• Digitale Hoffnungszeichen: Wie das Internet die Krise um das Coronavirus erträglicher macht

Digitale Hoffnungszeichen : Wie das Internet die Krise um das Coronavirus erträglicher macht

Digitale Vernetzung hält die Verbindung der Welt aufrecht. In den sozialen Medien wächst, was die Politik nicht schafft: Zusammenhalt. Ein Kommentar.

Mathias Müller von Blumencron
Wichtiges Werkzeug: Das Smartphone garantiert die notwendige digitale Verbindung zur Welt.
Wichtiges Werkzeug: Das Smartphone garantiert die notwendige digitale Verbindung zur Welt.Foto: Stefan Rousseau/dpa

Der Pianist Igor Levit gibt auf Twitter ein Hauskonzert, mehr als zweihunderttausend schauen zu. Die italienische Instagram-Bloggerin Chiara Ferragni sammelt mithilfe ihrer weltweit 19 Millionen Fans in wenigen Tagen per Crowdfunding mehr als drei Millionen Euro für ein Krankenhaus in Mailand. Bewohner im sizilianischen Agrigento organisieren von ihren Balkonen aus ein nachbarschaftliches Gemeinschaftskonzert – Menschen in ganz Europa schmunzeln über das Video.

Der führende deutsche Virologe Christian Drosten ruft mit seinem täglichen Podcast zur deutschlandweiten Sprechstunde. Auf der Nachbarschaftsplattform nebenan.de organisieren sich Nutzer für Einkaufsdienste.

[Informationen zu aktuellen Entwicklungen aufgrund des Coronavirus sowie Hintergründe zur Pandemie bietet Ihnen hier unser Newsblog.]

Dazu kommt der endlose Strom von Tipps, Hinweisen und Warnungen auf den Nachrichtenseiten dieser Welt, der stete Strom von Tweets von Institutionen, Behörden, Ministerien (fordert eigentlich noch immer ein Datenschützer den Rückzug der Behörden aus den sozialen Medien?).

Die Liste lässt sich endlos fortsetzen und zeigt ganz besonders eins: In einer Zeit, in der wir das gewohnte physische Miteinander nach und nach aufgeben müssen und auf unseren engsten Umkreis reduzieren, sind wir dennoch nicht auf uns allein zurückgeworfen.

Wir sind – glücklicherweise – in einer völlig anderen Situation als bei der Hongkong-Grippe 1968 oder gar bei der mörderischen „Spanischen Grippe“ von 1918, die in zwei Jahren zwischen 25 und 50 Millionen Tote forderte. Die Zahl der Opfer war auch deshalb so hoch, weil sich die Welt nur auf analoge Weise austauschen konnte und im Schneckentempo handelte.

Digitale Vernetzung hält die Verbindung der Welt aufrecht

Die Beispiele zeigen aber noch etwas anderes: Während die Institutionen der Weltgemeinschaft gerade in atemberaubendem Tempo an Einfluss verlieren, während ein grenzüberschreitendes gemeinsames Denken im Kampf gegen das Virus auf Regierungsebene kaum noch zu finden ist und sich ein Land nach dem anderen abschottet, hält die digitale Vernetzung die dringend notwendige Verbindung der Welt untereinander aufrecht.

Ohne die dramatischen Berichte, die italienische Ärzte und Betroffene auf Facebook geteilt haben, hätte es wahrscheinlich noch viel länger gedauert, bis die deutschen Institutionen reagiert hätten.

Ohne den globalen Austausch, den Virologen und Wissenschaftler gerade jetzt pflegen und der ihnen durch die Digitalisierung so ungeheuer erleichtert wird, würde die Suche nach Medikamenten und Impfstoffen auf unverantwortliche Weise gebremst. Und ohne die vielen ermutigenden Signale der Menschlichkeit und des Miteinanders würde die Welt viel düsterer aussehen, wäre die Hoffnung deutlich gedimmter.

Die einzige Chance, die Zahl der Opfer signifikant zu senken, liegt in der Geschwindigkeit, in der die notwendigen Maßnahmen umgesetzt werden – gerade auch auf persönlicher Ebene.

Nichts trägt dazu mehr bei als die enge Vernetzung der Welt im digitalen Zeitalter. Es sind italienische Ärzte, die auf amerikanischen Plattformen den Lesern in aller Welt von ihren Erfahrungen berichten.

Es ist auch der digitale Austausch, der dazu geführt hat, dass die Abschottungsmaßnahmen der chinesischen Regierung, die noch vor Wochen als Absonderlichkeit eines totalitären Regimes abgetan wurden, nun auch in Europa zunehmend als Vorbild gesehen werden.

Das Netz macht die Krise erträglicher

Dem Stakkato der Meldungen über die digitalen Kanäle ist zu verdanken, dass den Ernst der Lage jetzt nahezu jeder begriffen hat, der noch vor Tagen über die „Corona-Hysterie“ spöttelte. Und die vielfachen Initiativen im Netz helfen uns dabei, diese Zeit der sich überschlagenden schlechten News erträglicher zu gestalten.

Die Zivilgesellschaft organisiert sich gerade auf faszinierende Weise neu. Sie tut dies mithilfe der besten Kommunikationsstruktur, die der Menschheit je zur Verfügung stand. Wir bedienen uns der besten Tools, egal ob sie aus dem Silicon Valley kommen oder aus China (nur leider nicht aus Deutschland). Wir nutzen die Früchte des globalen Austauschs.

Eine trügerische Hoffnung

Und dennoch gibt es vielerorts diesen schadenfreudigen Blick auf das vermeintliche Ende der Globalisierung: Dass die Pandemie in einem gebremsten Wachstum, einer lokaler orientierten Wirtschaft und womöglich einer weniger starken Präsenz ausländischer Konzerne münden könnte. Das ist eine trügerische Hoffnung.

Sicher, es wäre schön, wenn sich Exzesse der Globalisierung als nicht krisenfest herausstellen würden und der digital gewonnene Zusammenhalt auch in der analogen Welt bestehen bleibt. Aber am Ende wird es auf zwei Dinge ankommen: dass Ärzte, Virologen und Pharmaunternehmen bei der Entwicklung von Medikamenten weltweit zusammenarbeiten.

Und dass die so skeptisch beäugte globale Wirtschaft rasch wieder loslegt, denn am Export hängen immer noch ein Viertel der deutschen Arbeitsplätze. Stärkere Abschottung und nationale Strategien, wie sie auch Donald Trump vertritt, werden nicht zu einer besseren Zukunft führen. Ohne Vernetzung ist alles nichts.

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