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Frank Ulrich Montgomery warnt vor Corona-Lockerungen über die Feiertage.
© imago images/photothek/Thomas Trutschel

Montgomery warnt vor Fest mit Todesrisiko: „Es ist Wahnsinn, Weihnachten wieder Corona-Regeln zu lockern“

Der Weltärztevorstand übt drastische Kritik an den Bund-Länder-Plänen für die Festtage. Auch andere Ärztevertreter und Intensivmediziner warnen.

Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, hat vor einem Anstieg der Corona-Infektionszahlen nach Weihnachten gewarnt. „Medizinisch-epidemologisch ist es Wahnsinn, zu Weihnachten wieder aufzumachen und zu lockern“, sagte er am Donnerstagmorgen im Radioprogramm „SWR Aktuell“.

Zwei bis drei Wochen später werde es mehr Todesfälle geben, prognostizierte er. „Weihnachten wird damit zu einem Fest mit einem Todesrisiko für manche Menschen.“

Er verstehe, dass Lockerungen über die Feiertage aus psychologischer Sicht für die Menschen wichtig seien. Das Risiko könne man in Kauf nehmen, wenn sich die Bevölkerung danach von selbst an die Distanzregeln halte.

Kein Verständnis habe er dafür, dass die gelockerten Kontaktbeschränkungen auch über Silvester gelten sollen. Über den Jahreswechsel sei viel Alkohol im Spiel. Menschen würden gemeinsam feiern und sich in den Armen liegen. „Das sind wunderbare Infektionsquellen. Da freut sich das Virus und jubelt“, sagte Montgomery.

Wenn Alkohol im Spiel ist, wird es problematisch

Auch andere Ärztevertreter warnen vor einem Kollaps der Kliniken durch riskante Feiern zu Silvester. "Was an Weihnachten möglich ist, muss nicht auch für Silvester gelten", warnt die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna. Größere Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen seien vor allem dann Treiber von Infektionen, wenn Alkohol im Spiel ist.

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Es sei besser, den Jahreswechsel im kleineren Kreis zu feiern. Die Belastung der Kliniken durch die Pandemie sei bereits jetzt hoch und werde es auch in vier Wochen sein, warnt Johna. Um den "Kollaps" zu verhindern, müssten besonders an Feiertagen alle mitwirken, Risiken zu minimieren.

Am Mittwoch hatten die Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Verlängerung und Verschärfung der Kontaktbeschränkungen beschlossen. Ab dem 23. Dezember und höchstens bis zum 1. Januar soll es aber Lockerungen geben. In dieser Zeit können zehn Personen im Familien- und Freundeskreis zusammenkommen, Kinder bis 14 Jahre nicht mitgezählt.

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Zudem kommt Kritik von Seiten der Intensivmediziner. Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) Uwe Janssens sieht dabei aber nicht nur Silvester kritisch. „Bei allem Verständnis für Weihnachten und Familienfeiern müssen wir leider befürchten, dass in der Folge der partiellen Aufhebung der Einschränkungen um Weihnachten im Januar die Infektionszahlen wieder ansteigen“, sagte er.

Modellrechnung zeigt Gefahr, die von Treffen an Feiertagen ausgeht

Dass die Warnungen der Mediziner nicht unbegründet sind, zeigt eine Modellrechnung des Forschungszentrums Jülich und des Frankfurt Institutes for Advanced Studies, die verschiedene Szenarien für die Feiertage entwirft. Sie Forscher kommen zu dem Schluss: „Mögliche vermehrte Kontakte zu Weihnachten und Silvester könnten als neue Quellen zusätzlich zur Ausbreitung des Virus beitragen.“

Die Ausweitung der Kontakte durch Besuche von Familien und Bekannten - womöglich über das ganze Land hinweg - könnten die Infektionen weiter verteilen. Damit wären auch Regionen mit niedrigen Fallzahlen wieder verstärkt betroffen, der Anstieg der Neuinfektionen nähme Fahrt auf.

[Mehr zum Thema: Hinter den Kulissen des Corona-Gipfels - wer die Schulen auf die Agenda boxte, wem Merkels Drängeln zu weit ging (T+)]

Diesen „Weihnachtseffekt“ vergleichen die Wissenschaftler mit einer schon zweimal in diesem Jahr beobachteten Entwicklung: den Zuwächsen bei Neuinfektionen zur Zeit der Winter- und Sommerferien vor allem durch Reiserückkehrer.

„Über Weihnachten und Silvester könnte Ähnliches passieren, wenn Besuche innerhalb Deutschlands die Infektion bundesweit verteilen, selbst wenn Reisen in stärker betroffene Gebiete im Ausland gar nicht stattfinden“, schreiben sie.

Zwei Szenarien zeigen die Folgen auf

Wie stark die Kontaktrate, also wie viele Menschen jemand in einem bestimmten Zeitraum trifft - durch Weihnachten zunimmt, sei schwer einzuschätzen, da Erfahrungsdaten etwa aus dem vergangenen Jahr fehlten. Daher haben die Forscher zwei Szenarien durchgerechnet:

Im besten Fall bliebe die Kontaktrate über Weihnachten konstant, weil zum Beispiel wegfallende Kontakte im Arbeitsleben oder in Schulen einen geringen Anstieg durch Familienbesuche ausgleichen. Die Forscher nehmen an, dass die Fallzahlen durch die geltenden Beschränkungen zunächst sinken. Für den Fall, dass fast alle Maßnahmen nach dem 20. Dezember aufgehoben werden, würden die Zahlen im Januar ein Niveau wie Ende Oktober erreichen - das heißt im Schnitt etwa 20.000 Neuinfektionen täglich.

Für den schlechtesten Fall sind die Wissenschaftler hingegen davon ausgegangen, dass es infolge der Besuche zu Weihnachten und Silvester zu einer deutlich - um 50 Prozent - erhöhten Kontaktrate kommt. Dann würden die Fallzahlen der Berechnung zufolge im Januar die Marke von 25.000 Neuinfektionen pro Tag reißen. Für den Fall, dass einige Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen noch länger aufrecht erhalten werden, verliefe die Kurve deutlich unter dem Wert von 20.000 Neuinfektionen - wenn auch mit einem kurzen Anstieg nach Weihnachten.

Die Forscher wiesen darauf hin, dass zur Reduzierung der Fallzahlen aus epidemiologischer Sicht eigentlich nur die Kontakte zwischen ansteckenden und nicht infizierten, nicht immunen Personen entscheidend seien. Das ist in der Simulation nicht berücksichtigt. Allgemeine Kontaktbeschränkungen seien aber vermutlich der einfachste Weg, um auch die „relevanten Kontakte“ zu reduzieren, hieß es. (Tsp, dpa, Reuters)
Korrektur: In einer früheren Version wurde Montgomery als Weltärztepräsident bezeichnet. Das ist falsch. Er ist Vorsitzender des Vorstandes des Weltärztebundes. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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