Einträge aus dem LOGBUCH : Etwas anderes als Hoffnung

Auch in einer autokratisch regierten Welt, bestimme ich, was Freiheit mir bedeutet. Eine Kolumne.

Deniz Utlu
Gegner von Staatschef Erdogan bei einer Demonstration vor den Wahlen in in der Türkei. Woher sollen sie jetzt noch Hoffnung schöpfen?
Gegner von Staatschef Erdogan bei einer Demonstration vor den Wahlen in in der Türkei. Woher sollen sie jetzt noch Hoffnung...Foto: Oliver Weiken/dpa

Hoffnung ist in aller Munde, wenn Hoffnungslosigkeit sich breitmacht. Warum handeln, zum Beispiel zur Wahl gehen, wenn da das Gefühl ist, dass sich ohnehin nichts ändern wird? Weshalb den Protest auf die Straße tragen? Weshalb nach einem Arbeitsplatz suchen, wenn das Beste, worauf man „hoffen“ kann, eine Absage bleibt?

Demokratie braucht Hoffnung

Kein System scheint die Hoffnung so sehr zu brauchen wie die Demokratie. Sie gerät ins Wanken, wenn die Menschen glauben, dass ihre Entscheidungen nichts mehr bewirken und sich daher abwenden. Psychologen nennen das „erlernte Hilflosigkeit“: die Erwartung, keinen Einfluss mehr ausüben zu können. Hilflosigkeit und Verzweiflung habe ich nach Wahlen in vielen Gesichtern von Freunden und Fremden gesehen: die Verzweiflung der Jugendlichen aus England beim Brexit-Referendum; die Tränen in den Augen bei der Inauguration Trumps; der Schock, auch wenn es wenig überraschend war, dass Rechtsradikale im Deutschen Bundestag sitzen; zuletzt die erdrückende Stille nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse in der Türkei. Dreimal waren die Regimegegner enttäuscht worden: Sommer 2015 als Erdogan, nachdem er die absolute Mehrheit verloren hatte, Neuwahlen anordnete; 2017 als inmitten von Verhaftungswellen und Ausnahmezustand eine knappe Mehrheit bei einem Referendum mit höchstwahrscheinlich manipulierten Ergebnissen für die Änderung des demokratischen Systems stimmte; und jetzt, 2018, die Wahl, mit der das neue Präsidialsystem bei quasi-Abschaffung der Gewaltenteilung in Kraft tritt.

Hoffnung heißt, davon auszugehen, dass etwas, das gewünscht wird, möglich ist. Was aber, wenn eine gewünschte Veränderung nicht eintritt? Zum Beispiel eben, weil die Wahl manipuliert wird oder eine reaktionäre Mehrheit existiert, gegen die nicht anzukommen ist?

Etwas anderes als Hoffnung muss es geben, das dazu bewegt zu handeln, weiterzumachen. Auch für diejenigen, die sich eingestehen müssen, dass es im Augenblick keine Veränderungsmöglichkeit gibt. Etwa, weil der demokratische Raum sich verengt und die Macht nicht mehr vom Wahlvolk ausgeht, sondern gebündelt bei einer Gruppe liegt oder einer Person. Eines der Wesensmerkmale von Macht ist doch, dass sie mehr Mittel besitzt, mehr Aufmerksamkeit bekommt als ihre Opponenten.

Auch in einer unfreien Welt bestimme ich, was Freiheit bedeutet

Auch in einer unfreien Welt bestimme immer noch ich, was Freiheit mir bedeutet. Daran kann sich mein Handeln orientieren, selbst wenn im Augenblick keine Hoffnung bestehen sollte, dass sich die herrschenden Verhältnisse ändern. Die Ausrichtung meiner Person und meiner Lebensweise emanzipiert sich dann von diesen Verhältnissen. Das heißt nicht, dass diese mich nicht mehr berühren. Das Leiden hört dadurch nicht auf. Etwa für jemanden, der seine Familie nicht besuchen kann, weil in deren Land willkürliche Verhaftungen vorgenommen werden oder er unschuldig in Haft sitzen muss. Das heißt nicht, dass ich die herrschenden Verhältnisse akzeptiere. Ob ich handle oder nicht, hängt aber nicht mehr davon ab, wie sehr sich totalitäre Strukturen festgesetzt haben. Sondern davon, welche Bedeutung ich der Freiheit zumesse und welche Vorstellung ich von ihr habe.

Auch wenn ich nicht drei, sondern dreißig unfaire Wahlkämpfe miterleben und weiter beobachten muss, wie menschenfeindliche Vorstellungen Normalität werden, heißt das nicht, dass ich hilflos bin. Ich habe eine Orientierung, nach der ich mich ausrichte. Bei gegebenen Bedingungen von Ort und Zeit verliert Herrschaft ihre Hoheit, diese für mich festzulegen.

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