Nach langem Abwiegeln : Deutschland zahlt für Opfer der "Colonia Dignidad"

Jahrzehnte lang wurde in der Sektensiedlung "Colonia Dignidad" gefoltert. Die Deutsche Botschaft in Chile schaute weg. Jetzt sollen 3,5 Millionen Euro fließen.

Die Aufnahme aus den 1980er Jahren zeigt den Eingang zur "Colonia Dignidad".
Die Aufnahme aus den 1980er Jahren zeigt den Eingang zur "Colonia Dignidad".Foto: Ceibo Produccionest/dpa-File/dpa

Es ist eine besondere Unterschrift, die die Verhandler im Raum der Bundespressekonferenz leisten. Kein Schlussstrich, aber ein wichtiger Erfolg nach langem Abwiegeln. Bis zu 10.000 Euro zahlt die Bundesregierung für jedes der noch lebenden 244 Opfer der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile, dazu ist ein Fonds „Alter und Pflege“ geplant. Insgesamt sollen 3,5 Millionen Euro als Anerkennung einer moralischen Schuld Deutschlands fließen.

Von den traumatisierten Opfern leben rund 80 in Deutschland, der Rest in Chile, wo 1961 von dem Sektenguru Paul Schäfer die Kolonie gegründet worden war. „Ich bin Baujahr 1973 und echt wütend, dass ich mich im Jahr 2019 um Verbrechen aus den 70er Jahren kümmern muss. Das ist ein Skandal“, sagt der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Michael Brand, am Freitag bei der Vorstellung des Hilfskonzepts. Die Colonia Dignidad sei eine „Horrorkolonie mit einem pädophilen Sadisten an der Spitze“ gewesen. „Die Opfer sollten gefügig gemacht und gebrochen werden.“

Schäfer hatte in Siegburg eine Sekte aufgebaut, zu der auch ein Kinder- und Jugendheim gehörte. Als es wegen des Verdachts auf Vergewaltigung von zwei Jungen einen Haftbefehl gab, floh er 1961 nach Chile, auch viele der Heimkinder ließ er ausfliegen und lockte mit den Verheißungen vom Gelobten Land Dutzende weitere Sektenmitglieder nach Chile. Zeitweise lebten rund 350 Kinder und Erwachsene in der Colonia Dignidad, und 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile.

Parteiübergreifend, auch ein AfD-Abgeordneter war an den Beratungen beteiligt, hat sich eine im Oktober 2018 gebildete Kommission von Bundestag und Bundesregierung auf das Hilfskonzept für die Opfer geeinigt. Das ist eine Leistung. Doch der Fall ist auch relativ klar. „Das Versagen der deutschen Diplomatie zieht bis heute wie Blei an den Opfern“, sagt Brand mit Blick auf das Wegschauen und Decken der Praktiken durch die Deutsche Botschaft in Chile. Eine Million Euro war vorsorglich mit Sperrvermerk schon für den laufenden Bundeshaushalt eingestellt worden, der Rest soll möglichst schnell beschlossen werden und erste Gelder noch in diesem Jahr fließen.

Demütigung und Folter

Der Film „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ mit Emma Watson und Daniel Brühl in den Hauptrollen, zeigte einem Millionenpublikum, wie die Bewohner gedemütigt und gefoltert wurden, wie sich Schäfer an kleinen Jungen verging und wie er mit den Schergen von Militärdiktator Augusto Pinochet kooperierte, die auf dem hermetisch abgeriegelten Areal Regimegegner folterten.

Nach dem Ende der Diktatur 1990 begann die chilenische Justiz, gegen die Siedlung vorzugehen. Später benannte sich die Colonia Dignidad in „Villa Baviera“ um und wurde zu einem Folklorezentrum mit bayerischer Idylle für Touristen. Schäfer wurde 2006 wegen Kindesmissbrauchs in Chile zu 20 Jahren Haft verurteilt und starb 2010.

Bereits 2016 hatte der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier gesagt: „Über viele Jahre hinweg (...) haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut – jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan.“ 2017 beschloss der Bundestag schließlich eine umfassende Aufarbeitung, die nun in das Ergebnis der Kommission mündete. Am Freitag betonte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Nils Annen (SPD), es gehe um eine Geste der Anerkennung des großen Leids. „Wir haben eine moralische Verantwortung.“

Täter lebt mit deutscher Staatshilfe in Freiheit

Aber für die Opfer sind auch 10.000 Euro nicht viel. Einige sagen, das reiche gerade mal für die eigene Beerdigung. „Die Bundesregierung ist der Auffassung, dass aus den Geschehnissen in der Colonia Dignidad keine rechtlichen Ansprüche gegen die Bundesrepublik Deutschland entstanden sind“, wird in dem Hilfskonzept betont – daher ist auch nicht von Entschädigungen die Rede.Und sie bekommen auch keine Renten, da die meisten weiter in Chile leben und keine Ansprüche in Deutschland erworben haben. Daher soll als zweite Hilfssäule der Rentenfonds helfen.

Einer der Täter dagegen lebt mit deutscher Staatshilfe in Freiheit – der in Chile wegen Beihilfe zu Vergewaltigung verurteilte Sekten-Arzt Hartmut Hopp, der sich nach Deutschland abgesetzt hatte. Die Staatsanwaltschaft Krefeld hat nach fast achtjährigen Ermittlungen keine Anklage erhoben.

Die Grünen-Politikerin Renate Künast war wie weitere Mitglieder der Kommission auch am Ort – und hörte Erschütterndes. „Deutschland hat Schuld auf sich geladen, weil es mindestens die Strukturen unterstützt hat“, sagt sie. Es habe 1961 einen Haftbefehl gegen Schäfer gegeben und trotzdem bekam er sogar Unterstützung beim Aufbau der Siedlung in Chile, 1966 sei das erste Opfer geflüchtet und habe über den Terror berichtet. Erst 1996, 30 Jahre später, habe es das erste Ermittlungsverfahren gegeben und 2005 sei Schäfer verhaftet worden. Als nächster Schritt soll in Chile ein Dokumentations- und Lernzentrum entstehen.

Den CDU-Politiker Michael Brand stört besonders, dass man in der Nachfolgesiedlung Villa Baviera heute eine heile Welt vorgaukeln will. „Es kann nicht sein, dass auf diesen Folterkellern heute bayerische Feste gefeiert werden.“

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