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Protest von Impfgegnern
© Andreas Klaer

Impfgegner drohten mit Mord: Psychoterror treibt Corona-Ärztin in den Selbstmord

Die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr forderte nachdrücklich eine Impfpflicht. Gezeichnet vom Psychoterror der Impfgegner verübte sie nun Selbstmord.

Am Ende konnte Lisa-Maria Kellermayr die monatelangen Drohungen auf Facebook und Twitter wohl nicht mehr ertragen, diese Ankündigungen, sie werde „hingerichtet“ oder vor „ein Volkstribunal gezerrt“, ihre Mitarbeiter würden „abgeschlachtet“, ihnen würden „die Kehlen durchgeschnitten“. Geschrieben von radikalen Impfgegnern und Coronaleugnern.

Am Freitag ist die Ärztin Kellermayr tot in ihrer Praxis in Seewalchen am Attersee in Oberösterreich aufgefunden worden. Nach Angaben der zuständigen Staatsanwaltschaft Wels hatte sie Selbstmord begangen, es seien Abschiedsbriefe gefunden worden.

Die Hausärztin hatte sich zur Hassfigur von Corona-Leugnern und Impfgegnern entwickelt, weil sie sich intensiv um Menschen gekümmert hatte, bei denen der Verdacht einer Corona-Infektion bestand. Vor allem aber hatte sie sich öffentlich nachdrücklich für die Einführung einer Impfpflicht eingesetzt. Im November 2021 kritisierte sie Impfgegner, weil die vor einem Krankenhaus eine Rettungszufahrt blockiert hatten.

Eine der Reaktionen auf ihr Engagement: Psychoterror. Kellermayr schloss ihre Praxis Ende Juni, weil sie dort einen sicheren Arbeitsablauf nicht mehr gewährleisten konnte. Zudem war sie finanziell am Ende, weil sie – ergänzend zum Polizeischutz, den sie längere Zeit erhielt – mehr als 100 000 Euro für Sicherheitsmaßnahmen ausgegeben hatte.

Kellermayr beklagte mangelnde Unterstützung durch Behörden

Trotz des Polizeischutzes klagte sie, sie hätte zu wenig Unterstützung von den Behörden erhalten. Die Polizei weist die Vorwürfe zurück. Auf jeden Fall aber hatte die Staatsanwaltschaft Wels ein Ermittlungsverfahren gegen einen deutschen Verdächtigen eingestellt. Begründung: Dafür seien die deutschen Behörden zuständig.

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Nach Angaben des „Spiegel“ führe ein Verdacht über die Autoren der Drohungen in die rechtsextreme Szene in Deutschland. Ein Verdächtiger sei den Berliner Behörden bereits bekannt. Auf Anfrage des Tagesspiegel teilte die Berliner Polizei mit, sie könne dazu keine Angaben machen.

Die Staatsanwaltschaft Wels schrieb auf Tagesspiegel-Anfrage: "Die Ermittlungen im Zusammenhang mit den "Drohmails" betreffen einerseits bekannte Täter, andererseits (bislang noch) unbekannte Täter. Die Verfahren gegen die bekannten Täter wurden bereits eingestellt. Bei diesen Tätern  handelt es sich um in Deutschland aufhältige Personen und war eine inländische Zuständigkeit in diesem Zusammenhang zu verneinen. Die jeweiligen Staatsanwaltschaften in Deutschland (Berlin und Traunstein) wurden vom Sacherhalt in Kenntnis gesetzt. Das Verfahren gegen unbekannte Täter ist nach wie vor aufrecht bzw. sind die Ermittlungen diesbezüglich noch nicht abgeschlossen."

Kellermayr fehlte es mitunter freilich auch in ihrem Fachbereich an Unterstützung. Nachdem sie ihre Praxisschließung angekündigt hatte, erklärte der Präsident der oberösterreichischen Ärztekammer: „Ich sehe ein, dass man sich wehren muss, aber es ist eine andere Frage, ob man sich bei jedem Thema auf Twitter exzessiv zu Wort melden muss.“ Manchmal sei es besser, man ziehe sich zurück.

Gedenkveranstaltung in Wien

In Österreich ist die Bestürzung groß. Bundespräsident Alexander van der Bellen erklärte: „Hass und Intoleranz haben in unserem Österreich keinen Platz.“ Gesundheitsminister Johannes Rauch teilte mit: „Morddrohungen gegen sie und ihre Mitarbeitenden waren brutale Realität. Hass gegen Menschen ist unentschuldbar.“ Pikanterweise hatte Kellermayr vor kurzem noch Rauchs Rücktritt gefordert. Für Montagabend ist eine Gedenkveranstaltung am Stephansplatz in Wien geplant.

Haben Sie dunkle Gedanken? Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können.

Der Berliner Krisendienst ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern variieren nach Bezirk, die richtige Durchwahl für Ihren Bezirk finden Sie hier.

Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de. Diese ist zudem Tag und Nacht unter dieser Nummer erreichbar: 0800 1110111.

Der Tagesspiegel berichtet üblicherweise nicht über Suizide. Der vorliegende Fall hatte allerdings schon breite öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, als noch von einem Unglück auszugehen war. Daher setzen wir die Berichterstattung im gebotenen Umfang fort.

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