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Leben in Fukushima am Rande der Sperrzone: Die Katastrophe ist der Nachbar

Seit dem Super-GAU leben die Menschen im japanischen Fukushima im permanenten Ausnahmezustand. Die Strahlung ist allgegenwärtig, was sie anrichtet, weiß niemand genau. Viele Bewohner sind aber geblieben, hier sind ihre Familie und ihre Arbeit. Aber nicht alle wollen sich damit abfinden.

Eine weiße Schutzmaske bedeckt Chieko Shiinas Mund. Es ist ein kühler Tag in Fukushima City, ein schneidender Wind weht durch die Straßen. „An so windigen Tagen tragen wir besser einen Schutz“, sagt sie. Die radioaktiven Partikel, die alle Straßen und alle Gebäude bedecken, werden dann aufgewirbelt, sie möchte sie nicht einatmen.

Shiina ist eine kleine, schlanke Frau. Ihre Haare sind schulterlang und zu einem Zopf gebunden. Sie betritt das Restaurant, das gegenüber dem ausladenden Bahnhofsvorplatz liegt. Ein Plakat flattert dort im Wind. „Imakoso tamashii no chikara wo“ steht darauf: „Jetzt sammeln wir die Kräfte der Seele.“ Es kündigt ein Fest an, das in diesem Jahr zum ersten Mal stattfinden soll. Ein Fest für die Bürger von Fukushima, es soll ihnen Mut machen. Und sie vielleicht auch ein bisschen ablenken.

Das Restaurant, in das Shiina gegangen ist, heißt Sobakobo Sakichi, es ist für seine Ramen-Nudeln bekannt. Drinnen zieht sie einen Geigerzähler aus der Tasche. Es ist ein russisches Modell mit kyrillischen Buchstaben. 0,1 zeigt das Display. Hier im Gebäude ist nur wenig Radioaktivität, Shiina legt den Mundschutz ab.

Sie legt das Gerät auf den Tisch, neben ihre Schüssel mit den Nudeln. Es sind Buchweizennudeln, gemacht aus der Ernte vom vergangenen Oktober – eineinhalb Jahre nach dem Super-GAU im nur 60 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. „Die Kinder müssen raus aus der Stadt“, sagt Shiina. Erst die Kinder, dann die Erwachsenen, dafür setzt sie sich ein: dass Fukushima City aufgegeben wird.

Zusammen mit Sachiko Sato hat sie die Bewegung „Frauen gegen Atomkraft“ gegründet, die Mütter von Fukushima wollen ihre Kinder schützen. Satos Kinder haben die Stadt längst verlassen, sie hat sie weggeschickt. Ihr Ältester ist schon über 20, die Jüngste gerade 15, sie leben jetzt in einer anderen Präfektur. Shiina hat vier Enkelkinder, zwei von ihnen leben noch immer hier. Sie ist geblieben, weil sie sie nicht im Stich lassen wollte.

Ihre Sorgen seien unbegründet, meinen die Vereinten Nationen. Die Strahlung in Fukushima habe bisher „keine unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen“ gehabt. Und auch in Zukunft sei es „unwahrscheinlich“, dass die Strahlung der Gesundheit schade, heißt es in einer Erklärung. Bewiesen ist diese Behauptung noch nicht – der Bericht einer Expertenkommission, der sie stützen soll, wird erst in einigen Monaten veröffentlicht. Nahezu gleichzeitig berichtete die „Japan Times“, dass bei zwölf Kindern in der Präfektur Schilddrüsenkrebs festgestellt worden sei, bei 15 besteht der Verdacht. Das wäre bis zu 40-mal mehr als in einer vergleichbaren Bevölkerungsgruppe. Und erst vor wenigen Tagen gab die Betreiberfirma Tepco bekannt, dass im Grundwasser bei der Atom-Ruine stark erhöhte Belastungen gemessen wurden. Werte der radioaktiven Substanz Cäsium-134 seien um das 90-fache angestiegen. Außerdem gab es vergangene Woche und auch gestern erst wieder unerklärliche Dampfentwicklungen in Reaktor 3.

Shiina beginnt, ihre Nudeln zu schlürfen. Laut – so lieben es die Japaner. Es ist die Melodie eines guten Essens, meint Shiina. Sie weiß, dass die Nudeln wahrscheinlich radioaktiv verseucht sind. Vor dem Super-GAU war sie Biobäuerin, sie baute Reis an und stellte Sake her. Dann wurde ihr Land verstrahlt. Dass die Strahlung niemandem Schaden zufüge? Shiina lächelt sanft. Dann erzählt sie von zwei Schülern, die unmittelbar nach der Katastrophe an einem Herzinfarkt gestorben seien. Manche Menschen hier denken, dass das mit der Radioaktivität zu tun hat.

Shiina ist jetzt eine Hibakusha. Diese Bezeichnung haben die Bewohner von Fukushima von den Überlebenden der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg übernommen. Hibakusha, das sind die Opfer der Explosion, die nicht sofort starben, sondern bei denen sich die Folgen der radioaktiven Strahlung erst Jahrzehnte später bemerkbar machten. Hibakusha sind heute in Japan offiziell anerkannt. Das Wort bezeichnet so etwas wie eine Behinderung.

Fukushima City ist eine lebendige Großstadt mit gut 280 000 Einwohnern im Herzen der japanischen Hauptinsel Honshu, malerisch eingerahmt von Bergen. Wenn es regnet, werden die radioaktiven Partikel von den Bergen in die Stadt geschwemmt. Seit März 2011 sind vier von sechs Reaktorblöcken des nahen Atomkraftwerkes schwer beschädigt, eine große Menge Radioaktivität wurde freigesetzt – wie viel genau, weiß niemand.

Ein schweres Erdbeben hatte zuvor den Nordosten Japans erschüttert, gefolgt von einem Tsunami, der sich kilometerweit ins Landesinnere fraß. Fast 20 000 Menschen gelten als tot oder vermisst. Die Leichen der Vermissten wurden von der Flutwelle aufs Meer hinausgerissen. Nach dem Erdbeben versagten die Sicherungssysteme des Atomkraftwerks. In ihrer Verzweiflung kühlten die Japaner die Reaktoren mit Meereswasser, ein Großteil der radioaktiven Partikel wurde in den Pazifik gespült. Den Super-GAU konnten sie trotzdem nicht verhindern. Eine große radioaktive Wolke wurde vom Wind aufs Meer hinausgeweht – dass sie nicht in Richtung Tokio zog, der größten Stadt der Welt, war reines Glück. Der Wind stand günstig, das verhinderte zumindest eine noch größere Katastrophe.

Die Evakuierten werden wahrscheinlich nie wieder zurückkehren können

Ein Teil der Radioaktivität legte sich aber auch in Flecken auf die Präfektur. Noch immer sind in Fukushima City Dekontaminierungstrupps unterwegs, eine Handvoll vermummter Männer, die versuchen, die Radioaktivität wegzuputzen. Einer der Männer hockt auf den Knien. Er hat eine kleine Bürste in der Hand, wie eine Zahnbürste, und schrubbt die Fugen zwischen den Gehwegplatten. Ein anderer Mann saugt den Gehweg mit einer Art Staubsauger ab. Vielleicht ist es hinterher ein bisschen weniger radioaktiv – aber nur so lange, bis der nächste Regen über die Berge gezogen kommt.

Die Dekontaminierungstrupps kommen auch nach Hause. „Die Häuser werden zuerst mit Wasser abgespült“, erzählt Shiina. „Dann wird das Erdreich um das Haus herum abgetragen.“ All das radioaktive Material wird in die Sperrzone rund um den zerstörten Reaktor geworfen. Auch der Platz, auf dem das Seelen-Fest stattfinden soll, wird gerade dekontaminiert. Es ist ein asphaltierter Parkplatz mitten in der Stadt. Zwei gelbe Bagger brechen den Asphalt auf und schieben die Bruchstücke zusammen. Auch diese Bruchstücke werden in der Sperrzone enden. Die beiden Baggerfahrer tragen nicht einmal einen Mundschutz.

Die Menschen in der Stadt wissen, wo es Hot Spots gibt, Areale, in denen mehr Radioaktivität niederging als an anderen Stellen. Ein solcher Hot Spot ist auf dem Baseball-Feld der medizinischen Hochschule.

Eine Gruppe Studenten hat hier am Nachmittag Baseball gespielt, ein Mädchen in Uniform sprengt das Feld mit Wasser, gegen den Staub. Ein anderes Mädchen, groß gewachsen, mit kurzen Haaren und ebenfalls in Uniform, läuft den Besuchern mit dem Geigerzähler entgegen. Es deutet auf Holzbänke am Rand des Feldes. „Die benutzen wir nicht mehr“, sagt es. Chieko Shiina zieht sich einen zweiten Mundschutz über den ersten und läuft am Rand des Spielfeldes entlang. Sie legt den Geigerzähler auf die Holzbänke. Stumm schlägt er aus.

Hinter dem Zaun stehen zwei Eimer mit Baseball-Bällen. Auch sie markieren Hot Spots. Die Studenten wissen das, sie gehen nicht dorthin. Shiina drückt die beiden Mundschutze fester an ihr Gesicht und läuft zu den Eimern. Sie legt den Geigerzähler daneben. 1,18 zeigt das Display. Wer hier täglich trainiert, würde im Jahr so viel Strahlung abbekommen, als hätte er sich über 30-mal röntgen lassen.

Überall in der Stadt sind offizielle Messstationen verteilt. Sie sind nach dem Unglück aufgestellt worden, sie messen die Radioaktivität einen Meter über dem Boden. Es sind graue Zylinder mit einer runden Kuppe, betrieben mit einer Solarzelle. An der Watari Mittelschule steht eine solche Station auf dem Parkplatz. Davor ist ein Schild angebracht, das auf das Parkverbot hinweist, damit das Schulessen angeliefert werden kann. Dahinter zeigt die Station in großen, roten Ziffern eine Strahlenbelastung von 0,36 Mikrosievert pro Stunde an. Leicht erhöht.

Manchmal werden diese Messstationen zerstört. Shiina zieht einen Zeitungsartikel aus der Tasche. Das Foto zeigt eine kaputte Messstation und eine zersplitterte Solarzelle. „Die Menschen sind verzweifelt und wütend“, sagt sie.

Shiina und Sato sind nicht die einzigen Mütter, die sich um ihre Kinder sorgen. Viele Eltern in Fukushima City sind verunsichert, weil niemand weiß, wie sehr die Strahlung ihren Kindern schadet. Die Fukushima-Frauen um Shiina und Sato haben innerhalb eines Jahres 50 Millionen Yen Spendengelder eingesammelt, fast eine halbe Million Euro. Mit diesem Geld haben sie im Dezember vergangenen Jahres ein unabhängiges Gesundheitszentrum gegründet.

Das Zentrum ist ein dreistöckiges Gebäude. Durch eine große Fensterscheibe kann man von außen hineinschauen. Auf der Scheibe ist ein kreisrunder Aufkleber in einem dunklen Grün, „Fukushima Collaborative Clinic“ steht darauf. Daneben lachen zwei gezeichnete Kinder von der Scheibe, die sich an den Händen halten. Das Mädchen trägt ein rosa Kleid, auf dem Kopf des Jungen sitzt ein Vogel. Über ihren Köpfen steht: „Behandlungsgebiete: Innere Medizin und Radiologie.“

Das Zentrum ist von innen mit hellem Holz ausgekleidet, die Wände sind zitronengelb gestrichen. Am Eingang stehen Pantoffeln für die Besucher bereit und im Wartebereich Dutzende Puppen für die Kinder. Die Puppen sind handgemacht von Frauen aus Tokio, extra für die Kinder in Fukushima. An der Wand hängt ein Plakat. „Schützen wir Leben und Gesundheit der Kinder in Fukushima!“ steht darauf.

Die Ärzte, die hier arbeiten, tun das freiwillig. So wie Yoshihiko Sugii. Er ist Radiologe und lebt eigentlich in Tokio. Er ist ein stiller Mann mit grauem Schopf. Einmal in der Woche kommt er nach Fukushima City und behandelt die Kinder. Er hat hier bereits hunderte Schilddrüsen untersucht. Viele Kinder hätten schon jetzt Zysten und Knoten, sagt er. Er erwartet für die Zukunft eine drastische Zunahme von Krebsfällen. Und: „Die Schäden durch die radioaktive Strahlung werden über Generationen weitergegeben.“ Wenn sich in der Harnblase der Mutter radioaktive Partikel sammeln, wird das Kind bereits im Mutterleib verstrahlt.

Er weiß, dass er einen Kampf kämpft, den er nicht gewinnen kann. Auch er hält es für notwendig, dass die Stadt evakuiert wird. Solange es nicht dazu kommt, sagt er, „müssen wir wenigstens die Zysten so früh wie möglich entdecken“. Er kann verstehen, dass die Menschen nicht wegziehen. „Sie haben Arbeit hier, ihre Familien sind hier.“

Wie entwurzelt die Menschen aus der Sperrzone sind, kann man in Fukushima City sehen. Insgesamt mussten fast 200 000 Menschen ihre Häuser verlassen, mehr als 1000 Familien sind allein hierher gekommen. Sie leben in Behelfsbehausungen, graue, einstöckige Container. Sie sind winzig und nur schlecht isoliert. Es sollte vorübergehend sein, doch die Menschen werden sehr wahrscheinlich nie wieder zurückkehren können. Viele der Männer, die in der Stadt mit Zahnbürste und Staubsauger gegen die Radioaktivität kämpfen, sind Bauern, die in der Sperrzone ihr Land hatten.

Das Gesundheitszentrum ist für Chieko Shiina aber auch ein Stück Hoffnung. Es soll unabhängige ärztliche Versorgung bieten, gleichzeitig soll es auch ein Ort für Begegnung und Austausch sein. Viele Menschen haben das Vertrauen in die Regierung verloren. „Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt“, sagt Shiina. „Aber solange ich lebe, werde ich kämpfen.“

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