Bürgerschaftswahlen : Berliner, schaut neidisch auf Hamburg!

Kühl und distanziert - ach was, das sind nur Klischees über den Norden. Wir sagen hier, wo die Hamburger viel besser sind.

Hamburg, eine Perle. Hier die Aussichtsplattform Altonaer Balkon
Hamburg, eine Perle. Hier die Aussichtsplattform Altonaer BalkonFoto: imago/Schöning

An diesem Sonntag wird in Hamburg gewählt. Die Stadt ist zurzeit das letzte Bundesland mit rot-grüner Regierung, war aber auch schon mal Vorreiter für Schwarz-Grün – das war 2008. Der ehemalige Bürgermeister Ole von Beust (CDU) könnte sich nach der kommenden Wahl auch „Jamaika“ vorstellen, ein Bündnis aus CDU, Grünen und FDP. Aber dazu wird es wohl kaum kommen, noch nicht einmal zu Grün-Rot. Denn die Grünen werden vermutlich doch hinter der SPD landen, auch wenn diese mit Verlusten zu rechnen hat.

Mehr als 30 Gründe, um auf Hamburg neidisch zu sein

Doch um politische Farbkombinationen soll es hier gar nicht gehen, sondern um den heimlichen Neid-Schmerz der Berliner… Denn Berlin schaut normalerweise mit einer gewissen Arroganz oder, schlimmer, gespielten Gleichgültigkeit auf die Hansestadt. Dabei gibt es genügend Gründe für die Hauptstädter, sehr neidisch auf Hamburg und in den Norden zu schauen.

Wir haben mal alle diese Gründe für Sie gesammelt und in diesem Text gefettet und steigen gleich mit dem Existenziellsten ein…

Liebe…zur eigenen Stadt.
Berlin liebt das, was es zu sehen glaubt – oder das, was auch sein könnte. Aber die Stadt selbst wird höchstens sehr indirekt geliebt. Deshalb stammt die einzig gültige, weil ehrliche Liebeserklärung von Peter Fox:

Guten Morgen Berlin Du kannst so hässlich sein
So dreckig und grau
Du kannst so schön schrecklich sein
Deine Nächte fressen mich auf
Es wird für mich wohl das Beste sein
Ich geh nach Hause und schlaf' mich aus
Und während ich durch die Straßen laufe
Wird langsam schwarz zu blau

Und Hamburg? Die Stadt, auch ein eigenes Land, liebt das, was wirklich ist: die Stadt, „meine Perle“. Selbst wenn die Kult-Hymne von Lotto King Karl beim HSV gar nicht mehr gespielt wird – Hamburg wird geliebt. Da kann das Wetter sein, wie es will. Und der Erste Bürgermeister aus Danzig stammen (Ortwin Runde), aus Osnabrück (Olaf Scholz) oder sogar – horribile dictu – aus Bremen (Peter Tschentscher).

Hamburg bekommt die härtesten Knochen weich: Helmut Schmidt

Hat Hamburg dich einmal, hat es dich für immer. Wie sagte noch Helmut Schmidt, der Hamburger schlechthin: „…diese großartige Synthese einer Stadt aus Atlantic und Alster, aus Buddenbrooks und Bebel, aus Leben und Lebenlassen. Ich liebe diese Stadt mit ihren kaum verhüllten Anglizismen in Form und Gebärden, mit ihrem zeremoniellen Traditionsstolz, ihrem kaufmännischen Pragmatismus und ihrer zugleich liebenswerten Provinzialität.“

Das macht sie aus: Diese Stadt kriegt noch die härtesten Knochen weich.

Helmut Schmidt, 1962, beim Hochwasser, Innensenator in Hamburg.
Helmut Schmidt, 1962, beim Hochwasser, Innensenator in Hamburg.Foto: picture alliance /Blumenberg/dpa

Ob Langenhorn oder Barmbek, ob Wandsbek oder Blankenese oder die Alsterdörfer – Hamburg ist nah am Wasser gebaut, auch wenn man es nicht überall sieht. Daraus folgt…

Sentimentalität. Die dem Berliner eher fremd ist, oder? Herz mit Schnauze: Der gemeine Berliner schnoddert sich einen und denkt, nicht gemeckert ist genug gelobt. In Hamburg sind die Schnoddrigen dagegen die, die nur mal so, aus Sentimentalität was Nettes tun. Da entdeckt einer wie Jan Delay sein Herz für Udo Lindenberg, und bewahrt ihn, den Mann im Atlantic, durch ein tolles Album vor dem Vergessenwerden… Und will ihm einer danken, dann sagt der Hamburger: Da nich’ für.

Hamburg, das sind Beginner, Neu-Beginner überall…

Der Mann im Hotel Atlantic: Udo Lindenberg.
Der Mann im Hotel Atlantic: Udo Lindenberg.Foto: PICTURE-ALLIANCE/ DPA

Hamburger geben nicht auf. Was wiederum ein Spruch von „Uns Uwe“ Seeler ist, dem „Dicken“, Ehrenspielführer der Fußball-Nationalmannschaft. Er ist zwar ein HSV-Urgestein, aber die St. Paulianer würden das auch unterschreiben. Die haben ja auch mal skandiert: „Nie wieder Faschismus, nie wieder zweite Liga.“

Understatement gehört zum guten Ton

Was uns wiederum zum Stolz führt. Der muss für Hamburger nicht in Größe und Einfluss messbar sein, sondern im guten Tun. Das ist im besten aller Fälle mit Understatement zu regeln. Das große soziale Engagement der betuchten Hamburger loben selbst die, die wenig haben; Stolz auf und Identifikation mit der Stadt sind in Hamburg bis hinein in die untersten sozialen Schichten ausgeprägt. Da kiekste, wa!

Also nicht zufällig ist Hamburg mit mehr als 1000 Gründungen Stiftungshauptstadt Deutschlands. Nicht zufällig erwarten Hamburger keine großen Versprechungen von ihrem Bürgermeister, sondern, dass sie „ordentlich regiert“ werden. Was ironischerweise heißt: Die Politik soll weniger gestalten, mehr verwalten – und dafür, finden die Hamburger, braucht es keinen Glamour. Die Stadt ist Perle genug. Trotz der Perlenketten, die an der Elbchaussee zu Hause sind.

Ole von Beust (CDU) schmiedet 2008 das erste schwarz-grüne Bündnis auf Landesebene.
Ole von Beust (CDU) schmiedet 2008 das erste schwarz-grüne Bündnis auf Landesebene.Foto: Roland Magunia/ddp


Früher, ja, da gaben für diese Stadt, für ihr Bürgerrecht, viele sogar ihre Adelstitel ab. Weil Hamburger Bürger zu sein ein eigener Adel ist: Über mir kein Herr, unter mir kein Knecht. Das ist der Wahlspruch. Also nicht der zu dieser Wahl, obwohl es sogar ganz gut passen würde. Wohl dem, der das sagen kann. Das führt zu Gemeinsinn…, zu Identität, ja gemeinschaftlicher Verantwortung für die eigene Stadt. So kommt es, dass ein in Berlin so unelegantes Thema wie Sauberkeit im Hamburger Wahlkampf eine Rolle spielt. Dass die SPD es zum Thema gemacht hat. Das passt zum Schnack: Immer schön sauber bleiben.

Wohnungen baut Hamburg schneller und zahlreicher

Sinn fürs Gemeinsame und die Gemeinsamkeit heißt hier, als Gemeinwesen zu handeln. Zu ordnen. Sich für Ziele zusammenzutun. Das schafft Hamburg schneller als andere. Nach dem Motto: Wer zu viel redet, der tut zu wenig. So etwa. Nehmen wir den Wohnungsbaubau. Hamburg braucht keinen Mietendeckel, 2018 sind die Mieten für die Bestandswohnungen in Hamburg im Durchschnitt noch um 1,3 Prozent gestiegen. Das ist unterhalb der Inflationsrate.

Und Hamburg baut – der ehemalige Erste Bürgermeister Olaf Scholz hatte es, als er noch mit absoluter Mehrheit regierte, versprochen –, schneller und sehr viel mehr Wohnungen, auch mehr Sozialwohnungen. Dank seines 2011 geschlossenen Bündnisses zwischen der Stadt und Verbänden der Wohnungswirtschaft. Hamburg ist da nicht „sozialistischer“ als Berlin mit seinem Rot-Rot-Grün, nur meistens in allen Parteien sozialdemokratischer. Und in wichtigen politischen Feldern erstaunlich zentralistisch.

Aus Überzeugung: für neue Schulbauten und für die Sanierung von Schulgebäuden zum Beispiel. Dass Hamburg ein Modell für Deutschland sein kann – das denken die Hamburger, klar doch. Aber auch manche in Berlin.

Hamburg baut - schneller und mehr als Berlin.
Hamburg baut - schneller und mehr als Berlin.Foto: Christian Charisius/dpa


Ist Hamburg von daher… ein Stück weit arrogant? Das Wort trifft es nicht. Der Hamburger verdeckt nicht, wenn er oder sie denkt, es besser zu wissen. Siehe nochmal Olaf Scholz, dem heutigen Bundesfinanzminister, der sagte mal als Spitzenkandidat, „wer Führung bestellt, bekommt sie“. Wenn’s doch wahr ist.

Charmant ist auch kein Begriff für Hamburg; auch sehr viel herzlicher als in Berlin ist es nicht wirklich. Oder wärmer – hallo, hier ist der Norden! Da pfeift einem schon mal der Wind um die Ohren, so oder so. Ein Guter, eine Gute hält’s aus. Ist es so, weicht die Distanz.

Porsche fährt man hier, aber nie hochtourig

Man kann ja auch auf Distanz freundlich, höflich, respektvoll sein. Gute Laune erleichtert das Geschäft. Und Selbstironie gehört zum Markenkern. Das kann man lernen; und wer’s lernt, kann Hamburger werden. Selbst wenn man kein geborener ist. Fischmarkt oder Reeperbahn, Bäckerei oder Supermarkt, Hamburg klingt manchmal laut, ist es aber nicht. Bei aller Offenheit nicht indiskret, und aufdringlich nur als Pose. Wer Sportwagen fährt, tut es besser nicht hochtourig.

Sowieso nicht in der Stadt. Denn das wäre auch zu stressig. Vor allem als Autofahrer. Da möchte man als Berliner nicht tauschen. Dann schon lieber Stau auf der A100. Aber weil Hamburg im Inneren eher kleiner ist und kompakt, läuft es. Die Wege sind halt kürzer als in Berlin, U- und S-Bahnen fahren öfter. Und doch: Der BUND ist nicht zufrieden. Im Verkehr seien die CO2-Emissionen nicht zurückgegangen, sondern gestiegen. Obwohl das Netz ausgebaut wurde: „Wenn sie die Alternative haben, in einem völlig überfüllten S-Bahn-Zug oder in ihrem Auto zur Arbeit zu fahren, entscheiden sich viele eben für das Auto.“
Da erwartet das Gemeinwesen – siehe oben – mehr vom nächsten Senat. Der muss das ordnen.

Reeperbahn, "die geile Meile", wie Jan Delay und Udo Lindenberg singen.
Reeperbahn, "die geile Meile", wie Jan Delay und Udo Lindenberg singen.Foto: Gregor Fischer/dpa


Womit wir auf einem Umweg beim heißen Thema Klima wären. Erst einmal: Es regnet statistisch öfter, ja! Der Hamburger würde sagen: Aber doch nur deshalb, damit man sich ins Café setzen und schnacken kann. Und auch die geringere Zahl an Sonnenstunde (gar nicht so viel weniger als in Berlin), gibt es doch nur als natürlichen Schutz vor Sonnenbrand.

Sehnsucht kennt Hamburg, vor allem am Elbstrand liegend

Den Klimaplan muss die Stadt trotzdem schaffen. Hamburg soll schließlich zur „Climate Smart City“ werden. Scheint ein sozialdemokratischer Städte-Wettlauf zu werden, denn auch Leipzig, noch auch von einem SPD-Mann regiert, am kommenden Sonntag wird im zweiten Wahlgang über den künftigen Oberbürgermeister entschieden, setzt auf die „Cool City“. Hamburgs Ziel: Bis 2020 sollten rund zwei Millionen Tonnen CO-2-Emissionen eingespart werden, im Vergleich zu 2012. Die aktuellsten Zahlen des Statistikamts stammen von 2017.

Sommer, Sonne, Elbstrand!
Sommer, Sonne, Elbstrand!Foto: Ulrich Perrey dpa/lno

Und für den Zeitraum bis 2017 ist die Bilanz positiv: Die CO2-Emissionen sind im Schnitt um mehr als 400 000 Tonnen gesunken. Sonnige Aussichten könnte man sagen – die Versuchung in Hamburg dazu ist groß. Zumal Hamburg sich von der Sonne verführen lässt: Voller Lust an den Elbstrand, um sich mit Frachtern und Schiffen herauszuträumen aus der kühlen schönen Stadt in die noch schönere, weite Welt. Ohne CO2.

Ja doch, Sehnsucht kennt man in Hamburg auch. Die Welt da draußen… Sie lockt. La Paloma ohe’. Aber sie kommen alle wieder. Mit Sonne im Herzen. Gräulich sind die Winter anderswo. Muss wohl auch der Grund sein, warum in Hamburg immer im Winter gewählt wird…

Denn es ist halt so:
„Der Winter ist hart, der Sommer n Witz
Der schöne Tag am See endet mit Donner
und Blitz
Der Wind peitscht Kragen hoch, Kopf runter,
Tunnelblick
Die Pullis und Jacken machen Magersüchtige
pummelig
Wir müssen mit allem rechnen, weil man hier sonst erfriert
Deswegen wirken wir so komisch und so
kompliziert
So viele Strapazen und dennoch kein Grund
umzusiedeln –
Das Herz am rechten Fleck, die Füße
in Gummistiefeln
Der Grund warum hier Menschen gern leben
Weil die Leute erst fühlen dann denken,
dann reden
Und egal wie es nervt, dass ständige Grau,
dass Sonnenlose
Wir zeigen stets Flagge rot weiß
wie Pommessauce
Ich sage Hamburg ist die Hälfte von 2
Die Schönste, die Nr. 1, das Gelbe vom Ei
Und statt unsympathisch, jung-dynamisch wie Friedrich Merz
Ist hier alles laid back, relaxed und friesisch herb“

Der Text – das sind die „Beginner“, eine Hip-Hop-Band. Und die Beginner, wir erinnern uns, sind Hamburger.

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