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Coronavirus breitet sich aus : Deutsche haben wenig Vertrauen in die Gesundheitsbehörden

Über die Hälfte der Deutschen hält Behörden für eher schlecht vorbereitet. Die Kassenärztliche Vereinigung dagegen hält die Bevölkerung für „überinformiert“.

Eine Mitarbeiterin im Krankenhaus Essen hält ein Abstrichröhrchen in den Händen.
Eine Mitarbeiterin im Krankenhaus Essen hält ein Abstrichröhrchen in den Händen.Foto: dpa/Marcel Kusch

Man solle die Entwicklungen zwar mit Sorge betrachten, „wir sollten aber nicht durchdrehen“, so Landsberg. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sowie führende Wissenschaftler wie der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar H. Wieler, und Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, warnen vor Panikmache. 

Doch wie eine repräsentative Civey-Umfrage für den Tagesspiegel Background zeigt, fehlt der Mehrheit der Deutschen offenbar das Vertrauen in die deutschen Gesundheitsbehörden.

Auf die Frage, wie gut deutsche Gesundheitsbehörden auf die Ausbreitung des Coronavirus vorbereitet sind, antworteten nur etwas mehr als fünf Prozent mit „sehr gut“, und 34 Prozent mit „eher gut“. Demgegenüber stehen skeptische 51 Prozent. Mehr als 21 Prozent äußerten die Ansicht, die Behörden seien „sehr schlecht“ auf die Ausbreitung eingestellt. Weitere 30 Prozent kamen zu dem Urteil „eher schlecht“. 

2.500 Menschen nahmen an der Befragung teil, der statistische Stichprobenfehler lag bei 3,8 Prozent. 

KBV sieht Deutschland gut aufgestellt

Ein vernichtendes Urteil, auf das die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gestern reagiert hat. Die Bevölkerung sei überinformiert und die Menschen verunsichert, meinte KBV-Vorstandsvorsitzender Andreas Gassen. Selbst für schwere Corona-Fälle sei Deutschland gewappnet. So gebe es rund 30.000 Beatmungsgeräte hierzulande. Eine Menge, die selbst China trotz der viel angespannteren Lage nicht benötige.

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Um für Aufklärung zu sorgen, hat die KBV nun eine Bandansage mit Informationen zum Coronavirus unter der 116117, der Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, geschaltet. Auch die Mitarbeiter in den Callcentern seien entsprechend geschult worden. Vor allem Versicherte, die vermuten an Covid-19 erkrankt zu sein, sollen sich bei dem ärztlichen Bereitschaftsdienst melden. Am vergangenen Wochenende hätten bereits doppelt so viele Menschen als üblich die Nummer gewählt, was die KBV auf die Corona-Epidemie zurückführt. Von Videosprechstunden, wie viele Telemedizin-Anbieter sie nun als kostenloses Angebot bewerben, hält Gassen nichts. Schließlich gebe es keinen Mehrwert zu einem Telefonanruf.

Die Entscheidung, ob ein Patient auf das Virus getestet wird, liege im Ermessen des jeweiligen Arztes, so die KBV. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen dafür die Kosten. „Tests ins Blaue sind dagegen Unsinn“, sagte Gassen. „Im Gegensatz etwa zu Masern, vermehrt sich das Coronavirus nicht durch die Luft.“ Auch würden die Ressourcen des Gesundheitswesens durch flächendeckende Tests, wie sie etwa der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert, zu stark belastet.

Praxisinhaber müssen für Schutzkleidung sorgen

Der stellvertretende KBV-Vorstand Stephan Hofmeister verwies auf die Verantwortung der niedergelassenen Ärzte, das Ansteckungsrisiko in den Praxen gering zu halten. „Nichts ist fataler als eine Ansteckung des Personals“, betonte er. So seien die Ärzte etwa aufgerufen, Infektionssprechstunden anzubieten. Dabei sollen Patienten, die vermuten sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, nur zu einer bestimmten Uhrzeit in die Praxis kommen. An Aufklärung mangele es übrigens nicht. So würden Ärzte etwa per Push-Nachricht übers Smartphone regelmäßig mit aktuellen Informationen versorgt.

Hintergrund zum Coronavirus:

Zu welchem Zeitpunkt der Arzt oder das Praxispersonal Schutzkleidung tragen sollten, sei derzeit noch nicht geklärt. Aber wahrscheinlich sei dies bei einem Rachenabstrich nötig, da Mitarbeiter hier leicht mit Körperflüssigkeiten in Berührung kommen könnten. Dabei stellte die KBV gestern auch klar, dass jeder Arzt dafür verantwortlich sei, genügend Schutzkleidung in seiner Praxis vorzuhalten.

Um für Nachschub zu sorgen, gebe es bereits Gespräche mit der Bundeswehr oder entsprechenden Stellen im Ausland. Wobei ausländische Produkte oft nicht über die in Deutschland geforderte CE-Zertifizierung verfügten, was zusätzliche Absprachen mit dem TÜV erforderlich mache.

Die Medikamenten-Bestellplattform Aponow.de teilte gestern jedenfalls schon mal mit, dass sie wegen der großen Nachfrage derzeit weder Desinfektionsmittel und Mundschutz liefern könne. Mehr als 4.000 Apotheken mit Lieferservice seien an die Plattform angebunden – und deren Regale wie leergefegt.

KBV ruft Arbeitgeber zur Einführung von Karenztagen auf

Um das Gesundheitswesen zu entlasten, erhöhte die KBV als Arbeitgeber die Karenztage für Mitarbeiter, die an Infekten der oberen Atemwege leiden, vorübergehend auf sechs Tage. Damit soll vermieden werden, dass leicht Erkrankte Arztpraxen aufsuchen, nur um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erhalten. Die KBV ruft Arbeitgeberverbände, Tarifpartner und Unternehmen auf, diesem Beispiel zu folgen.

Fragen und Antworten zum Coronavirus

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hält von solchen Vorschlägen aber wenig. Ein Arbeitnehmer, der an einer Erkältung leidet, sollte sofern keine massiven Vorschädigungen vorliegen, innerhalb von drei Tagen wieder arbeitsfähig sein, teilte der Verband auf Nachfrage mit. Im Einzelfall könnten Vereinbarungen getroffen werden, den „gelben Schein“ zu einem späteren Zeitpunkt vorzulegen.

Wie viele Patienten in Deutschland bislang auf das Coronavirus getestet wurden, ist derzeit noch unklar. Wie die KBV mitteilte, gibt es darauf bisher nur Auskunft von etwa 60 Prozent der Labore im ambulanten Bereich, die in der vergangenen Woche 10.700 Tests durchgeführt hätten. Darunter waren 130 bestätigte Fälle. Eine Gesamtzahl der durchgeführten Tests soll Ende dieser Woche vorliegen.

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