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In aller Freundschaft: Merkel trifft bei ihrem letzten offiziellen Israel-Besuch Premier Bennett.
© Ronen Zvulun/dpa

Merkels letzter Besuch: Israel und Deutschland brauchen jetzt einen Neustart

Der jüdische Staat und Angela Merkel – das passte 16 Jahre lang. Nun brauchen die deutsch-israelischen Beziehungen einen neuen Ansatz. Ein Kommentar.

Ein Kommentar von Christian Böhme

Der Abschied dürfte beiden schwerfallen. Angela Merkel und Israel – das passte gut zusammen. Sechzehn Jahre, die von gegenseitiger Wertschätzung geprägt waren.

Sechzehn Jahre, in denen die Bundeskanzlerin keinen Zweifel daran gelassen hat, dass sie für den jüdischen Staat Sympathie empfindet. Sechzehn Jahre, die sie als deutsche Regierungschefin frühzeitig zu denkwürdigen machte, indem sie 2008 Israels Sicherheit zur Staatsräson erklärte. Es ist ein Bekenntnis, das in die bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte eingemeißelt ist.

Dabei war Merkels Solidarität immer eine kritische. Die Zweistaatenlösung mit den Palästinensern war ihr ebenso wichtig wie deutliche Worte gegen jüdische Siedlungen in besetzten Gebieten. Die Verantwortlichen in Jerusalem wussten dennoch immer, dass auf Merkel Verlass war.

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Nun geht die Freundin in den Ruhestand. Das ist im deutsch-israelischen Verhältnis eine Zäsur. Es braucht folglich einen Neustart. Einen, der nicht von einer einzelnen Person abhängig ist, sondern von einer gemeinsamen Idee.

Eine Sonderrolle für den jüdischen Staat?

Denn in die Niederungen des politischen Alltags könnte mit einer neuen Bundesregierung ein rauerer Ton einziehen. Israels Agieren im Westjordanland einschließlich der Verstöße gegen das Völkerrecht, der Umgang mit dem nach Atomwaffen greifenden Iran – das sind Themen, deren Beurteilung Berlin und Jerusalem schon lange voneinander trennt.

Diese diplomatischen Untiefen könnten zu einem Graben werden. Eine Sonderrolle, ein Sonderstatus für Israel? In der deutschen Außenpolitik gibt es einige, die davon nichts mehr wissen wollen. Nur wird das kaum gelingen. Zu schwer wiegt die Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht. Aber gerade deshalb wäre eine neues gemeinsames, in die Zukunft gerichtetes Projekt so wichtig.

Israel fürchtet einen atomar bewaffneten Iran. Deutschland setzt auf Verhandlungen.
Israel fürchtet einen atomar bewaffneten Iran. Deutschland setzt auf Verhandlungen.
© imago images/Stuart Miles

Israel und Europa - mehr Vertrauen wagen

Deutschland könnte zum Beispiel versuchen, Israel näher an Europa heranzuführen, sein politisches und wirtschaftliches Gewicht nutzen, um den jüdischen Staat in der EU salonfähiger zu machen. Heute herrscht in vielen Ländern Skepsis gegenüber Israel. Die besetzten Palästinensergebiete sind dabei nur ein, wenn auch großes Problem.

Israel wiederum hält die Europäer für naiv und schwächlich. Ein Kontinent, der einfach nicht versteht, wie der Nahe Osten tickt. Derartige Vorbehalte abbauen, mehr gegenseitiges Vertrauen wagen, das könnte für Deutschland eine lohnende Aufgabe sein. Weil es allen helfen würde, in die Nach-Merkel-Zeit zu starten. Israel wird die Kanzlerin dennoch schon bald vermissen. Als hoch- und wertgeschätzte Freundin.

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