Politik im Team : Der Trend geht zum Führungsduo

Es kann nur einen Kanzler geben. Doch wenn Parteien anschlussfähig bleiben wollen, brauchen sie eine neue Führungskultur. Ein Kommentar.

Jens Spahn (l) und Armin Laschet (beide CDU), bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz.
Jens Spahn (l) und Armin Laschet (beide CDU), bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz.Foto: Michael Kappeler/dpa

Nun ist er also auch in der CDU angekommen: der Teamgedanke auf höchster Ebene. Armin Laschet und Jens Spahn präsentierten sich diese Woche als Duo im Wettbewerb um den CDU-Vorsitz nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stärker“. Ihr Einzelkämpfer-Konkurrent Friedrich Merz verglich den Zusammenschluss der beiden prompt mit Kartellbildung.

Zwar soll es bei Laschet und Spahn noch eine hierarchische Unterscheidung geben (Spahn würde im Falle einer Wahl Laschets Stellvertreter werden), aber ihr Plan klingt doch verdächtig nach Doppelspitze – also dem Prinzip, das die Grünen mit Annalena Baerbock und Robert Habeck in nahezu formvollendeter Weise vorleben, und an das die SPD sich im Wunsch nach Erneuerung ebenfalls herangetraut hat.

Laschet und Spahn folgen dabei nicht nur den stärksten Partei-Konkurrentinnen der CDU, sondern einem gesamtgesellschaftlichen Trend. Führung verändert sich, wie auch der Blick über den politischen Tellerrand beweist.

Das Dax-Unternehmen SAP etwa wird seit vergangenem Jahr von Jennifer Morgan und Christian Klein im Team geleitet, und nach Jahrzehnten mit starker Einzelführung hat die Berlinale soeben ihr erstes Festival unter der Leitung des Duos Marietta Rissenbeek und Carlo Chatrian erlebt.

Bereits 2014 hieß es in einer Studie, die das Bundesministerium für Arbeit zum Thema „Führungskultur im Wandel“ beauftragt hatte und für das 400 Managerinnen und Manager befragt wurden: „Die Zeit des Vordenkens und Anweisens ist vorbei.“ Die klassische Hierarchie werde zum Auslaufmodell erklärt.

Geteilte Führung heißt auch doppeltes Leid

So eindeutig der Trend zu einem neuen Führungsstil, so laut sind auch die Gegenstimmen: Geteilte Führung bedeute doppeltes Leid, nicht nur für die Führungskräfte, sondern auch für die Geführten. Es bedeute Blockade und Chaos. Zahlreiche Beispiele gelten als Beweise. In den letzten Monaten wurde immer wieder auf die SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert-Walter Borjans verwiesen.

Gegenbeispiel: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, beide SPD-Vorsitzende.
Gegenbeispiel: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, beide SPD-Vorsitzende.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Richtig ist: Ein funktionierendes Führungsmiteinander gibt es nur mit starker Harmonie, und zwar auf inhaltlicher wie persönlicher Ebene. Das Risiko des Scheiterns ist hoch. Dass Baerbock und Habeck als Team so stark wirken, liegt vor allem daran, dass sie absolute Loyalität praktizieren und einen Nichtangriffs- Pakt leben.

Hinter dem Teamgedanken steckt allerdings mehr als nur eine veränderte Führungsstruktur – es geht um Stil und Haltung. Entscheidungen werden dabei nicht mehr von oben gegen alle Widerstände und ohne Rücksicht auf andere durchgesetzt. Stattdessen geht es um gemeinschaftliche Abstimmung, Transparenz, um die Berücksichtigung anderer Meinungen und darum, dem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen.

Starre Hierarchien wirken veraltet

Vermittlung und Überzeugung spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Starre Hierarchien und die Monopolisierung von Macht und Wissen wirkt nicht nur veraltet, sondern auch als Hemmung von Kreativität und Flexibilität. Eine neue Führungskultur, die mit einem Wandel in der Kommunikation und Entscheidungsfindung einhergeht, ist nicht an Doppelspitzen gebunden – sie kann auch von Einzelpersonen verkörpert werden.

In der jungen Unternehmer-Szene gehen die Experimente noch deutlich weiter, von Jobsharing (anteilige Aufteilung einer Stelle zwischen mehreren Personen) bis zur Abschaffung des Chefpostens (wie beim Berliner Startup „Einhorn“).

Diese Modelle sind in der Politik so nicht realisierbar. Und bei allen politischen Führungsdebatten hallen die Rufe: Es kann nur eine Kanzlerin, nur einen Kanzler geben! Das ist richtig. Doch wenn Parteien anschlussfähig bleiben wollen, gerade für die Jungen, müssen sie sich nicht nur strukturell wandeln, sondern auch eine moderne Führungskultur unter Beweis stellen – und Personen an die Spitze bringen, die vermitteln, überzeugen, zusammenführen.

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