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Fieber gehört bei Influenza und Corona zu den gängigen Symptomen.
© imago stock&people

Der Grippe-Vergleich ist wieder da: Lockerungsübungen dürfen nicht zur Sorglosigkeit führen

Die Menschen müssen lernen, mit Corona zu leben. Denn das Virus wird bleiben. Dabei können die Erfahrungen mit der Influenza helfen. Ein Kommentar.

Ein Kommentar von Ingo Bach

Die Seufzer des Aufatmens, die durch ein pandemiemüdes Land gehen, sind nahezu ohrenbetäubend. Die Inzidenz sinkt seit vier Tagen, und es gibt Lockerungen. Was Bund und Länder am Mittwoch beschlossen, vereinfacht den Alltag und lässt lang Vermisstes wieder in die Nähe – seien es das Ende des 2G-Nachweises im Einzelhandel, der Restaurantbesuch für getestete Ungeimpfte oder die Aussicht auf eine Tanznacht im Club.

Selbst Gesundheitsminister Karl Lauterbach, nicht gerade bekannt für vorschnelle Entwarnungen, spricht inzwischen davon, dass der Peak der fünften Welle der Corona-Pandemie erreicht und überschritten sei.

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Gleichzeitig aber wird auch Kritik immer lauter, vor allem an der Datengrundlage für die politische Entscheidungen, die von manchen als unzureichend angesehen wird. Die fragen: Was taugt eine Sieben-Tage-Inzidenz noch, wenn einzelne Gesundheitsämter wegen Überlastung gar keine Zahlen mehr weitermelden? Oder wenn nur die Infektionen in der Statistik zählen, die per PCR-Test bestätigt wurden, obwohl doch diese Tests zu knapp sind, um jeden positiven Schnelltest damit zu prüfen? Oder wenn Menschen gar nicht bemerken, dass sie sich angesteckt haben und sich deshalb gar nicht erst testen lassen?

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Die Zahlen haben Lücken, sind aber trotzdem brauchbar

In der Tat hat die Datengrundlage zur Pandemie in Deutschland ihre Lücken. Und trotzdem ist es absolut zu rechtfertigen, wenn auf Basis dieser Daten jetzt Lockerungsschritte beschlossen und verkündet wurden. Zum einen gibt es neben den Inzidenzen weitere Zahlen, die darauf hindeuten, dass die fünfte Welle abebbt. Zwar hat jede einzelne von ihnen Schwächen, aber zusammengenommen ergeben auch diese ein ermutigendes Bild: Die Hospitalisierungsrate steigt nur sehr langsam und die Belegung der Intensivstationen stagniert nahezu – und beides trotz der hohen Inzidenzzahlen.

Corona werde von der Pandemie nun zur Endemie, sagen Fachleute. Was so viel heißt wie: Los werde man Sars-Cov-2 nicht, es flaue ab zu einer saisonal immer wieder zurückkehrenden Infektionskrankheit, mit der die Menschen zu leben lernen müssten. Das bringt einen Vergleich zurück in die Debatten, der lange als Tabu galt, weil der Covid-19 wie eine Erkältungskrankheit statt wie eine Multi-Organ-Krankheit aussehen ließ: der Vergleich mit der Grippe.

Mehr zur Corona-Pandemie auf Tagesspiegel Plus:

Die Influenza-Endemie, die jeden Herbst und Winter in unterschiedlicher Stärke durchs Land rauscht, ist – wenn der Erreger nachgewiesen wurde – eine meldepflichtige Krankheit. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) wurden beispielsweise im Jahr 2013 rund 70.000 und im Jahr 2014 rund 7000 Fälle von saisonaler Influenza gemeldet. Dies entspreche einem Anteil von etwa einem Prozent der Grippekranken, heißt es dort. Dem RKI reicht schon eine solch niedrige Meldequote, um Jahr für Jahr den Beginn, den Verlauf und das Abebben der Grippesaison vermelden zu können.

Auch gegen Grippe impfen sich die Menschen regelmäßig

Das könnte künftig auch für Corona gelten. Auch wenn die Inzidenzen große Lücken aufweisen und die Dunkelziffer hoch sein dürfte, ist die Meldequote weit höher als ein Prozent. Als Instrument der Frühwarnung in der Endemie behält die Inzidenz auf Dauer ihre Berechtigung.

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Aber die Influenza lehrt auch, dass Lockerungsübungen nicht in die Sorglosigkeit führen dürfen. Auch an der Grippe kann man sterben, ebenso wie an Corona. Es käme wohl keiner auf die Idee, bei schweren Grippesymptomen von einem „milden“ Verlauf zu sprechen.

Niemand würde einen an der Grippe Erkrankten an den Arbeitsplatz zwingen, schon allein um seine Belegschaft nicht zu gefährden. Und selbstverständlich würde man sich mit Symptomen von Anderen fernhalten, um sie nicht anzustecken. Maske zu tragen und auf Abstand zu bleiben könnten sich etablieren, wie in anderen Teilen der Welt längst üblich. Es wäre nicht zu viel verlangt. Und sich impfen lassen, ob nun gegen Grippe oder Covid-19, zum eigenen Schutz und zur Sicherheit der Anderen, ist das auch nicht.

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