Krieg in und um Syrien : Putin muss es richten

Der russische Präsident Putin hält es im Syrien-Konflikt sowohl mit Israel als auch mit dem Iran. Je aggressiver die Erzfeinde sich angehen, desto näher rückt seine Stunde der Entscheidung. Ein Kommentar.

Russland und Iran halten das Regime von Präsident Assad (l.) an der Macht. (Das Foto zeigt den russischen Präsidenten Putin, Assad und den russischen Verteidigungsminister Schoigu bei einer Militärparade auf der russischen Luftwaffenstützpunkt in Hmeimin in Syrien am 11. Dezember 2017).
Russland und Iran halten das Regime von Präsident Assad (l.) an der Macht. (Das Foto zeigt den russischen Präsidenten Putin, Assad...Foto: AFP

Syrien ist ein Sumpf. Sieben Jahre nach Beginn des Aufstands gegen Machthaber Baschar al Assad wird der Morast aus mörderischer Gewalt, verheerender Not und machtpolitischen Interessen immer tiefer. Und die Großmächte stecken mittendrin. Der Konflikt, der als lokale Rebellion für mehr Freiheit und Bürgerrechte seinen Anfang nahm, hat sich längst zu einem Vielvölker-Krieg entwickelt.

Da geht das Regime gemeinsam mit Russland und dem Iran wie entfesselt gegen die Überreste der syrischen Opposition vor. Mit dem erklärten Ziel, möglichst große Teile des Landes wieder unter Kontrolle zu bekommen. Zur gleichen Zeit versucht die türkische Armee mit einer großangelegten Offensive, die Miliz YPG aus dem Weg zu schaffen – angetrieben von der Furcht vor einem autonomen Kurdenstaat. Dieser Krieg im Krieg wiederum schreckt den Nato-Partner USA auf. Die Regierung in Washington beteuert zwar, sich auf die Schlacht gegen die Dschihadisten vom „Islamischen Staat“ zu konzentrieren, bei der die Kurden als wichtige Partner geschätzt werden, doch Amerika will mehr. Nämlich ein Wörtchen mitreden und das Feld nicht den Kontrahenten überlassen. Schon gar nicht Moskau und Teheran. Nur: Die USA haben als Ordnungsmacht im Nahen Osten längst ausgedient.

Auch deshalb wächst tagtäglich die Gefahr einer direkten Konfrontation der Konfliktparteien. Eine der gefährlichsten ist die zwischen dem Iran und Israel. Seit Jahren liegen die beiden nahöstlichen Regionalmächte als Erzfeinde über Kreuz. Der syrische Sumpf könnte nun zum Anlass werden, dass beide direkt aufeinander einschlagen – mit vermutlich fatalen Folgen für die Region und weit darüber hinaus.

Ohne Irans Unterstützung würde es Syriens Regime nicht mehr geben. Waffen, Geld, eigene Soldaten und von den Mullahs bezahlte schiitische Milizen – die Islamische Republik lässt sich den Einsatz eine Menge kosten. Nicht etwa aus inniger Verbundenheit mit Assad, sondern aus Eigennutz. Denn Teherans Ziel ist es, vom Jemen über den Irak bis zum Mittelmeer das Sagen zu haben. Und Syrien spielt dabei eine zentrale Rolle. Letztendlich geht es darum, Israel, das verhasste „zionistische Gebilde“, in die Enge zu treiben.

In Jerusalem wird bezweifelt, dass Putin letztendlich Wort halten kann

Der Feind direkt an seiner Grenze – genau das ist für den Staat der Juden ein Schreckensszenario. Eines, das unter allen Umständen verhindert werden muss. Deshalb fliegt Israels Luftwaffe in Syrien Angriffe gegen Waffenkonvois für die Hisbollah und iranische Stellungen. Die Warnung Richtung Teheran: Wir sind fest entschlossen, eurem Expansionskurs etwas entgegenzusetzen. Doch mittlerweile scheint die Botschaft nicht mehr zu verfangen.

Vergangenes Wochenende soll eine iranische Drohne in den israelischen Luftraum eingedrungen sein. Jerusalem antwortete auf diesen Affront mit Bombardements. Syriens Flugabwehr gelang dann mit dem Abschuss eines F-16-Kampfjets ein Volltreffer. Israel ist alarmiert, die Zeichen stehen auf Sturm. Vermutlich kann nur einer eine Eskalation verhindern: Wladimir Putin. Er muss den Iran in Schach halten. Im eigenen Interesse.

Einfach wird das nicht. Russland steckt in einer Zwickmühle. Einerseits garantiert Teheran gemeinsam mit Moskau das Überleben des Assad-Regimes. Andererseits will Putin es sich nicht mit Israel verderben. Das Land ist in der Region eine militärische Großmacht. Gegen Israels berechtigte Sicherheitsinteressen wird es keine Ruhe in Syrien und in Nahost geben. Darüber hinaus kommt Putin ein starker jüdischer Staat als strategisches Gegengewicht zum Iran durchaus zupass. Und noch etwas dürfte dem Kremlchef mit Genugtuung erfüllen: Israels Premier Benjamin Netanjahu kommt zu ihm, wenn es um Syrien geht – US-Präsident Donald Trump und die USA bleiben außen vor, was Amerika die eigene Ohnmacht im Nahen Osten drastisch vor Augen führt. So lässt der Kremlchef die Luftwaffe des jüdischen Staats gewähren, wenn sie Angriffe auf Stellungen der Hisbollah und der Iraner fliegt. Russlands Staatschef soll dem Duzfreund Netanjahu sogar versprochen haben, dass Teherans Milizen nicht auf dem Golan stationiert werden.

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Doch in Jerusalem wird bezweifelt, dass Putin letztendlich Wort halten kann. Womöglich schert sich Teheran nicEiht mehr darum, was Moskau in „seinem“ Syrien für wichtig erachtet. Damit ist fraglich, ob Russland trotz aller militärischen Stärke nach Belieben schalten und walten kann. Sollte Israel dem Iran Einhalt gebieten wollen, muss sich Putin zudem entscheiden, auf wessen Seite er steht. Russlands Einfluss beruht bisher aber darauf, eine Parteinahme im Ungefähren zu lassen. Damit ist Putin gut gefahren. Jetzt steht er vor einer echten politischen Bewährungsprobe. Der erfolgreiche Kriegsherr muss gegenläufige Interessen mit diplomatischem Geschick austarieren. Muss sich mit anderen ins Benehmen setzen, um die eigene Macht zu festigen. Es gilt, eine weitere militärische Eskalation zu verhindern. Gelingt ihm das, wird keiner seine Qualitäten als Drahtzieher infrage stellen. Scheitert Putin, wird auch für ihn der syrische Sumpf tiefer.

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