Update

Rätselhafte Erkrankung : Russischer Ex-Spion mit Vergiftung in britischem Krankenhaus

Ein ehemaliger russischer Doppelagent wird in Großbritannien mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert. Das weckt Erinnerungen an den Mord am Ex-Spion Litwinenko im Jahr 2006.

Sergej Skripal in einem Moskauer Gerichtssaal im Jahr 2006.
Sergej Skripal in einem Moskauer Gerichtssaal im Jahr 2006.Foto: Misha Japaridze/dpa

Eine rätselhafte Vergiftung eines russischen Ex-Spions in Großbritannien droht das ohnehin angespannte Verhältnis der beiden Länder weiter zu verschlechtern. Die britische Polizei spricht von einem „sehr ungewöhnlichen Fall“. Moskau sieht sich zu Unrecht im Verdacht. Russland sei aber bereit, die Ermittlungen zu unterstützen, sollte es eine offizielle Anfrage aus Großbritannien geben, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag in Moskau.

Der britische Außenminister Boris Johnson brachte indes eine Verschärfung von Sanktionen gegen Russland ins Spiel, falls die Regierung in Moskau hinter der schweren Erkrankung eines Ex-Doppelagenten stecken sollte. "Es könnte sehr gut sein, dass wir gezwungen sind, uns das Sanktions-Regime und andere Maßnahmen erneut anzusehen, wenn sich der Verdacht bestätigt", sagte Johnson am Dienstag im britischen Parlament. Es wäre aber falsch, voreilige Schlüsse aus den Ermittlungen zu ziehen. Die Regierung in London werde angemessen und robust reagieren. Johnson stellte als mögliche Konsequenz auch die Teilnahme Englands an der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland in Frage. Unterdessen übernahm die britische Anti-Terroreinheit die Ermittlungen.

Großbritanniens nationaler Sicherheitsrat kam am Dienstag zusammen, um die Angelegenheit zu diskutieren, wie ein Regierungssprecher mitteilte. Premierministerin Theresa May, Johnson und andere hochrangige Minister wurden über den Stand der Ermittlungen informiert. Obwohl der Vorfall nicht mit Terrorismus in Verbindung gebracht wurde, übernahm die britische Anti-Terrorismuseinheit am Dienstag die Ermittlungen, weil sie die Erfahrung für solche "ungewöhnlichen Umstände" habe, hieß es.

In der südenglischen Stadt Salisbury wurde am Wochenende ein Mann mit Vergiftungserscheinungen aufgefunden. Johnson bestätigte, dass es sich um den 66-jährigen Sergei Skripal und dessen 33-jährige Tochter Julia handelt. Skripal ist ein früherer Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Er war in Russland als britischer Spion verurteilt und bei einem Austausch 2010 freigelassen worden. Mit ihm wurde eine junge Frau vergiftet. Der BBC zufolge soll es sich um seine Tochter Yulia handeln. Beide liegen in „kritischem Zustand“ im Krankenhaus. Die Polizei geht davon aus, dass die beiden in Kontakt mit einer „unbekannten Substanz“ gekommen sind.

Rettungskräfte im Krankenhaus

Ein Pizza-Restaurant und ein Pub in Salisbury wurden vorübergehend geschlossen und von der Polizei abgeriegelt. Der Fundort der beiden Verletzten wurde dekontaminiert. Mehrere Mitglieder der Rettungskräfte wurden nach dem Einsatz untersucht, hieß es in einer Mitteilung der Polizei am Dienstag. Alle bis auf einen seien inzwischen wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Nach derzeitigem Kenntnisstand bestehe aber keine Gefahr für die Öffentlichkeit. Trotzdem nehme man Fälle wie diese „extrem ernst“, hieß es in einer Mitteilung.

In die Ermittlungen haben sich inzwischen die Spezialkräfte der britischen Polizei eingeschaltet, um herauszufinden, was hinter der mysteriösen Erkrankung steckt. „Wir sprechen mit Zeugen, wir nehmen kriminaltechnische Proben, wir machen toxikologische Untersuchungen“, sagte der Chef der Spezialkräfte, Mark Rowley, dem Radiosender BBC 4 am Dienstag. „Das wird uns helfen, zu einer Antwort zu kommen“. Es handele sich um einen „sehr ungewöhnlichen Fall“. Noch könne er aber keine Details preisgeben.

Rowley bestätigte, dass es in der Vergangenheit verdächtige Todesfälle mit Russland-Bezug gegeben hat. Er warnte aber vor voreiligen Schlüssen. „Ich glaube wir müssen uns daran erinnern, dass russische Exilanten nicht unsterblich sind, sie sterben alle und es kann eine Tendenz zu Verschwörungstheorien geben“, sagte Rowley. Der Fall des in London vergifteten russischen Ex-Geheimagenten und Kremlgegners Alexander Litwinenko zeige aber, dass Wachsamkeit geboten sei.

Die Polizei sichert den Tatort im südenglischen Salisbury, an dem vergifteter russischer Ex-Spion gefunden wurde.
Die Polizei sichert den Tatort im südenglischen Salisbury, an dem vergifteter russischer Ex-Spion gefunden wurde.Foto: Steve Pasons/dpa

Russland bietet Zusammenarbeit an

Der Kreml wunderte sich nicht über den Verdacht. „Das hat ja nicht lange auf sich warten lassen“, sagte Kremlsprecher Peskow in Moskau. Er könne den Fall nicht kommentieren, fügte er der Agentur Interfax zufolge hinzu.
Russland bot Großbritannien allerdings an, in dem Fall zusammenzuarbeiten. Bislang sei jedoch keine solche Anfrage aus Großbritannien eingegangen, sagte Peskow. Er bezeichnete den Vorgang als "tragische Situation". Über die Hintergründe habe er keine Informationen, auch nicht darüber, ob Skripal noch russischer Staatsbürger sei.

Video
Russischer Ex-Spion womöglich in Großbritannien vergiftet
Russischer Ex-Spion womöglich in Großbritannien vergiftet

Im Jahr 2006 hatte die Ermordung des Kremlgegners Litwinenko in Großbritannien für Aufsehen gesorgt. Unbekannte hatten ihn in London mit radioaktiv verseuchtem Tee vergiftet. Das darin enthaltene hochgiftige Polonium 210 tötet ihn nach drei Wochen. Nach britischen Ermittlungen stecken frühere russische Geheimdienstler hinter dem Mord an dem abtrünnigen Exilanten: Andrej Lugowoj und Dmitri Kowtun, die jede Schuld von sich weisen. Sie entzogen sich einem Gerichtsverfahren in Großbritannien und leben unbehelligt in Russland. Lugowoj machte gar eine politische Karriere als Parlamentsabgeordneter für die rechtsgerichtete Partei LDPR.

Kowtun vermutet hinter dem Fall eine Verschwörung gegen Moskau. „Wenn wirklich jemand Skripal vergiftet haben sollte, dann ist das kein Zufall, sondern natürlich eine Provokation der britischen Geheimdienste“, sagte er der russischen Agentur Interfax zufolge. Russland und seine Behörden sollten vor der Präsidentenwahl am 18. März diskreditiert werden. (dpa/AFP)

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben