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Endspurt. Marine Le Pen hat Chancen, mit dem Front National in die Stichwahl zu kommen.

© Reuters/Eric Gaillard

Präsidentschaftswahl in Frankreich: Hier regiert der Front National bereits

Im Süden Frankreichs ist der Front National schon an der Macht - auf Kosten der Integration. Sonia Lauvard kämpft um jede Stimme, damit das ganz Land auf Marine Le Pen hört.

Blau. Das ist ihre Farbe. Sonia Lauvard, 33 Jahre alt, hat den blauen Blazer nicht zufällig gewählt, auch nicht den Grundton ihres Halstuches. In ihrem Büro steht neben dem Computer eine Rose mit blau gefärbten Blüten aus Stoff. Es ist das Wahlkampfsymbol des französischen Front National, FN. Und geht es nach Sonia Lauvard, könnte bald das ganze Land politisch neu eingefärbt werden, könnte ihre Parteichefin Marine Le Pen das schaffen, was Lauvard im Kleinen schon gelungen ist: endlich regieren.

Das Büro der Juristin liegt im zweiten Stock eines Gebäudes, das pastellfarben gestrichen ist wie die meisten Häuser im südfranzösischen Fréjus an der Côte d’Azur. Es ist das Rathaus, Sonia Lauvard ist beigeordnete Bürgermeisterin.

Vor drei Jahren hat der rechtsextreme Front National nach den Kommunalwahlen die Macht übernommen. Elf Städte fielen damals an die Partei, Fréjus ist die größte von ihnen. 54000 Menschen leben in der von Hügeln umgebenen Stadt. Im Sommer, wenn die Touristen kommen, sind es viermal so viele.

38 Prozent der Wähler sind noch unentschieden

Die Präsidentschaftswahlen stehen kurz bevor, gerade ist der Wahlkampf in den Endspurt eingetreten. Erstmals in der französischen Geschichte traten Anfang April im Fernsehen sämtliche Kandidaten einer Präsidentschaftswahl gemeinsam auf und diskutierten vor einem Millionenpublikum fast vier Stunden lang über die Arbeitslosigkeit, Europa, Terror, den Sozialstaat und das Bild der politischen Klasse Frankreichs in der Öffentlichkeit. Die erste Runde der Wahl findet am kommenden Sonntag statt. Alle Umfragen deuten darauf hin, dass Marine Le Pen dabei den Einzug in die entscheidende Stichwahl am 7. Mai schafft. Ihr größter Konkurrent, der Mitte-Kandidat Emmanuel Macron, kam im TV-Duell seinerzeit längst nicht mehr so souverän rüber wie bei der ersten Debatte im März. Und überhaupt: Laut Umfragen sind 38 Prozent der Wähler noch unentschieden.

Gebete von Muslimen verglich sie mit der NS-Besatzung Frankreichs

Sonia Lauvard will das ändern. Sie organisiert in diesen Tagen den Wahlkampf für Le Pen in Fréjus und den umliegenden Gemeinden, damit die in den Élysée-Palast einziehen kann. „Wir werden alles tun, damit das gelingt“, sagt sie. Eigentlich ist sie im Rathaus für das Personenstandsregister und Rechtsfragen zuständig. Diese Arbeit muss sie jetzt nebenbei schaffen. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich die Protokolle von Kommunalversammlungen. Viel Zeit hat sie also nicht, ein Foto aus dem Wahlkampf will sie aber doch noch zeigen. Darauf sind ein Dutzend Leute auf einer Treppe im Pariser Senatsgebäude zu sehen. Menschen mit dunkler Hautfarbe sind nicht dabei, was ziemlich bemerkenswert ist, weil Einwanderer aus Nordafrika eine nicht gerade unbedeutende Minderheit in Fréjus und der gesamten französischen Mittelmeerküste bilden. Für den Front National bedeuten die Einwanderer in erster Linie aber etwas anderes: ein effektives Wahlkampfthema. „Wir haben grundsätzlich nichts gegen Muslime“, sagt Sonia Lauvard. Grundsätzlich hatte ihre Chefin Marine Le Pen Gebete von Muslimen in der Öffentlichkeit aber auch schon mit der NS-Besatzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs verglichen.

Wer verstehen will, warum eine junge Frau wie Lauvard von solcher Radikalität angezogen ist, muss sie in einem ihrer wenigen ruhigen Momente erwischen. An einem regnerischen Sonntag nach einer vollgepackten Arbeitswoche kommt sie in einem Café an der Strandpromenade ins Plaudern. Sie war, erzählt sie, schon immer FN-Wählerin. „Schon bei Jean-Marie Le Pen hatte ich das Gefühl, dass er zur Einwanderung und zu Sicherheitsfragen die richtigen Dinge sagt.“ Jean-Marie Le Pen ist der Vater der heutigen Parteichefin. Die allerdings hat mit dem Patriarchen mittlerweile gebrochen, weil der die Gaskammern der Nazis einst als ein „Detail der Geschichte“ verharmlost hatte.

Sonia Lauvard störte sich nicht an diesen Hasstiraden. Sie war gerade 18 geworden, als sie dem alten Le Pen und dem Front National bei der Präsidentschaftswahl von 2002 ihre Stimme gab. Zu Hause, ihre Mutter war Krankenschwester im benachbarten Saint-Raphael, der Vater hat heute einen kleinen Betrieb zur Herstellung von Blechdächern in Paris, sprach man kaum über Politik.

Um sich das Jura-Studium zu finanzieren, kellnerte sie in der Sommersaison in einem Restaurant gleich nebenan. Doch dann kamen mehrere Schicksalsschläge gleichzeitig: die Trennung vom Freund, Todesfälle in der Familie, der Abbruch der Notariatsausbildung, die zu kostspielig war. „Alles brach damals über mir zusammen“, sagt sie.

Mit Ende 20 wird sie vom Front National aufgenommen

Mit Ende 20 wusste sie nicht, wohin mit sich, der Front National nahm sie gerne auf. In´dem Restaurant, in dem sie weiterhin kellnerte, sprach sie einen Mann an, der schon damals zu den aufstrebenden Jungpolitikern des Front National gehörte: David Rachline. Der ist heute Bürgermeister von Fréjus und organisiert gleichzeitig Marine Le Pens Wahlkampf in Paris.

Die Begegnung mit Rachline war für Sonia Lauvard insofern folgenreich, als sie nicht nur Parteimitglied wurde, sondern später auf lokaler Ebene auch den Internet-Wahlkampf des FN steuerte, der eine wichtige Rolle für die Eroberung des Rathauses von Fréjus spielte.

Der FN kommt vor allem bei jüngeren Franzosen gut an. Laut Umfragen spielt einer von drei Wählern im Alter zwischen 18 und 25 Jahren mit dem Gedanken, Marine Le Pen die Stimme zu geben. Im Wahlkampf böten Facebook oder Twitter „fantastische Möglichkeiten“, findet Sonia Lauvard, ungefiltert und „ohne Medienzensur“ zu den Wählern durchzudringen. Sie verschweigt allerdings, dass der FN im Netz auch immer wieder unwahre Behauptungen verbreitet. Zum Beispiel, dass die „Weihnachtsferien“ aus Rücksicht auf die Muslime in Frankreich nun in „Winterferien“ umbenannt worden seien.

Radikale Botschaften mit einem Lächeln

Sonia Lauvard schafft es, die radikalen Forderungen des FN mit einem Lächeln zu verkaufen. „Es kann doch nicht sein, dass Ausländer ohne Papiere medizinische Unterstützung durch den Staat erhalten“, sagt sie dann. Und dass jedes Jahr rund 200.000 Einwanderer legal ins Land kämen und noch einmal so viele illegal. „Marine hat gesagt, dass sie Quoten festlegen wird.“ Beim 10.000. legalen Einwanderer pro Jahr soll dann Schluss sein. „Die erste Sache, die passieren muss, ist eine Neuverhandlung mit der EU. Wir werden uns nicht mehr dem Diktat aus Brüssel unterwerfen“, sagt sie. Lächelnd, auch beim Gedanken daran, dass Marine Le Pen das als Präsidentin vielleicht wirklich umsetzen könnte. Immerhin, sagt sie zum Abschied, würden doch gerade „die Spielfiguren auf dem weltweiten Schachbrett“ neu aufgestellt. Brexit, Trump – all das beweise, dass es bei vielen Leuten einen Wunsch nach Veränderung gebe.

Regiert. Sonia Lauvard ist beigeordnete Bürgermeisterin für den Front National.

© Meier

Was Gegner und Wähler des FN umtreibt

Opponiert. Jean-François Minardi, Sozialist, will, dass seine Heimat tolerant bleibt.

© Meier

Bei Jean-François Minardi schon mal nicht. Der 37-Jährige arbeitet als Feuerwehrmann in Fréjus und hat lange zugesehen, wie aus dem politischen Strohfeuer des FN in seinem heimatlichen Département Var ein Flächenbrand wurde. Die Wahlergebnisse im Süden Frankreichs, wo der FN hauptsächlich von Einwanderer-Hassern gewählt wird, sind eindeutig: Bei der Regionalwahl im Jahr 2004 hatte der FN noch einen Anteil von 24 Prozent. Bei der vergangenen Regionalwahl 2015 waren es bereits 45 Prozent.

Seit der Front National das Rathaus von Fréjus übernommen hat, engagiert sich Minardi bei den Sozialisten. Gut möglich, dass er zu spät kommt, um die Heimat nach seinen Vorstellungen zu erhalten. Im Stadtrat spielen die Sozialisten inzwischen keine Rolle mehr.

FN wollte den Abriss der Moschee von Fréjus

Minardi bezeichnet sich selbst als einen „Humanisten und Internationalisten“. Er hat eine große, kräftige Statur und steht auf dem Platz vor der Moschee von Fréjus. Hier lässt sich noch am ehesten zeigen, wie er sich ein tolerantes Miteinander in seiner Stadt vorstellt. Er grüßt die Frauen in den langen Dschellaba-Gewändern, die mit Einkaufstüten beladen vom Supermarkt zurückkommen. Aus einem Schnellimbiss um die Ecke schallt laute Rap-Musik.

Die Moschee liegt etwas versteckt innerhalb eines Wohngebietes mit sanierten fünfstöckigen Häusern. Seit Jahren streiten FN-Politiker und die muslimische „El Fath“-Gemeinde, denn der Bau wurde ohne Genehmigung errichtet. Das haben Gerichte inzwischen in mehreren Instanzen festgestellt. Die Forderung des FN, die Moschee abreißen zu lassen, ging den Richtern aber zu weit.

„Ich habe nichts dagegen, dass es eine Moschee in Fréjus gibt“, sagt Minardi. Zwar sei es nicht richtig, dass beim Bau die Auflagen nicht erfüllt wurden, doch es sei eben auf Dauer auch kein Zustand gewesen, dass sich die Muslime zum Beten in den Garagen versammelten.

Sein Vater war selbst ein Einwandererkind

Das Verständnis für Menschen anderen Glaubens oder anderer Hautfarbe hat ihm sein Vater vermittelt. Der war selbst Einwandererkind. Die Familie war 1956 mit der Unabhängigkeit Tunesiens nach Frankreich gekommen. Minardi selbst ist Franzose in dritter Generation, er weiß, was es bedeutet, zwischen den Kulturen zu stehen. Besonders die „Pieds-noirs“, also die weißen Algerienfranzosen, die nach dem Unabhängigkeitskrieg an die südfranzösische Mittelmeerküste flohen, tragen dort ihre Abneigung gegen sämtliche Nordafrikaner öffentlich zur Schau. „Unter diesen Leuten und ihren Kindeskindern hat es immer einen unterschwelligen Hass auf Nordafrikaner gegeben“, sagt Minardi.

Landkarte des FN: Jobängste im Norden, Fremdenfeindlichkeit im Süden

Nur aus der Historie lässt sich der Erfolg der Rechtsextremen allerdings nicht begründen. Mittlerweile hat der FN zwar überall im Land und in allen sozialen Schichten Anhänger, doch der Blick auf die politische Landkarte Frankreichs zeigt einen hohen Prozentsatz der Wähler abseits der Ballungszentren vor allem in zwei Regionen: im gesamten Mittelmeerraum von den östlichen Pyrenäen bis nach Nizza sowie im Nordosten vom Elsass bis zum Ärmelkanal – mit der Ausnahme Paris. Anders als im Süden steht bei den FN-Anhängern in den früheren Industrierevieren des Nordens nicht so sehr die Angst vor der Einwanderung im Vordergrund, sondern die Furcht vor dem Jobverlust.

Ein überzeugter FN-Wähler: Patrick Loidreau

Patrick Loidreau war 33, als er sich vor 27 Jahren entschloss, seine Heimat im ostfranzösischen Bourguignon zu verlassen und gemeinsam mit seiner Frau ins sonnige Fréjus zu ziehen. Das Restaurant, das sie dort betreiben, läuft gut genug, dass sie schon ihren nächsten Urlaub planen. Mit der Harley wollen sie Kuba erkunden. Der bescheidene Wohlstand ändert nichts an der politischen Einstellung: Patrick Loidreau, seine Frau, sein Sohn, der in zwei Jahren das Restaurant übernehmen soll – alle wollen Marine Le Pen ihre Stimme geben.

"144 Präsidentschaftsverpflichtungen" von Marine Le Pen

Loidreau blättert auf der Veranda seines Restaurants in den „144 Präsidentschaftsverpflichtungen“, dem Programm von Marine Le Pen, gegen das er ganz und gar nichts einzuwenden habe. Er hat nicht immer FN gewählt. Den konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy hat er unterstützt. Doch der war ihm zu lasch. „Unter Sarkozy ist doch die Zahl der Polizisten auf den Straßen abgesenkt worden“, sagt der 60-Jährige. Seit der FN mit Sonia Lauvard und ihren Mitstreitern in Fréjus regiere, fahre die Polizei wieder rund um die Uhr Streife. In sein Restaurant und sein Privathaus sei früher schon eingebrochen worden. Seine Frau engagiert sich bei den „citoyens vigilants“, einer Bürgerwacht der Nachbarschaft. Rund um die Moschee, die Sozialist Jean-François Minardi so gerne erhalten will, gehe es dagegen zu „wie in Marokko“, sagt Loidreau abschätzig. Die wollten sich einfach nicht integrieren.

Missliebigen Vereinen wurden Subventionen gestrichen

Zur Bilanz des FN in Fréjus gehört auch, dass er die Schulden der Stadt reduzierte – allerdings auf Kosten von Vereinen, die sich um die Integration von Ausländern kümmern.

Seine große Hoffnung Le Pen hat Loidreau schon getroffen. Sie war in seinem Restaurant. Er hatte ihr bei einer Wahlkampfveranstaltung einfach zugerufen: „Marine, ich lade Sie zum Kaffee ein!“ Als sie dann tatsächlich vorbeikam, sei sie "sehr offen gewesen“. Man habe sich ganz normal mit ihr unterhalten können.

Hofft. Patrick Loidreau sähe die Rechtsextremen gern im Élysée-Palast.

© Meier

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