Juso-Chefin in Berlin-Neukölln : Warum eine junge Frau noch Sozialdemokratin ist

Die SPD regiert und will sich erneuern. Neuköllns Juso-Chefin sagt trotz vielen Streits an der Spitze: Ich lass' mir die Sozialdemokratie nicht kaputt machen

Charlotte Mende kam 2014 nach Berlin - eigentlich nur um Modedesign an der Kunsthochschule Weißensee zu studieren.
Charlotte Mende kam 2014 nach Berlin - eigentlich nur um Modedesign an der Kunsthochschule Weißensee zu studieren.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nur einmal während der vielen Treffen in fünf Monaten wird sie wütend. Es ist eine eher sanfte Wut. Man könnte auch sagen, es ist eine merkwürdig paradoxe Wut, weil sie gleichzeitig stark gemildert wird von Verständnis und Sympathie für die eigenen Leute. An diesen Leuten, an ihrer Führungscrew, verzweifelt sie öfter und bleibt dann doch treu. Es ist nicht so krass wie Hass und Liebe, nur ein bisschen. Draußen, außerhalb ihrer Welt, einer Parteienwelt, ist die Ambivalenz wohl nicht zu verstehen. Draußen zählen Schwarz oder Weiß, richtig oder falsch. Sieg oder Niederlage.

Schuld ist jedenfalls die SPD.

Sie verursacht dieses Gefühlschaos in Charlotte Mende, 24 Jahre alt, Juso-Chefin von Neukölln, einer breiten Öffentlichkeit unbekannt. Aber das sind ja die allermeisten der 438 000 Sozialdemokraten im Land, denen es auch nicht anders geht als der jungen Frau, die wie sie viel für ihre Partei tun und doch immer wieder an ihr verzweifeln.

Samstag verabschiedet die SPD ihre Europa-Leitlinien zur Wahl

Charlotte Mende sitzt an einem nasskalten Freitag im November 2018 – passend zur Gemütslage der SPD, die in den meisten Umfragen bei 14 Prozent liegt – im Café Rix in der Neuköllner Karl-Marx-Straße. Sie sagt: „Ich lass’ mir die Sozialdemokratie doch nicht kaputtmachen, nur weil mir einer da oben oder eine Situation, für die die Parteispitze verantwortlich ist, nicht passen.“ Die Sozialdemokratie, sie holt Luft, sei schließlich ein Konzept. Soll heißen: nicht kaputt zu kriegen.

Charlotte Mende spricht selten laut, sondern besonnen, nachdenklich, kontrolliert. Sie verliert äußerlich nie die Ruhe, rumort es mal in ihr, sieht man es nur an ihren Augen, die sie dann weit aufreißt. Sie ist freundlich, aber bestimmt, selten meckert Charlotte Mende „über die da oben“, meist siegt ihr fröhlicher, sehr lebendiger Pragmatismus, die Dinge bei sich im Bezirk einfach anzugehen.

Eigentlich will sich die Partei verjüngen und erneuern, will Parteibasis und Parteiführung versöhnen, gleichzeitig regiert sie. Jetzt steht die SPD nicht nur vor ihrem Parteikonvent zur Europawahl am Samstag, sondern wieder mal vor existenziellen Landtagswahlen. In Brandenburg könnte die AfD sie als stärkste Partei ablösen, in Sachsen könnte sie unter zehn Prozent rutschen. „Schicksalswahlen“, hat SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sie genannt.

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An die letzte Wahl und den Hype um Martin Schulz, den gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten, erinnert sich Charlotte Mende widerwillig. Es gab viele Neueintritte, weil Schulz, sagt Mende, über soziale Gerechtigkeit gesprochen habe. Doch dann, ihre Augen werden groß, „konnten wir dieses SPD-Ur-Thema nicht seriös mit Inhalt füllen“. Die SPD habe aus „mangelnder Professionalität eine Riesenchance“ verballert. Die Kluft zwischen denen da oben und der Basis ist seit dem Schulz-Desaster, groß; sie ist es aber auch, weil in einer Partei mit 12 500 Ortsvereinen der Austausch zwischen oben und unten ziemlich schwer zu organisieren ist. Das, was an der Basis oft gut gelingt, dringt ja nicht nach oben. Und selbst wenn, würde es oben helfen, nur weil es unten funktioniert hat?

Charlotte Mende findet, dass es doch genügend Menschen in der Partei gebe, die Profis seien – etwa in Sachen Kommunikation und Kampagnen. Es sei nur die Frage, wie man diese Talente sichtbar macht.

Im Dezember 2017 tritt Charlotte Mende mit ihren „kleinen“ Neuköllner Jusos auf die große Bühne des Bundesparteitags in Berlin. Martin Schulz ist da und Andrea Nahles – es geht um die verlorene Wahl, um Schuld, Sühne und die Zukunft. Mittendrin werden die Jusos mit einem Preis für die beste Mitgliederkampagne geehrt; auf der Bühne hält Mende stoisch wie immer, aber sichtlich stolz, die Urkunde hoch. Drei Monate lang hatten sich die Jusos an Schülerinnen und Schüler gewandt mit den Fragen: „Was bewegt Dich, in welcher Welt möchtest Du leben?“ 450 schriftliche Rückmeldungen waren das Zeichen dafür, dass die Jusos einen Nerv getroffen hatten. Es folgten mehr als 50 Neueintritte noch vor dem Schulz-Hype.

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