Politik : Moderne Sklaverei

Die Pandemie verschlechtert die Arbeitsbedingungen für Ausländer in Saudi-Arabien und Katar.

Eingesperrt. Ein Arbeiter in Katar vor dem Haus, in dem er untergebracht ist.
Eingesperrt. Ein Arbeiter in Katar vor dem Haus, in dem er untergebracht ist.Foto: imago images/Arabian Eye

Überfüllte Schlafsäle, verstopfte Toiletten, kaum Brot und Wasser in der Hitze des arabischen Sommers: Saudi-Arabien interniert offenbar Tausende ausländische Arbeiter aus Afrika, weil sie das Coronavirus verbreiten könnten. „Es ist die Hölle hier“, sagte ein Äthiopier, der seit vier Monaten in Saudi-Arabien festgehalten wird, der britischen Zeitung „Sunday Telegraph“.

Auch Katar steht wegen der Behandlung ausländischer Arbeitskräfte in der Coronakrise am Pranger: Zwei der reichsten Länder der Welt sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Arbeiter in der Pandemie wie Sklaven zu halten und als nationales Gesundheitsrisiko zu behandeln. Katar ändert jetzt seine Gesetze, um den Arbeitern mehr Rechte zu geben – und um weiteren Imageschaden zu vermeiden.

Saudi-Arabien und Katar verzeichnen, gemessen an ihrer Bevölkerungszahl, recht viele Corona-Infektionen. In Saudi-Arabien mit seinen 34 Millionen Einwohnern wurden bisher knapp 315 000 Ansteckungen gezählt, das sind etwa so viele wie in Frankreich, das doppelt so viele Einwohner hat. In Katar, wo rund 2,6 Millionen Menschen leben, verzeichnen die Behörden etwa 120 000 Corona-Fälle; das ist vergleichbar mit der Ukraine, wo 42 Millionen Menschen leben. Die saudischen Behörden sagten wegen der Pandemie in diesem Jahr die Pilgerfahrt Hadsch ab.

In beiden Ländern herrscht das sogenannte Kafala-System, das ausländische Arbeiter von ihren Arbeitgebern abhängig macht. Die Unternehmen entscheiden, ob ihre Angestellten den Job wechseln oder ob und wann sie ihre Familie zu Hause besuchen dürfen. Häufig ziehen die Arbeitgeber die Pässe ihrer ausländischen Arbeitskräfte ein.

Ausländer bilden ein Heer billiger Arbeitskräfte in den arabischen Volkswirtschaften: Millionen von Arbeitern aus Asien und Afrika in der Bauwirtschaft, anderen Branchen und in Privathaushalten machen in Katar 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung aus, und auch in Saudi-Arabien stellen sie die Mehrheit.

Weil die Ausländer oft in engen Behausungen untergebracht sind, gelten sie bei den Behörden als Corona-Risikogruppe – mit schlimmen Folgen für die Betroffenen. Saudi-Arabien schickte einen Teil der ausländischen Arbeiter bei Ausbruch der Pandemie im Frühjahr nach Hause, andere werden jedoch seit Monaten interniert. Laut dem „Sunday Telegraph“ berichteten die Inhaftierten, sie würden vom saudischen Wachpersonal verprügelt und verhöhnt. Einige Insassen hätten sich aus Verzweiflung das Leben genommen. Leichen würden „wie Abfall weggeworfen“, sagt ein Mann dem Bericht zufolge. Ein junger Äthiopier berichtete, mehr als hundert Männer seien in einem Raum untergebracht. „Die Hitze bringt uns um.“

Katar kündigt Reformen an

Die Menschen ohne Rücksicht auf ihre Sicherheit in Lagern zusammenzupferchen, sei für ein reiches Land wie Saudi-Arabien unentschuldbar, sagte Adam Coogle von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch der Zeitung. Die saudischen Behörden äußerten sich zunächst nicht zu den Vorwürfen.

Das große Sterben. Immer noch kommen viele Bauarbeiter auf den WM-Baustellen für das Turnier 2022 in Katar ums Leben.
Das große Sterben. Immer noch kommen viele Bauarbeiter auf den WM-Baustellen für das Turnier 2022 in Katar ums Leben.Foto: dpa

Auch Katar steht schon länger wegen der schlechten Behandlung ausländischer Arbeiter in der Kritik. Das kleine Land am Persischen Golf will in zwei Jahren die erste Fußball-Weltmeisterschaft im arabischen Raum veranstalten und mit neuen Stadien und einer perfekten Organisation glänzen. Doch die schlechte Behandlung ausländischer Arbeiter schadet dem Image Katars und dem Ruf des Weltfußballverbandes Fifa: Von einer „Weltmeisterschaft der Schande“ sprach Amnesty International in einem Bericht.

Arbeiter werden ausgebeutet

Arbeiter werden demnach mit harter und gefährlicher Arbeit ausgebeutet, müssen in schmutzigen Behausungen leben und werden häufig nicht bezahlt, sodass sie kein Geld an ihre Familien in ihren Heimatländern schicken können. Laut Zeitungsberichten müssen die Arbeiter auf den Stadionbaustellen im Sommer bei Temperaturen von 45 Grad täglich zehn Stunden lang schuften. Amnesty International meldete im Juni, einige Arbeiter hätten sieben Monate lang kein Geld gesehen. Das Kafala-System hindert sie daran, sich einen besseren Job zu suchen oder nach Hause zurückzukehren.

Die Pandemie machte für die Arbeiter in Katar alles noch schlimmer. Viele von ihnen wurden in den vergangenen Monaten wegen Corona-bedingter Betriebsschließungen ohne Lohnfortzahlung auf die Straße gesetzt. Manche müssten betteln gehen, weil sie kein Geld für Lebensmittel mehr hätten, berichtete die britische Zeitung „Guardian“ im Mai. Seit Juni öffnet Katar seine Wirtschaft wieder, doch die Missstände auf den WM-Baustellen sind dieselben wie vor dem Lockdown.

Jetzt reagiert Katar auf die internationale Kritik: Das Kafala-System wird teilweise abgeschafft. Arbeiter dürfen ab sofort auch ohne Erlaubnis des Arbeitgebers eine neue Stelle suchen. Zudem führt Katar als erstes Land der Region einen Mindestlohn ein; umgerechnet 230 Euro im Monat müssen nun mindestens gezahlt werden. Amnesty International begrüßte die Reformen als ersten Schritt, die UN-Arbeitsorganisation ILO lobte die Reform in Katar als „historisch“ – dass andere arabische Länder nachziehen, ist derzeit aber nicht abzusehen.

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