Gipfel zu Missbrauch : Katholische Kirche braucht radikalen Willen zur Wahrheit

Am Donnerstag beginnt im Vatikan ein Gipfeltreffen zu Sexualverbrechen in der katholischen Kirche. Für Papst Franziskus wird es ein Prüfstein. Ein Kommentar.

Kruzifix und Rosenkranz in der Hand einer Novizin
Kruzifix und Rosenkranz in der Hand einer NovizinFoto: dpa/Arno Burgi

Die Welt steht Kopf, wenn Feuerwehrleute Brände legen, Rettungsschwimmer Ertrinkende ertränken und Seelsorger Schutzbefohlene missbrauchen. Es ist die Verhöhnung jeder Moral, ein Verbrechen an den Opfern, ein Anschlag auf das Gemeinwesen. Kindesmisshandlungen lassen sich durch nichts rechtfertigen. Auch wer zu ihnen schweigt, sie vertuscht, bagatellisiert oder entschuldigt, stützt ein brutales Herrschaftssystem. Er zertrümmert den Raum des Glaubens und Vertrauens, der für gläubige Menschen Heimat ist.

Es hat quälend lange gedauert, bis die Katholische Kirche die Dimension der unter ihren Fittichen begangenen hunderttausendfachen Sexualverbrechen erkannt hat. Dabei sprechen die Zahlen der Opfer eine ebenso deutliche Sprache wie die globale Allgegenwärtigkeit. Die Spur der psychischen und physischen Verwüstungen reicht von Lateinamerika bis Afrika, von Australien bis in die USA, in Europa stehen besonders Deutschland, Irland, Österreich, Polen und Belgien im Fokus. Abzustreiten, dass der Missbrauch eine Systemkrise offenbart, wäre absurd. Alle Quellen müssen geöffnet, alle Täter vor weltliche Gerichte gestellt werden. Das ist das Mindeste.

Ein Prüfstein für sein Pontifikat

An diesem Donnerstag beginnt im Vatikan ein viertägiges Gipfeltreffen, das es in dieser Form noch nie gab. Papst Franziskus hat die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen aus der ganzen Welt sowie Vertreter von Ordensgemeinschaften eingeladen, um die Sexualverbrechen aufzuarbeiten. Manchmal wird dieser Gipfel „Kinderschutzkonferenz“ genannt. Doch der Begriff verdeckt, dass auch Jugendliche und junge Erwachsene, Schwestern und Nonnen missbraucht wurden.

Ohne ideologische Scheuklappen muss daher thematisiert werden, inwieweit der Zusammenhang zwischen Sexualmoral, Homophobie, Zölibat und Beichtgeheimnis die Errichtung eines Missbrauchssystems begünstigt. Die Suche nach Wahrheit und Kausalität muss ernster genommen werden als die Angst vor der Infragestellung tradierter Dogmen. Der Pontifex scheint verstanden zu haben, dass dieser Gipfel ein Prüfstein für die Bewertung seines Pontifikats sein wird.

Ein Schisma darf Papst Franziskus nicht riskieren

Wie lässt sich offen über Sexualität und Moral reden, ohne die Einheit der Kirche zu gefährden? Das ist die zentrale Frage. Denn die Werte eines liberalen katholischen Westens stoßen hart auf diejenigen eines mitunter ultrakonservativen katholischen Südens und Ostens. Der Katholizismus aber fußt auf dem für alle Gläubigen verbindlichen Einheitsgedanken. Dort, wo das Christentum wächst, vor allem in Afrika, sind Frauenemanzipation, Homosexualität und Ehe für alle des Teufels. Ein Schisma darf Papst Franziskus nicht riskieren.

Muss der Zugang zum Priesteramt – Stichworte Frauenordination, freiwilliges Zölibat und „viri probati“, also die Zulassung verheirateter Männer mit theologischer Qualifikation – wirklich weltweit verbindlich geregelt werden? Lehre und Lebenspraxis dürfen nicht zu weit auseinanderklaffen. Das gilt für Gläubige wie für Priester, Bischöfe und Kardinäle. Wer für Reformen plädiert und an der Einheit der Kirche festhält, muss den Mut aufbringen, einige Fragen regional unterschiedlich beantworten zu lassen.

Niemand ist von der Barmherzigkeit Gottes ausgeschlossen. So wird Franziskus oft zitiert. Die Systemkrise seiner Kirche kann er nur beheben, wenn mit „niemand“ tatsächlich „keiner“ gemeint ist.

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