Mauerfalljubiläum : Der 9. November ist mehr als nur ein nationaler Gedenktag

Das Ereignis des 9. November wird zu nationalen Heldentat verengt – dabei verbindet der Tag alle Länder Osteuropas. Ein Kommentar.

Straßendemonstration der Solidarnosc-Bewegung am 1. Mai 1989 in Warschau.
Straßendemonstration der Solidarnosc-Bewegung am 1. Mai 1989 in Warschau.Foto: AFP

Je näher der 9. November rückt, desto enger wird die Perspektive: Die europäische Sternstunde 1989 wird zur nationalen Heldentat. So war das in jedem Jubiläumsjahr, ob zehn, 20, 25 oder nun 30 Jahre danach. Im Februar und März erinnert man noch, dass das Aufbegehren in Polen mit der Gewerkschaft Solidarnosc begonnen hatte. In Warschau stand der erste Runde Tisch, an dem Regime und Opposition den Machtübergang aushandelten.

Im September hatte Polen den ersten nicht kommunistischen Regierungschef, Tadeusz Mazowiecki. Im August und September sind die Ungarn die Helden. Sie brachten die Mauer zum Einsturz mit der Abschaffung des Schießbefehls, der Flucht von DDR-Bürgern beim Picknick von Sopron und der Öffnung der Westgrenze.

Doch kaum ist Oktober, dreht sich die Saga um ostdeutsche Wegmarken: der gespenstische 40. Gründungstag der DDR mit Michail Gorbatschow („Wer zu spät kommt…“) als Kontrapunkt; die mutigen Bürgerrechter um die Nikolaikirche und die Montagsdemonstrationen; Schabowskis Pressekonferenz mit den unbeabsichtigten Folgen. Was danach kommt, wird zur Fußnote: die samtene Revolution in der Tschechoslowakei, die blutige in Rumänien, die Kochtopf-Revolution in Bulgarien 1990 und die verspätete Freiheit für Estland, Lettland und Litauen 1991.

Wo ist das deutsche Museum, das 1989 als europäische Freiheitsbewegung erzählt?

Wo ist das deutsche Museum, das 1989 als europäische Freiheitsbewegung erzählt wie das Europäische Zentrum Solidarnosc in Danzig? Was verrät es über das heutige Verständnis, wenn Angela Merkel die Einladung nach Kreisau am 12. November ausschlägt? Ein gemeinsames Erinnern an die Versöhnungsmesse mit Mazowiecki und Helmut Kohl 1989 hätte schlagartig in Erinnerung gerufen: Kohl erlebte den Mauerfall in Warschau dank der Wende dort. 1989 war eine Kettenreaktion, mit Polen und Ungarn als Avantgarde und den Ostdeutschen im Mittelfeld. Wieso dominiert der nationale Blick, wo doch europäisch längst zusammenwächst, was zusammengehört, wenn auch unter Spannungen und Schmerzen?

Die Einwände liegen nahe: Polen unter Jaroslaw Kaczynski und Ungarn unter Viktor Orban sind weder Wunschpartner noch Avantgarde, so hofft man jedenfalls. Nur: Die Abgrenzung versperrt den Blick für das, was verbindet. Deutschland und die EU-Mitglieder im Osten haben gemeinsame Interessen und keine andere Option als Kooperation, eben weil sie der EU angehören. Ihre ökonomische Integration ist zur Basis für Deutschlands Wirtschaftsstärke geworden. Polen ist heute sechstgrößter Handelspartner.

Die Ex-DDR holt mit dem Aufstieg der AfD nach, was anderswo Alltag ist

Identitätspolitisch befinden sich Ostmitteleuropa und die Ex-DDR in einer ähnlichen Lage. Überall grassiert der Populismus, in rechter Spielart (Polen, Ungarn, Bulgarien) oder unter linken Parolen (Tschechien, Slowakei, Rumänien). Die Ex-DDR holt mit dem Aufstieg der AfD nach, was anderswo Alltag ist. Die baltischen Staaten halten dem Trend, ungeachtet der Regierungsbeteiligung von Rechtsextremen in Estland, am ehesten stand.

Die Analyse des bulgarischen Intellektuellen Ivan Krastev fordert Anhänger westlicher Werte heraus: Der Druck auf die befreiten Gesellschaften, das liberale Modell nachzuahmen, habe eine Abwehrhaltung provoziert. Teilen die Ostdeutschen das Gefühl mit den östlichen Nachbarn? Dann wäre die Bereitschaft umso wichtiger, die Jahre seit 1989 nicht als separate nationale Entwicklungen zu begreifen. Sondern als Schicksal, das verbindet.

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