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Ein Mann mit Maske im Kölner Stadtteil Chorweiler.
© Oliver Berg/dpa

Sozial Benachteiligte häufiger auf Intensivstationen: Hohe Inzidenzen in Brennpunkten – können mobile Impfteams helfen?

Ärzte, Kommunen und Politiker mahnen, Problemviertel stärker in den Blick zu nehmen. Auch eine Abweichung von der Impfreihenfolge steht zur Debatte.

In die Impfkampagne in Deutschland kommt allmählich mehr Tempo, es stehen wöchentlich mehr Vakzine zur Verfügung. Jetzt werden Forderungen lauter, mehr mobile Impfteams einzusetzen, um gezielter sozial Benachteiligte zu erreichen. „Soziale Unterschiede dürfen nicht dazu führen, dass ein Teil der Menschen abgehängt wird, weil für sie der Zugang zu Impfungen zu schwer ist“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

„Wo die Wohnsituation von Menschen beengt ist und es nur geringe Einkommen gibt, wo Menschen, zum Teil auch mit Migrationshintergrund, in sozial schwierigen Verhältnissen leben, müssen wir den Zugang zu Impfangeboten erleichtern“, sagte Dedy. Viele Städte hätten in den vergangenen Wochen ihre Anstrengungen verstärkt, in sozial benachteiligten Vierteln intensiver über die Einhaltung von Hygienevorgaben zu informieren. Nun müsse den Menschen das Impfen stärker nahe gebracht werden, sagte Dedy.

Mediziner: Impfteams würden „eine Menge bringen“

Auch Intensivmediziner fordern mehr Impfungen in sozialen Brennpunkten. „Auf den Intensivstationen liegen überdurchschnittlich viele Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten, Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Benachteiligte“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) , Christian Karagiannidis, der „Rheinischen Post“.

Mobile Impfteams würden angesichts des derzeit hohen Impftempos „eine Menge bringen“. Wenn noch gezielter geimpft werden würde, „bekommen wir im Rennen gegen das Virus in absehbarer Zeit die Oberhand“, sagte Karagiannidis.

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Auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund befürwortet verstärkte Impfungen in sozialen Brennpunkten, ist jedoch gegen eine Abweichung von der festgelegten Impfreihenfolge. „In sozialen Brennpunkten ist es wichtig, die dort lebenden Menschen gezielt zu informieren und mehrsprachige Informationen zur Impfung zur Verfügung zu stellen“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Zudem sollten die Menschen bei der Wahrnehmung ihrer Impftermine unterstützt werden. „Eine Priorisierung und damit ein Abweichen von der Impfreihenfolge halten wir derzeit nicht für zielführend“, sagte er.

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Am Mittwoch hatte sich bereits Bundesfamilienministerin Franziska Giffey für mobile Impfteams in sozial benachteiligten Vierteln der Großstädte ausgesprochen. „Wenn zusätzlich mit mobilen Teams gearbeitet werden kann, würde ich das absolut befürworten. Zunächst einmal ist Aufklärungsarbeit wichtig“, sagte die SPD-Politikerin in der ARD.

Giffey sagte, bei vielen Menschen gebe es Vorbehalte, große Ängste und Unsicherheiten. „Und dann wird doch vielleicht die Entscheidung getroffen: Ich lasse mich jetzt impfen, aber ich weiß gar nicht, wie das geht.“ Deshalb müsse man um Vertrauen werben und „hingehen, ansprechen in der Sprache, über die Sender, die gehört und gesehen werden“, sagte Giffey. Mit den Teams könne man dort schließlich alle Menschen erreichen.

Heil: Impfungen dürfen keine soziale Frage werden

Bundessozialminister Hubertus Heil unterstützt ebenfalls die Pläne, in sogenannten sozialen Brennpunkten Impfmobile einzusetzen. „Ich halte es für dringend geboten, dass das Thema Impfen nicht zu einer sozialen Frage in Deutschland wird“, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag in Berlin. Er nannte es „eine ausgezeichnete Idee“, mobile Teams in solchen Regionen einzusetzen, beispielsweise Busse.

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Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet kündigte entsprechende Aktionen bereits an: Wo Menschen in beengten Wohnverhältnissen lebten, sei die Gefahr sich anzustecken größer als im großzügig angelegten Einfamilienhaus, sagte der CDU-Chef im Düsseldorfer Landtag. Deshalb müsse jetzt ein Schwerpunkt gesetzt werden beim Impfen, wo die Menschen enger zusammenlebten als anderswo.

Köln will Stadtteile mit hoher Inzidenz priorisieren

Die Stadt Köln hatte bereits vergangene Woche mitgeteilt, dass sie sich für ein Sonderkontingent an Impfungen für besonders von Corona betroffene Stadtteile einsetze. Dazu sei man im Austausch mit dem Land Nordrhein-Westfalen. In den Kölner Stadtteilen sind die Inzidenzwerte zum Teil sehr unterschiedlich.

Eine Sprecherin der Stadt Köln sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, dass in Stadtteilen mit hoher Inzidenz Menschen bevorzugt geimpft werden sollen. Dazu bedürfe es allerdings einer besonderen Genehmigung der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen.

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Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach sich ebenfalls für gezielte Aktionen aus. Die Impfreihenfolge aufzuheben, sei im Grundsatz falsch, schrieb er auf Twitter. In Brennpunkt-Stadtteilen könne dies aber richtig sein. „Weil dies die Gesamtmenge Impfstoff, die dort ankommt, erhöht.

Einer Studie von Sozialwissenschaftlern des Marktforschungsinstituts Infas 360 zufolge, über die das ZDF berichtete, weisen sozial benachteiligte Stadtteile in der Tendenz höhere Infektionszahlen auf als gut situierte Stadtteile. In die Untersuchung flossen Daten aus allen 86 Kölner Stadtteilen ein.

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte am Donnerstag, dass das Risiko für eine Erkrankung zum Teil auch aus der sozialen Lage heraus entstehe. Das habe mit den Wohnverhältnissen zu tun, mit den Möglichkeiten zum Homeoffice und der Aufklärung über Gesundheitsthemen und Prävention. Es gebe auch Sprachbarrieren. Gesundheitsbewusstes Verhalten müsse erlernt werden, so der Minister. Hier spielten neben Aufklärungskampagnen die Hausärzte eine ganz wichtige Rolle.

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Er betonte daher, wie wichtig eine gute Aufklärungskampagne bei den Impfungen in allen gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Gruppen sei. Informationen spielten eine zentrale Rolle. Das gelte auch für die Debatte um Impfungen in sozialen Brennpunkten.

Spahn: Alle Religionsgemeinschaften einbinden

Er wolle auf alle Religionsgemeinschaften, ob die christlichen Kirchen, russisch-orthodoxe Religionsvertreter oder Imame, zugehen, ob und in welcher Weise sie bereit seien, für die Covid-19-Impfung zu werben, sagte er. So sei bei der Frage des Infektionsrisiko etwa zu bedenken, dass für gewisse Religionsgemeinschaften religiöse und familiäre Feste in der Regel sehr groß gefeiert würden.

Die Informationskampagnen zur Impfung seien seit mehreren Monaten mehrsprachig und es werde auch mit „Impf-fluencern“ und Vorbildern wie Fußballspieler oder Schauspielern kooperiert – vor allem in den Sozialen Medien, sagte Spahn.

Gleichzeitig betonte er, dass die rechtlichen Voraussetzungen für Impfungen durch mobile Teams durch die Impfverordnung gegeben sei. Spahn sicherte dabei zu, der Bund sei bereit, mobile, an den Impfzentren angedockte Strukturen mitzufinanzieren. Die richtige Kampagne für „Essen, Leipzig oder Offenbach“ könne er aber nicht vom Bund aus organisieren.

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