Neuer Frankreich-Botschafter : Eine Karriere mit innerer Logik

Hans-Dieter Lucas arbeitete schon als Diplomat in Moskau, Washington und Brüssel. Im September übernimmt er den Botschafterposten in Frankreich.

Hans-Dieter Lucas mit Außenminister Maas (SPD)
Hans-Dieter Lucas mit Außenminister Maas (SPD)Foto: imago/photothek/Thomas Trutschel

Er kennt Moskau seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Abzug der Roten Armee aus dem wiedervereinigten Deutschland. Er weiß vermutlich mehr als die meisten seiner Berufskolleginnen und -kollegen über die politischen Sehnsüchte in den Führungsetagen der ehemaligen Sowjetrepubliken im Baltikum und in Asien. Er hat Washington erlebt in den Tagen und Monaten nach dem 11.September, in jener Phase, in der Deutschlands wichtigster Bündnispartner, die USA, gleichermaßen tief verunsichert wie entschlossen zum Widerstand gegen das Böse gewesen ist.

Und er war Beobachter und Mitwirkender in internationalen Organisationen und auf diplomatischen Wegen von der Europäischen Union über die Nato. Er war deutscher Verhandlungsführer bei den wohl heikelsten Konfliktschlichtungen der letzten Jahre, deren Ergebnis mit über den Weltfrieden entscheiden konnte: die Gespräche unter Beteiligung etwa der USA, Russlands, Frankreichs, Chinas, Großbritanniens und Deutschlands über und mit dem Iran.

Hans-Dieter Lucas, der Ständige Vertreter der Bundesrepublik Deutschland im Nordatlantikrat – man kann es auch Botschafter bei der Nato nennen – ist wohl das, was man landläufig einen Karrierediplomaten nennt.

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Viele Berufswege im Auswärtigen Amt gleichen in ihrer Vielfalt und scheinbar keiner Logik folgenden Zusammensetzung einer bunten Blumenwiese, deren Reiz in der Gesamtschau liegt. Bei Hans- Dieter Lucas ist das anders. Alle Stationen dieser Karriere scheinen einer inneren Logik zu folgen. Hat er selber die Systematik früher durchschaut?

Die überragende Rolle der Diplomatie

Ihn danach zu fragen, scheint wenig sinnvoll, dazu ist er auch zu verschlossen und zu kontrolliert. Denn würde er Ja sagen, käme das als Eitelkeit herüber. Sagte er Nein, widerstrebte das wohl seinem Bild von sich selbst. Hans-Dieter Lucas ist einer jener Diplomaten, die keinen Zweifel an der überragenden Rolle dieses Berufsstandes hegen. Vermutlich gehört dies zu einem gewissen Grad zu den Voraussetzungen, um in diesem Geschäft erfolgreich sein zu können.

Geboren 1959 in Jülich. Das Jurastudium an den Universitäten in Bonn und Paris war vielleicht auch dem Beruf des Vaters, einem Anwalt, geschuldet. Mit 26 tritt er in die Ausbildung im Auswärtigen Dienst ein, ab 1987 ist er als Referent in der Politischen Abteilung des Amtes und dort im Referat Sowjetunion tätig. Auch der „Rest des Warschauer Paktes“ gehört zu diesem Gebiet. 1989 wird er in die Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft in Moskau geschickt. Dort ist er bis 1991, also in jener hochdramatischen Phase des Mauerfalls und des Zusammenbruchs der Sowjetunion, worauf die 2+4-Gespräche, der Abzug der Roten Armee aus Ostdeutschland sowie dessen finanzielle Unterfütterung mit Milliardenbeträgen folgten.

Sage niemand, dass es ein Zufall war, dass der junge Lucas zu der Zeit mit einer Arbeit promoviert wurde, deren Thematik heute geradezu wie Agendasetting wirkt: „Europa vom Atlantik bis zum Ural – Europapolitik und Europadenken im Frankreich de Gaulles“.

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1991 kehrt er in der Politischen Abteilung des Amtes für fünf Jahre zu einer Thematik zurück, in die er sich von 1987 bis 1989 hatte einarbeiten müssen. Damals waren die baltischen Staaten erzwungene Vasallen Moskaus. Jetzt sind es unabhängige Länder mit einem ausgeprägten Nationalbewusstsein. Und Lucas ist der erste, der für dieses neue Dossier zuständig ist.

Das Sicherheitsbedürfnis des Ostens

Der Blick und das Gespür für diese und die anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks kommt ihm viel später zugute – als deutscher Botschafter bei der Nato versteht er deren Sicherheitsbedürfnis besonders gut. Dem wurde ja bei den beiden großen Erweiterungen des Bündnisses Richtung Osten in den Jahren 1999 und 2004 Rechnung getragen.

Ob das Europadenken und die Sicherheitsüberlegungen des Hans-Dieter Lucas nicht entscheidend durch den KSZE-Visionär und Langzeitaußenminister Hans-Dietrich Genscher geprägt worden sind, wird man nicht mehr fragen, wenn man liest, was ihm zwischen 1995 und 1999 als Aufgabe übertragen wurde: Bis 1998 war er Leiter des persönlichen Büros des Ex-Ministers Hans-Dietrich Genscher, dann zwei Jahre Leiter des Redenschreiberstabes des Genscher-Nachfolgers Klaus Kinkel. Vor allem ersterer, erinnert sich Lucas auch heute noch gleichermaßen amüsiert wie respektvoll, wurde auf Reisen nicht nur wie ein Elder Statesman, sondern oft auch wie ein Staatsoberhaupt behandelt.

Es folgte die 9/11-Zeit in Washington – Wolfgang Ischinger war zu jener Zeit deutscher Botschafter – dann die Jahre als Referatsleiter Außen- und Sicherheitspolitik im Kanzleramt für Osteuropa, Kaukasus, und Zentralasien, später im Range eines Botschafters. Beauftragter für die gleiche Region im Auswärtigen Amt, deutscher Vertreter im sicherheitspolitischen Komitee der Europäischen Union in Brüssel. Die Iranverhandlungen der sechs Mächte und der Europäischen Union begleitete er bis zu deren erfolgreichem Abschluss am 14. Juli 2015 als deutscher Verhandlungsführer.

Ein ganz spezieller Posten

Und dann also Brüssel. Ein ganz spezieller Botschafterposten. Seinen Akkreditierungsbrief überreicht er keinem Staatsoberhaupt, sondern dem Nato-Generalsekretär. Seine Brüsseler Botschaft erteilt keine Visa. Hier suchen keine deutschen Landsleute Schutz vor Verfolgung. Die Botschaft verfügt auch über kein separates Gebäude, alle Nato-Staaten haben ihre Delegationen unter einem Dach, das ist schon mehr als Symbolik, es ist Programm. Und das Geschäft? Politik, Politik, Politik. Das Ziel: Einigkeit zu erzielen, denn: „Die Nato ist eine Konsensmaschine“, sagt Lucas, „und das in einer Zeit, die als Krise des Multilateralismus bezeichnet wird“. Aber er ist überzeugt: „Wir brauchen so etwas wie ein überwölbendes System.“ Und dieses System ist in erster Linie nicht militärisch (es wäre ohne militärische Kraft aber auch sinnlos), sondern politisch. „Im Nordatlantikrat, dem höchsten Beschlussgremium, sitzen Botschafterinnen und Botschafter, und keine Militärs.“

Gerade weil er Moskau, weil er Russland kennt und es bei den Petersburger Sicherheitsgesprächen im Oktober 2019 als „sehr, sehr schwierigen Partner“ bezeichnet, sagt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel: „Wir müssen die Dialogkanäle offenhalten – der Nato-Russland-Rat ist einer.“

Und fügt gleich hinzu: „Wir sind der Meinung, dass er Bestand haben sollte – er tagt übrigens wieder.“ Und für den Brüsseler Alltag, zu dem das Gespräch mit allen gehört, hat er dann noch einen Ratschlag: „Angst ist nicht die Kategorie, in der man miteinander umgehen sollte, sondern das vertrauliche Gespräch.“

Dass die Nato, neben Russland, ganz andere Probleme erschüttern, weiß er sehr wohl. Ihn danach zu befragen – zwecklos. Kein Diplomat redet darüber offiziell. Aber da gibt es den unberechenbaren amerikanischen Präsidenten, der alles andere als Bündnis-konform denkt. Da gibt es einen türkischer Partner, dessen starker Mann sich immer wieder wie eine „loose canon“ auf dem Deck des Nato-Schiffes bewegt. Dennoch: Was hält die Nato, was hält am Ende auch die Europäische Union zusammen?

Welt aus den Fugen

In einem Aufsatz in dem Buch „Gefährdete Welt“, gerade erschienen bei Herder, leitet Hans-Dieter Lucas seinen als persönliche Meinung deklarierten Beitrag so ein: „Von Brüssel aus, dem Sitz des Nato-Hauptquartiers, ist es nicht weit zu den großen Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges in Flandern und an der Somme, oder zu den Landungsstränden des Zweiten Weltkrieges in der Normandie. Diese besonderen Orte mit ihren großen Gräberfeldern erinnern uns daran, was im schlimmsten Fall geschehen kann, wenn die Welt aus den Fugen gerät und die internationale Ordnung zusammenbricht.“

Wenn man dem folgt, ist es also doch das alte Narrativ, das Europa zusammenhält. Ist es die Erinnerung an die Gräuel, die sich die Staaten Europas selbst zugefügt haben in vergangenen Zeiten. Da trifft es sich gut, dass Hans-Dieter Lucas im September einen neuen Posten antritt, der thematisch, kulturell und psychologisch genau passt. Er wird deutscher Botschafter in Paris. In jenem Jahr, in dem Deutschland noch bis zum 31.Dezember die EU-Ratspräsidentschaft innehat und auf die enge Kooperation mit Frankreich noch mehr angewiesen ist als sonst schon. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat de Gaulle gelesen. Und in der französischen Botschaft am Pariser Platz in Berlin wird man sich die Doktorarbeit des neuen Repräsentanten Deutschlands in Paris beschafft haben.

Der Schnellzug verbindet Brüssel und Paris in 1:15 Stunden. Es bleibt also alles beieinander.

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