum, die Aussagen zeigten die Gespaltenheit der Stadt. Lauter Unmut signalisiert ihm, dass er noch anfügen muss, er sei „mit dem Inhalt nicht zufrieden“. Olaf Raschke, der Profiteur der AfD-Wahlempfehlung, sagt, Meißen sei weltoffen und genieße einen Austausch mit Japan. Dann fügt er doch noch an, er könne sich dem Flyer überhaupt nicht anschließen.

Später sitzen Richter und Unterstützer bei „Vincenz Richter“. Meißens ältestes Gasthaus. Mitglieder der Bürgerinitiative, ein Polizeiseelsorger, auch Berghofer ist noch da. „Verwaltung kann man lernen“, sagt er zu Richter. Der besitze vor allem die Eigenschaften, die man nicht lernen kann. Der Wirt, ein Unterstützer der ersten Stunde, entkorkt selig einen Riesling vom Weingut der Familie und will schon einmal auf den neuen OB anstoßen.

Aber noch ist die Anamnese nicht abgeschlossen. Allen, die hier sitzen unter zu Lampen umgebauten Ritterhelmen, fiel auf, wie die Stimmung im Saal verkrampfte, als Richter sagte: Wir leben in einer freien, offenen Gesellschaft. Sie hätte sich lösen müssen. Seit 1989 ist offenbar das Versprechen der Freiheit, die sie einmal eingefordert haben, zu einer Drohung geworden. Die Demokratie, mit ihren Eigenschaften, macht vielen Angst. So lange, bis man selbst das Ruder in die Hand nimmt.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!