Parteitag der US-Republikaner : Donald Trump verstehen – in sechs Schritten

Wie kann es bloß sein, dass dieser US-Präsident wiedergewählt werden könnte? Wer das verstehen will, muss dessen Inszenierungen analysieren. Ein Kommentar.

Stets leidenschaftlich und angriffslustig: US-Präsident Donald Trump beim Parteitag der Republikaner in Charlotte, North Carolina
Stets leidenschaftlich und angriffslustig: US-Präsident Donald Trump beim Parteitag der Republikaner in Charlotte, North CarolinaFoto: David T. Foster/Pool via Reuters

Er hat keine Angst. Er hält sein Wort. Er ist leidenschaftlich. Seine Botschaften sind klar und einfach. Er ist ein Patriot. Er bezwingt übermächtig wirkende Gegner.

Der Parteitag der Republikaner dreht sich – wie soll es anders sein? - um ihn, Donald Trump. Inhalte, Programme, Parteitraditionen sind nebensächlich. Die Inszenierung von Politik hat das Politische verdrängt, ja ersetzt.

Die Botschaften klingen manichäisch. Es gibt die Guten und die Bösen, das Licht und die Finsternis, die Wahrheit und die Lüge. Dass auch die Demokraten den Apokalypse-Sound beherrschen, haben sie vor einer Woche bewiesen. Endzeitgetöse allüberall.

Doch Trump ist ein Meister in dieser Disziplin. Darum soll an dieser Stelle einmal abstrahiert werden von der Frage nach richtig oder falsch, sinnvoll oder töricht, vernünftig oder gefährlich.

Um zu verstehen, warum fast die Hälfte der amerikanischen Wähler – trotz allem! – zu ihm hält, muss die inszenatorische Finesse des US-Präsidenten verstanden werden. Andernfalls wären seine Anhänger nur mit Attributen der Irrationalität wie „verbohrt“, „verrückt“, „verblendet“, „fanatisch“ zu beschreiben. Solche Zuschreibungen aber verhindern ein Verständnis.

Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg

Trump hat keine Angst. Er geht keinem Mikrophon aus dem Weg, nimmt es mit jedem Gegner auf – ob China, Iran, die „Fake-News-Medien“. Er engagiert Mitarbeiter und entlässt sie wieder. Loyalität, Rücksicht, Diplomatie, Entschuldigungen: Das interessiert ihn nicht. Er handelt nach der Devise des alten Sponti-Spruchs: Immer aufs Maul, und wenn sie fragen, warum, nochmal für die dumme Frage.

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Trump hält Wort. Sein größter politischer Ehrgeiz besteht darin, als Mann der Tat zu erscheinen, der tut, was er sagt. Mit Ausnahme des Mauerbaus an der Grenze zu Mexiko hat er das in vielen Punkten geschafft. Die Liste reicht von der Aufkündigung fast aller multilateralen Verträge (Klima, Handel, Atomabkommen mit dem Iran, INF-Vertrag über nukleare Mittelstreckenraketen) über drastische Steuersenkungen, die Ernennung von konservativen Verfassungsrichtern bis zur Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem. Die Strategie dahinter ist nebensächlich. Es geht ihm vor allem um das Image der Durchsetzungsfähigkeit. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.

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Trump ist leidenschaftlich. Das Spiel von Sieg und Niederlage macht ihm Spaß. Er nimmt Herausforderungen an, geht keinem Krawall aus dem Weg. Er verfolgt Ziele – China und Iran in die Knie zwingen, angeblich unfaire Handelsabkommen neu verhandeln, den sogenannten „Deep State“ (tiefen Staat) zerschlagen.

In diesem Punkt zeigt sich der vielleicht größte Kontrast zu Herausforderer Joe Biden, dessen primärer Charakterzug im Wahlkampf darin bestehen soll, nicht Trump zu sein. Trump wirkt immer fokussiert und angriffslustig.

Er will der Retter des Landes sein

Trumps Botschaften sind klar und einfach. Er spottet über abgehobene, gebildete Snobs, Latte-Trinker, Bäume-Umarmer, Gender-Freaks, Freihandels-Ideologen, Nato-Schmarotzer (Deutschland!). Wann immer er sich äußert, zumeist über Twitter, geschieht etwas. Er löst zuverlässig Reiz-Reaktions-Mechanismen aus.

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Seine Widersacher – Demokraten, Medien, Diplomaten, Europäer – schäumen vor Wut und entfachen ein donnerndes Getöse. Das Getöse wiederum reflektiert seine Macht. Dabei bleibt Trump stets Trump. Er verstellt sich nicht, schlüpft in keine Rollen.

Trump ist Patriot. Jedenfalls tritt er so auf. Er will ein Herkules sein, der den Saustall Amerika ausmistet und das Land wieder groß und respektiert macht. Make America Great Again. Mit diesem Slogan besetzt er ein Feld, von dem aus er seine Gegner als unpatriotisch, selbstsüchtig und womöglich korrupt darstellen kann. Sie sind verantwortlich für die Misere, er ist der Retter.

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Trump bezwingt übermächtig wirkende Gegner. Was haben sie nicht alles versucht, um ihn zu Fall zu bringen! Doch er war stets stärker als das mediale Dauerfeuer, der Muller-Report, das Impeachment. Einer gegen alle: In diesem Topos vereinen sich biblische Motive (Noah, Jesus, Martin Luther) mit kulturellen Analogien (High Noon, Rocky, Rambo).

Ein Einzelner nimmt es mutig und unbeirrt mit einer ignoranten Mehrheit auf, die ihn verachtet. Es ist beachtlich, dass Trump dieses Underdog-Image auch nach knapp vier Amtsjahren noch kultiviert. Viel Feind‘, viel Ehr‘, das heißt: Trump braucht die Erzählung von einem starken oppositionellen „Establishment“, weil sie seine Macht illustriert, ihm widerstehen zu können.

Und damit zurück zum Parteitag der Republikaner in Charlotte, North Carolina. Bei Trumps erstem Auftritt dort skandierten Anhänger „four more years!“. Er aber forderte sie auf, „twelve more years!“ zu rufen. Das würde die Demokraten noch mehr ärgern.

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