Geringe Organspenderzahlen : Warum die Deutschen kein Herz haben

Nie waren die Organspenderzahlen niedriger als 2017. Eine Ursache ist die unredliche Aufklärung. Kulturelle und religiöse Ängste werden unterschätzt. Ein Essay.

Michael de Ridder
Auf dem Weg. Ein Organ vor der Transplantation.
Auf dem Weg. Ein Organ vor der Transplantation.Foto: Soeren Stache/dpa

Die Spende eines Organs ist ein Akt menschlicher Hilfsbereitschaft und Solidarität. Er ermöglicht einerseits zahllosen Menschen mit einem versagenden Organ das Überleben. Er greift andererseits tief in die körperliche und seelische Integrität des Spenders ein. Er berührt sein individuelles Todesverständnis, seine religiösen oder spirituellen Überzeugungen, sein Selbstbestimmungsrecht, sein Vertrauen in die Medizin sowie sein Verhältnis zu ihm nahestehenden Menschen. Ängste und Unsicherheiten sind also mit dem Für und Wider einer Zustimmung zur Organspende eng verflochten. Deswegen ist die Hemmschwelle vieler Menschen hoch und lässt sie zögern, zu Lebzeiten ihre Zustimmung schriftlich mit einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung zu dokumentieren.

Erneut musste die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zu Jahresanfang eine Hiobsbotschaft verkünden: Haben 2007 noch 1313 Menschen ein Organ gespendet, so ging die Zahl seitdem kontinuierlich auf 797 Spender im Jahr 2017 zurück – die niedrigste Spenderrate seit 20 Jahren. Umso erstaunlicher ist, dass mehr als 80 Prozent der Deutschen eine grundsätzlich positive Haltung zur Organspende einnehmen, doch nur 32 Prozent haben ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis dokumentiert (unter diesen wiederum 74 Prozent zugunsten einer Organspende). Mangelt es also in Deutschland, wie die DSO konstatiert, an einer „Kultur der Organspende“? Hat unser ansonsten so hilfsbereites und spendenfreudiges Land im wörtlichen wie im übertragenen Sinne kein Herz für Schwerstkranke und Todgeweihte?

Die Debatte um die Widerspruchslösung

An Erklärungsversuchen für die Krise der Organspende mangelt es nicht, eine schlüssige Erklärung für den Rückgang der Organspenderzahlen kann bis heute allerdings niemand geben: Der Organspendeskandal 2012 wird als Grund genannt - obwohl der Rückgang der Spenderzahlen schon wesentlich früher begann. Mediziner in verschiedenen Kliniken sollen Empfängerlisten manipuliert haben. Von zu vielen Transplantationszentren ist außerdem die Rede, mangelhafter Organisation, einer niedrigen, weil zu gering vergüteten Meldebereitschaft der Krankenhäuser. Bis heute fehle ein Transplantationsregister, das Daten von Spendern und Empfängern zentral zusammenführen soll; die von den Krankenkassen zur Verfügung gestellten Mittel für die Transplantationsbeauftragten der Kliniken würden allzu oft zweckfremd verwendet; Intensivmediziner und -pflegepersonal hätten Vorbehalte gegen die Organspende; es herrsche eine ungute Konkurrenzsituation zwischen der Betreuung potenzieller Organspender und der Behandlung Schwerstkranker auf Intensivstationen.

Mit dem starken Rückgang wurde auch die politische Debatte um die sogenannte „Widerspruchslösung“ befeuert. Bei jedem Bürger würde dann die Spendenbereitschaft vorausgesetzt, es sei denn, er widerspricht explizit. „Organspende niedrigste Rate. Brauchen Widerspruchslösung. Das System versagt. Zu viele unnötige Tote. Keine Ethik der Unverantwortlichkeit!“, twitterte der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, zu Jahresanfang und fordert die Einführung der Widerspruchsregelung. Im Mai sprach sich auch der Deutsche Ärztetag für diese Lösung aus. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat für September einen Gesetzentwurf zur Organspende versprochen. Die Frage der Zustimmung wird darin nicht neu geregelt – es bleibt dabei, dass es die explizite Zustimmung eines Bürgers braucht, um seinem Körper Organe zu entnehmen. Verbessert werden soll laut Spahn zunächst die Situation in den Kliniken, etwa durch eine Stärkung der Transplantationsbeauftragten. Doch der Gesundheitsminister sagte zu, die Debatte über die Organspende in der Gesellschaft voranzutreiben.

Bürger per Gesetz zu Spendern machen?

Die Widerspruchslösung allerdings ist keine Lösung des Problems. Nach Ansicht der Nationalen Ethikkommission der Schweiz im Bereich Humanmedizin sollte ein Wechsel der rechtlichen Regelung nur dann zur Disposition gestellt werden, wenn sie nachweislich etwas verbessern würde. Ein Blick auf andere Länder kann diese Erwartung jedoch nicht bestätigen. Während in einigen Ländern die Spenderrate unter der Widerspruchslösung anstieg (zum Beispiel in Belgien), veränderte sich die Rate in anderen Ländern nicht (in Schweden und Singapur) oder sank sogar (in Brasilien, Dänemark, Lettland). Gleichzeitig sind auch Länder bekannt, in denen sich umgekehrt die Einführung der Zustimmungslösung mit einer Erhöhung der Spenderrate verband (Australien, USA).

Die Bürger quasi per Gesetz zu Spendern zu machen, kann also nicht die Lösung sein. Würde sich jemand wirklich dafür interessieren, warum die Deutschen nicht spenden, könnte er leicht zu folgendem Schluss kommen: Wir müssen ihre Ängste ernst nehmen und sie mündig machen. Die bisherigen Aufklärungsmethoden leisten das nicht.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!