Coronavirus in den USA : Hat Trump genug von seinen täglichen Briefings?

Überraschung im Weißen Haus: Die Pressekonferenz des US-Präsidenten zur Coronavirus-Epidemie endet am Freitag nach nur 21 Minuten. Was steckt dahinter?

US-Präsident Donald Trump bei seiner kurzen Pressekonferenz
US-Präsident Donald Trump bei seiner kurzen PressekonferenzFoto: Reuters/Jonathan Ernst

Überraschungen sind bei Donald Trump wahrlich keine Seltenheit. Aber als der US-Präsident am Freitagabend nach 21 Minuten bereits das Coronavirus-Briefing im Weißen Haus mit den Worten „Vielen Dank“ und ohne eine einzige Frage beantwortet zu haben wieder beendete, kam das für die meisten doch sehr unvermittelt.

Immerhin hatte er diese Pressekonferenzen in den vergangenen Wochen sichtlich genossen und immer mehr in die Länge gezogen. Manchmal dauerte so ein abendliches Briefing dann auch mal mehr als zwei Stunden - die zum Daheimbleiben verdammte Nation schaute in weiten Teilen zu.

Aber nachdem der Präsident am Donnerstag mit bizarren medizinischen Ratschlägen große Aufregung ausgelöst hatte, war er möglicherweise erstmals dem Argument zugänglich, das Berater ihm schon lange versucht hatten zu unterbreiten: dass ihm diese länglichen, redundanten Auftritte nichts bringen, sondern mit Blick auf die Umfragewerte sogar schaden.

Große Aufregung nach Trumps „Behandlungstipps“ am Vorabend

Trump hatte am Donnerstagabend angeregt, eine Behandlung von Coronavirus-Patienten mit Lichtbestrahlung oder sogar der Injektion von Desinfektionsmitteln zu prüfen. Er bezog sich dabei auf Erkenntnisse, dass Sonnenlicht und Desinfektionsmittel Viren töten können - wohlgemerkt auf Oberflächen oder in der Luft, nicht im menschlichen Körper. Mediziner reagierten fassungslos und warnten wegen der Vergiftungsgefahr eindringlich davor, Trumps Rat zu folgen.

Selbst die US-Gesundheitsbehörde CDC sah sich zu einer Klarstellung genötigt: „Reinigungsmittel und Desinfektionsmittel für den Haushalt können Gesundheitsprobleme verursachen, wenn sie unsachgemäß verwendet werden“, warnte die Behörde auf Twitter. „Folgen Sie den Anweisungen auf den Produktetiketten, um eine sichere und effektive Anwendung sicherzustellen.“

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Selbst Behörden müssen dem Präsidenten widersprechen

Die Krisenmanagement-Behörde des Bundesstaates Maryland erklärte, Anrufe mit Fragen zum Einsatz von Desinfektionsmitteln gegen Covid-19 erhalten zu haben. Die Behörde warnte, Desinfektionsmittel sollten „unter keinen Umständen“ geschluckt oder in den menschlichen Körper gespritzt werden.

Und wie Dutzend andere US-Politiker warnte der demokratische Präsidentschaftsbewerber Joe Biden vor diesem medizinischen „Behandlungstipp“: „Ich kann nicht glauben, dass ich das sagen muss, aber bitte trinkt kein Bleichmittel“, erklärte der ehemalige Vizepräsident. Die frühere demokratische Rivalin Trumps bei der Präsidentschaftswahl 2016, Hillary Clinton, twitterte: „Bitte vergiften Sie sich nicht, nur weil Donald Trump denkt, es könnte eine gute Idee sein.“

Trump will Ratschlag „sarkastisch“ gemeint haben

Am Freitagmittag erklärte der US-Präsident dann, er habe seine Äußerungen über mögliche Desinfektionsmittel-Injektionen nur „sarkastisch“ gemeint. Doch dieses Mal schien diese bekannte nachgereichte Ausrede nicht zu verfangen.

In den sozialen Netzwerken war da schon eine Videosequenz der Leiterin seiner Coronavirus-Taskforce, Deborah Birx, viral gegangen. Darin ist zu sehen, wie Birx, die als eine der besten Expertinnen auf dem Gebiet solcher Epidemien gilt, Trump versteinert zuhört. Abgesprochen waren diese Äußerungen ganz offensichtlich nicht. Weder Birx noch Anthony Fauci, der Top-Virologe in der Taskforce, waren am Freitagabend mit im Briefing Room - auch das war ungewöhnlich.

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Streit um Sitzordnung und CNN-Korrespondentin

Der abrupt verkürzten Pressekonferenz vorangegangen sind nach amerikanischen Medienberichten Unstimmigkeiten zwischen der Regierung und der Vereinigung der Weißen-Haus-Korrespondenten (WHCA) über den Umgang mit dem von Trump häufig kritisierten US-Sender CNN.

Demnach wollten die Weiße-Haus-Mitarbeiter, dass die CNN-Korrespondentin Kaitlan Collins umgesetzt wird – und zwar von der vordersten in die letzte Reihe. Sie sollte den Platz mit Chris Johnson von der Zeitung „Washington Blade“ tauschen, der an diesem Tag für den WHCA-Pool-Bericht zuständig war.

Doch der weigerte sich und verwies darauf, dass nur die Korrespondenten-Vereinigung über die Sitzordnung entscheide - nicht das Weiße Haus, dem zwar die Räumlichkeiten gehören, das sich aber traditionell in dieser Frage zurückhält. Auch die Drohung, dass der Secret Service eingeschaltet werde, stimmte Johnson nicht um, wie er später erklärte. Das war eventuell ohnehin eine leere Drohung: Am späteren Abend veröffentlichte die WHCA eine Stellungnahme des Secret Service, dass dieser nicht in den Streit um die Sitzordnung involviert gewesen sei.

Das Briefing begann dann mit der ursprünglichen Sitzordnung - wohl zum Missfallen des Präsidenten, der sich erst am Vortag noch wüst mit Kaitlan Collins angelegt hatte. Trump nennt den Sender regelmäßig „Fake News“.

Berater gegen Trumps „Marathon-Briefings“

Es gibt aber auch Medienberichte, wonach die Entscheidung, weniger und kürzere Briefings abzuhalten, bereits seit längerem diskutiert werde. So schreibt Jonathan Swan von der Nachrichten-Seite „Axios“, dass Trump generell vorhabe, in der Coronavirus-Krise weniger vor die Presse zu treten. Da könnten die letzten 24 Stunden auch einfach nur der unmittelbare Auslöser gewesen sein.

Möglicherweise werde der Präsident bereits ab der kommenden Woche nicht mehr täglich vor die Presse treten, und wenn, dann kürzer, schreibt Swan unter Berufung auf vier Insider. Mehrere Berater hätten ihn dazu gedrängt, von seinen „Marathon-Briefings“, die zunehmend an Wahlkampfveranstaltungen erinnern, Abstand zu nehmen. Sei zu häufiges Auftreten sei ein Grund dafür, dass er gegen Joe Biden in den Umfragen verliere.

Ein Berater wird mit den Worten zitiert: „Ich habe ihm gesagt, dass ihm das nicht hilft. Ältere Menschen sind verunsichert. Und das Spektakel, wie er mit der Presse streitet, ist nicht das, was die Menschen sehen wollen.“

Mehr als 50.000 Corona-Tote in den USA

Häufig gibt es auch gar nichts Neues in der Corona-Krise zu verkünden – was Trump aber bisher nicht davon abhielt, selbst an den Wochenenden ohne lange Vorwarnung ein Briefing abzuhalten. Ein anderer Insider wird von „Axios“ damit zitiert, dass diese Entscheidung keine endgültige sein müsse. Trump ist bekannt dafür, dass er gerne als unberechenbar gilt.

Vielleicht, auch das wurde noch am Abend spekuliert, ist auch der jüngste Auftritt aber nur ein weiterer fast genialer Schachzug des Präsidenten, der damit die Aufmerksamkeit von eigentlich wichtigeren Themen abzieht. Zum Beispiel der Tatsache, dass immer noch nicht genügend Tests zur Verfügung stehen, obwohl Trump das Gegenteil versprochen hat – und obwohl die ersten Staaten bereits damit beginnen, die Rückkehr zum normalen wirtschaftlichen Leben einzuleiten.

Die USA sind das Land mit den höchsten Infektions- und Todeszahlen weltweit. Für die langsam anlaufende Reaktion auf den Ausbruch wird die Regierung in Washington immer wieder kritisiert. Am Freitag überschritt die Zahl der Todesopfer die Schwelle von 50.000. Mehr als 890.000 Infektionen wurden bereits bestätigt.

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