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Merkel kritisiert Macron : „Ich muss die Tassen zusammenkleben, die Sie zerschlagen“

In der Nato-Debatte ist die Stimmung zwischen Angela Merkel und Emmanuel Macron mehr als angespannt. Wie sehr, zeigt ein Bericht der „New York Times“.

Schwierige Zeit: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.
Schwierige Zeit: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.Foto: REUTERS/Regis Duvignau/File Photo

Eigentlich ist Angela Merkel nicht für scharfe Äußerungen bekannt, doch auch ihre Zurückhaltung kennt offenbar Grenzen. Bei einem Abendessen zum 30-jährigen Mauerfall-Jubiläum geriet sie mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron aneinander, wie die „New York Times“ berichtet.

Demnach habe die Bundeskanzlerin gesagt, sie sei es leid, die Scherben aufzukehren, die Macron hinterlasse. Es sei bei der Auseinandersetzung um Macrons viel diskutierte Bemerkung von Anfang November gegangen, die Nato sei „hirntot“. Darauf hatte Merkel zunächst gesagt: „Ich glaube, ein solcher Rundumschlag ist nicht nötig, auch wenn wir Probleme haben, auch wenn wir uns zusammenraufen müssen“.

Möglicherweise meinte sie genau diese Aussage mit ihrer jetzt zitierten „Scherben“-Bemerkung. „Ich verstehe ihren Wunsch nach disruptiver Politik“, sagte die Kanzlerin demnach zu Macron, „aber ich bin es leid, die Scherben aufzusammeln. Immer und immer wieder muss ich die Tassen, die Sie zerschlagen haben, zusammenkleben, damit wir uns dann zusammensetzen und eine Tasse Tee trinken können.“

Macron verteidigte sich dem Bericht zufolge: Er könne nicht einfach zu dem Nato-Treffen in London Anfang Dezember fahren und so tun, als hätten die Nato-Partner USA und Türkei sich in Syrien im Interesse aller verhalten. „Ich kann dort nicht sitzen und so tun, als sei nichts passiert“, wird Macron zitiert. Zuvor hatten sich die USA aus Nordsyrien zurückgezogen und die Türkei war dort einmarschiert.

Die New York Times wertet die beschriebenen Auseinandersetzung als „ernsthafte Belastung“ im Verhältnis der beiden Länder und für das Nato-Treffen Anfang Dezember in London.

Ein Regierungssprecher in Berlin wollte am Sonntag den Bericht der „New York Times“ nicht kommentieren. Er sagte: „Aus vertraulichen Gesprächen berichten wir grundsätzlich nicht und nehmen daher auch nicht zu angeblichen Zitaten Stellung.“

Asselborn: „Anstoß für überfällige Diskussion“

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn sieht in Macrons Nato-Kritik derweil einen Anstoß für eine „überfällige Diskussion“. Europa brauche zwar die Nato, weil es sich alleine nicht verteidigen könne, sagte Asselborn dem „Tagesspiegel“. Aber wenn man jegliche Absprache unterlasse, wie es die USA und die Türkei im Fall Syriens getan hätten, dann untergrabe das die politische Allianz.

„Und wenn die politische Allianz nicht mehr steht, dann wird auch irgendwann der militärische Pakt zerstört. Von daher hat Macron eine überfällige Diskussion angestoßen“, sagte Asselborn, ohne direkt auf Macrons Äußerung einzugehen.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hatte die Bemerkung Macrons vor wenigen Tagen bei einem Treffen mit seinen Nato-Kollegen zum Anlass genommen, eine Expertengruppe zur Reform des Bündnisses vorzuschlagen, was auf ein positives Echo stieß. Merkel stellte sich am selben Tag bei einem Kongress der Europäischen Volkspartei (EVP) in Zagreb noch einmal betont hinter die Nato.

Röttgen: „Ich kann die Kanzlerin hier gut verstehen.“

Zum jetzt bekannt gewordenen Disput sagte CDU-Außenexperte Norbert Röttgen der „Bild“-Zeitung: „Ich kann die Kanzlerin hier gut verstehen. Es hilft aber alles nichts, wir müssen das Verhältnis mit Frankreich wieder auf eine konstruktive Bahn bringen.“

Die New York Times zitiert die deutsche Sicherheitsexpertin Claudia Major von der Stiftung Wissenschaft und Politik: „Ich habe die deutsch-französischen Beziehungen schon lange nicht mehr an so einem Tiefpunkt gesehen“, sagte sie. Sie sehe, wie Macron zunehmend ungeduldig sei mit Merkels pragmatischer Art.

Die Zeitung erwähnt nicht den Ort der Veranstaltung, bei der es zum Streit zwischen Merkel und Macron gekommen sein soll. Zum Mauerfall-Jubiläum gab es aber nur ein offizielles Dinner mit Regierungschefs und Staatsoberhäuptern – in Schloss Bellevue.

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