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Ex-Außenminister zu Europa : Joschka Fischer attestiert AfD "historische Blindheit"

Trumps Strafzölle, Putins Atomraketen: "Jetzt sortiert sich die Welt für das 21. Jahrhundert" sagt der frühere Außenminister - und wirbt für ein einiges Europa.

Deutet auch nach dem Ausscheiden aus dem Außenamt die Weltlage: Joschka Fischer.
Deutet auch nach dem Ausscheiden aus dem Außenamt die Weltlage: Joschka Fischer.Foto: Adam Warzawa/dpa

Der frühere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) hat den europaskeptischen Kurs der AfD deutlich kritisiert und ihr "historische Blindheit" vorgeworfen. "Kein Land hängt so sehr vom Gelingen der europäischen Integration ab wie Deutschland in der Mitte Europas", sagte er im Interview mit dem Tagesspiegel. "Ein Helmut Kohl hat das begriffen." Der Grüne lobte die Rede seines Parteifreunds Cem Özdemir, der die AfD kürzlich im Bundestag hart angegangen war. "Die fand ich hervorragend. Endlich ist das Parlament mal aus seinem Tiefschlaf aufgewacht."

Fischer warb eindringlich dafür, sich auf eine engere Zusammenarbeit in der Europäischen Union zu konzentrieren. "Es handelt sich um eine Jetzt-oder-nie-Situation", sagte der 69-Jährige weiter. "Jetzt sortiert sich die Welt für das 21. Jahrhundert - und kümmert sich nicht darum, wer bei uns Wissenschaftsministerin wird." Angesichts der von US-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle auf Stahl befürchtet der Grünen-Politiker eine "globale Trendwende Richtung Protektionismus".

Die Ankündigung von Russlands Präsident Wladimir Putin vom Donnerstag, neue Atomraketen zu bauen, wertete Fischer als "alles andere als weitsichtig". "Russland kann einen Rüstungswettlauf gegen die USA nicht gewinnen, und dieser wird mehr internationale Instabilität bedeuten", warnte er. Immerhin gebe es in den Sicherheitsapparaten der Großmächte noch "eine gewisse Disziplin". Gefährlicher seien kleine Nuklearmächte, sagte Fischer. Eine Infragestellung des Iran-Abkommens würde "eine nukleare Doppelkrise" auslösen. "Die Lage in Ostasien und im Nahen Osten ist gefährlich."

Innenpolitisch bedauerte Fischer das Scheitern der Jamaika-Gespräche. "Ich finde, da ist eine große Chance verpasst worden." Mit Juso-Chef Kevin Kühnert, der in der SPD gegen eine große Koalition mobilisiert hat, ging Fischer im Interview hart ins Gericht: Er halte es für "unverantwortlich", eine "160 Jahre alte Partei zum Selbstmord aufzufordern", sagte er. Dass die SPD überhaupt in diese Lage geraten sei, zeuge allerdings auch von einem "tief sitzenden Frust". (Tsp)

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