Die Stunde der Exekutive : Wie die Coronakrise die Herrschenden stärkt

Die Popularitätswerte der Regierenden schnellen in der Coronakrise nach oben. Das liegt auch an dem Wunsch, die Politik möge erfolgreich sein. Ein Kommentar

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei einer Pressekonferenz
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei einer PressekonferenzFoto: Michael Kappeler / dpa

Sie schränken Freiheitsrechte massiv ein, höhlen den Datenschutz aus, schlittern mit dem Land in eine Rezession, beschließen Hilfspakete über zig Milliarden, lassen die Verschuldung explodieren. Sie müssen sich vorwerfen lassen, am Gesundheitssystem gespart und zu wenig Masken, Schutzanzüge und Beatmungsgeräte zur Verfügung zu haben, und Fragen nach einer Exit-Strategie werden mit einem wortlosen Achselzucken beantwortet.

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Doch statt von den Wählern für all das mit Ablehnung bestraft zu werden, schnellen die Popularitätswerte der Regierenden nach oben. Im Englischen nennt man das den „rally around the flag effect“. Im Deutschen sagt man, in der Krise schlage die Stunde der Exekutive.

Schweben auf Allzeithochwolke

Angela Merkel und die Union sind im Aufwind. Laut Forsa haben CDU/CSU vom 7. bis zum 26. März um zehn Prozent zugelegt. Emmanuel Macrons Werte sind seit seiner „Kriegsansprache“ auf Rekordniveau. In den USA schwebt Donald Trump auf einer Allzeithochwolke.

Konfrontiert mit einer plötzlich eintretenden und dramatisch verlaufenden Ausnahmesituation projizieren viele Menschen ihre Sehnsucht nach Führung auf die jeweils Herrschenden. Der Kapitän steht am Steuer und lenkt das Schiff durch den Orkan: So soll es sein, so wird es gewollt. In die Zustimmung zur realen Politik mischt sich der flehentliche Wunsch, diese möge auch erfolgreich sein.

Hintergrund über das Coronavirus:

Geprägt durch eine Präsidialdemokratie haben die Vereinigten Staaten mit derartigen Gefühlsaufwallungen und kollektiven Solidaritätsbekundungen viele Erfahrungen gemacht. Vor der Kubakrise waren 61 Prozent der Amerikaner mit John F. Kennedy zufrieden, danach waren es 76 Prozent.

Vor dem Irakkrieg 1991 waren 59 Prozent mit George H. W. Bush zufrieden, danach waren es 89 Prozent. Vor den Terroranschlägen am 11. September 2001 waren 51 Prozent mit George W. Bush zufrieden, danach waren es 90 Prozent.

Erinnerungen an eine vergangene Welt

Im Vergleich zu solchen Ausschlägen wirken die Zugewinne von Trump derzeit noch eher bescheiden. Außerdem ist der Effekt meistens nicht sehr langlebig. Trotz des gewonnenen Irakkriegs wurde Bush Senior als Präsident nicht wiedergewählt.

Auch in Deutschland hat die Coronakrise die politische Agenda aus den Angeln gehoben. Die von Greta Thunberg, Fridays for Future und der Feinstaubdebatte geprägte Welt mutet wie vergangen an. Die Grünen verlieren in den Umfragen – wie überhaupt die Opposition allenfalls noch dazu taugt, den Kontrast zu den Staatslenkern zu betonen.

Gerecht ist das nicht. Aber die einzige Gerechtigkeit, die Covid-19 kennt, besteht ohnehin nur darin, jeden treffen zu können.

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