Rechte auf den Straßen : Woher kommt die Wut in Ostdeutschland?

Im Osten des Landes häufen sich die fremdenfeindlichen Aufmärsche. Warum? Unsere Autorin kehrt zurück in eine Heimat, die ihr fremd geworden ist.

Menschen versammeln sich zu einer Demonstration, zu der die Rechten von "Pro Chemnitz" aufgerufen haben.
Menschen versammeln sich zu einer Demonstration, zu der die Rechten von "Pro Chemnitz" aufgerufen haben.Foto: REUTERS/Matthias Rietschel

Wenn vor dem „Sonnenblumenhaus“ eine Fremde steht und Leute anspricht, gehen bei den Einheimischen die Alarmglocken an. Am Vormittag sind hier in Lichtenhagen, dem Plattenbauviertel zwischen der Rostocker Innenstadt und der Ostsee, vor allem Rentner unterwegs, ein paar Mütter schieben Kinderwagen durch den Supermarkt. Die Vorgärten sind geharkt, die Wohnblocks saniert und in freundlichen Farben gestrichen. Ein Idyll.

Wenn es da nicht diese Erinnerungen gäbe, an damals, 1992, als die Nachbarn hier dem rechten Terror zusahen, als sie applaudierten, statt Menschlichkeit zu zeigen. Als es brannte und grölte und die Staatsmacht ihr Gewaltmonopol den Gewalttätern überließ.

„Ging ja auch nich so weiter“, murmelt ein alter Mann, der sich die Füße vor Hausnummer 19 in der Mecklenburger Allee vertritt. Er wohnt hier fast sein ganzes Leben lang. In jenen Augustnächten war er dabei, nachdem die Ausländerbehörde die freien Wohnungen mit Asylbewerbern gefüllt hatte. „Selbst auf de Wiese ham se kampiert, die Zigeuner.“ Die rechten Randalierer seien damals „zugereist“, sagt der alte Mann.

Warum die Nachbarn nicht eingeschritten sind? „Gehn se ma runter und machen was, wenn die mit Flaschen werfen und nirgendwo Polizei zu sehen ist!“ Dann tritt eine Frau, vielleicht Mitte 50, eilig aus der Haustür und ruft den Mann hinein. Sie wisse schon, sagt sie scharf, weshalb ich hier bin: „Wegen Chemnitz. Aber wir sagen nichts, lassen Sie uns endlich in Ruhe, wir wollen unseren Frieden.“

Selten scheinen Ruhe und Frieden in der Bundesrepublik Deutschland ferner als in diesen Tagen, wo die rechten Arme wieder durchgedrückt und in die Luft gestreckt werden. In Chemnitz, in Köthen und Halle, wo den Leuten wieder der Hass ins Gesicht geschrieben steht. „Deutschland den Deutschen“, brüllen sie und es trifft mich mitten ins Herz. Weil ich mich in meiner eigenen Heimat als Fremde fühle. Schon wieder.

26 Jahre liegen zwischen dem August ’92 in Rostock und heute – und ich habe die gleichen Fragen: Warum taucht vor allem im Osten Deutschlands immer wieder dieser Nazi-Spuk auf, woher kommt diese Wut? Und vor allem: Warum stellen sich tausende Frauen und Männer, die meine Nachbarn sein könnten, denen ich beim Bäcker begegne oder vielleicht im Bürgeramt, in eine Reihe mit Rassisten? Weshalb schauen so viele weg, wenn zur blindwütigen Jagd auf Menschen angesetzt wird?

Aufgewachsen in der DDR

Fast ein Drittel der Ostdeutschen bekennt, bei den Landtagswahlen nächstes Jahr ihre Stimme der AfD geben zu wollen. Einer Partei, in der Flüchtlinge „Messermänner“ genannt werden, die offen vom „Systemwechsel“ spricht. Das ist ein Zeichen dafür, wie weit die Mitte der ostdeutschen Gesellschaft bereit ist, sich aus dem demokratischen Konsens des Landes zu verabschieden.

Ich habe mich aufgemacht in diesen Tagen. Nach Dresden, Chemnitz, Limbach-Oberfrohna. Habe meinen Geburtsort Ohrdruf besucht. Eine Kleinstadt in Thüringen, dem Bundesland, in dem Björn Höcke wohnt und wo Rechtsextreme Immobilien kaufen, ihre Bunker des Völkischen darin einrichten, und die Truppen sammeln sich zu Festivals des blutigen Liedes. Und ich war in Rostock, um von den Erinnerungen an 1992 zu erfahren und zu hören, wie die Menschen heute darüber denken. Eine Reise durch mein wütendes Ostdeutschland, auf der Suche nach Erklärungen und Antworten auf immer die gleiche Frage: Warum?

Ich bin ein Kind der DDR, Jahrgang 1963, in den 70ern in Thüringen zur Schule gegangen, habe in Dresden studiert. Als 1992 die Stiefel in Rostock auf den Asphalt knallten und Steine flogen auf Wehrlose, war ich 5000 Kilometer entfernt, saß ich in einer Zeitungsredaktion an der Park Avenue in Manhattan. Hundert amerikanische Kollegen der „New York Newsday“ hatten mich gerade erst voller Neugierde aufgenommen. So was wie mich hatten sie noch nie gesehen: ein leibhaftiger Ossi, aufgewachsen hinter Stacheldraht und selbst befreit aus der Diktatur des Proletariats. Ohne Krieg und Blutvergießen, nur mit diesen vier einfachen Worten: „Wir sind das Volk.“

Was damals geschah, die tagelange Belagerung, die in Todesangst schreienden vietnamesischen Frauen und die wutverzerrten Gesichter der Männer unten auf der Wiese, nannte man später die „Schande von Lichtenhagen“. Die „New York Newsday“ titelte „Nazis in Ostdeutschland“, und die Amerikaner sahen mich entsetzt an. Waren das die friedlichen Revolutionäre, von denen ich erzählt hatte? „Ist das dein Volk? Da war es mir zum ersten Mal fremd geworden.

In Ohrdruf aufzuwachsen, in den Sechzigern und Siebzigern, das bedeutet, die DDR erfahren zu haben. Die Häuser grau, die Fenster zugig und der Braunkohlenteer auf den Straßen so weich, dass die Schuhe im Sommer daran kleben blieben. Morgens um sechs zogen die Ohrdrufer an ihre Werkbänke, an die Webstühle oder sie standen am Bahnhof, um nach Gotha, die nahe Kreisstadt, zur Arbeit zu fahren. Ein mühevoller Alltag zwischen Kohleöfen und der Kunst, der Mangelwirtschaft dann und wann ein paar Bananen oder ein Ersatzteil für den Trabi abzutrotzen.

Aber zugleich auch Normalität. Wir Kinder spielten auf dem Markt, erbettelten Wurstzipfel beim Fleischer und verbrachten unsere Nachmittage im Freibad. Und manchmal sonntags ging die Familie zu „Acken“, dem feinen Café zwischen dem Kino und der Post. Hier roch es nach Likör, und elegante Damen servierten Obstkuchen mit silberfarbenen Gäbelchen. Treffpunkt für Alt und Jung, Ort von Bürgerlichkeit und Gemeinschaft.

Ohrdruf in der Gegenwart

Der Mann, der den Kuchen zuletzt gebacken hat, ist heute weit über sechzig. Sein Café konnte er mühelos über die Wendezeiten retten. Doch irgendwann versagten auch ihm die Kräfte, er hat lange einen Nachfolger gesucht. Vergeblich. Vor ein paar Wochen machte das Café zu. Die Tür ist verschlossen, die Rollläden sind unten.

Das Erbe der Nachwendezeit ist in Ohrdrufs Zentrum noch immer zu spüren. Der Aufschwung ist fragil, die Menschen sind verunsichert. Weil die Kaufkraft gering und Aldi nah ist, lohnt es sich für Bäcker und Fleischer nicht mehr. Dunkle Schaufenster prägen die kleine Innenstadt. Die Jungen ziehen nach wie vor fort. Zurück kommt kaum einer. Das Krankenhaus mitten in der Stadt ist jetzt ein Altersheim.

Über den Marktplatz eilt ein älterer Mann, kariertes Hemd, blaue Hose, schwere Ledertasche über der Schulter. Er ist Elektriker, wie sich später herausstellt, eigenes kleines Unternehmen, eine Handvoll Angestellte. Darf man ihn fragen, wie es so geht? Skeptischer Blick, „wozu soll das gut sein?“ Ein Kommunalpolitiker, die Apothekerin, ein Straßenhändler, der aus seinem Lieferwagen heraus Klamotten verkauft: Niemand möchte gern mit einer Journalistin reden, sie fürchten zugespitzte Schlagzeilen und aus ihrer Sicht oberflächliche Urteile. Schon gar nicht wollen sie ihre Namen in der Zeitung lesen. „Versprochen?“, fragt der Elektromeister und ist dann bereit zu erzählen.

Vor der „Wende“ habe er in einem der Betriebe in der Umgebung gearbeitet. Gleich nach dem Fall der Mauer sei er entlassen worden. Der Elektromeister machte sich selbstständig, schrieb sich bei der Handwerkskammer ein. Seither hangelt er sich von Auftrag zu Auftrag. Mal ist die Arbeit knapp, dann ist es wieder so viel, dass er nicht weiß, wie er hinterherkommen soll. Seine Frau schreibt die Rechnungen, er die Angebote, abends wird es meistens spät.

Auch in Ohrdruf wussten die wenigen Betriebe am Ort zu Beginn der neunziger Jahre zunächst nicht mit der neuen Marktwirtschaft umzugehen. Woher sollten sie auch? Jahrzehntelang hatten „die Genossen da oben“ in Berlin bestimmt, was zu produzieren war. Wirtschaft in der DDR, das war die systematische Ausrotten von Selbst-Bestimmung und Selbst-Behauptung, die eine ganze Generation Ostdeutscher prägte. Man lernte, dass der Staat allmächtig ist und das alltägliche Leben am besten funktioniert, wenn man sich zurückzieht ins Private.

Boden der Tatsachen. „Niemand hat uns gefragt, ob wir das schaffen“, klagt man nicht nur auf Pegida-Demos in Dresden, sondern auch im 5000-Einwohner-Ort Ohrdruf, wo gut 1000 Flüchtlinge einquartiert wurden.
Boden der Tatsachen. „Niemand hat uns gefragt, ob wir das schaffen“, klagt man nicht nur auf Pegida-Demos in Dresden, sondern auch...Foto: imago/Rex Schober

Für „den ganzen Politikquatsch“, sagt der Elektromeister, habe er keine Zeit. Wenn einer seiner Leute kündigt, weil er anderswo ein paar Euro mehr verdient, steht gleich seine eigene Existenz auf dem Spiel. Wie soll er den nächsten Auftrag abarbeiten, woher Ersatz finden? Die Zeit seiner Selbstständigkeit war wohl zu kurz, um Rücklagen zu bilden, und zu hektisch, um sich Gedanken zu machen darüber, wie man die Firma erfolgreich entwickelt. Woher er dann auch noch die Kraft nehmen soll, sich gegen das Schimpfen in seiner Nachbarschaft über die Flüchtlinge zu stemmen, fragt der Mann entrüstet.

Leben mit kleinem Einkommen

Wird auch er die AfD wählen? Sein Blick geht zu Boden. „So geht’s ja nicht weiter mit den Migranten.“

So einfach klingt der Befund, so verständlich sind die Sorgen. Doch wer hat sie wirklich gehört, wer hat sie ernst genommen, in der Politik? Die politische Mitte in Ohrdruf, das sind 20 Sozialdemokraten, ein paar mehr von der Union und den Linken. Die anderen, Handwerker, Ingenieure, Händler, wollen mit Politik nichts zu tun haben. Fadenriss zwischen oben und unten.

Wo immer ich in diesen Tagen mit den Menschen spreche, in Ohrdruf, in Sachsen oder in Mecklenburg, schwingt Bitterkeit mit und eine Enttäuschung über die Politik, in der kaum noch Platz zu sein scheint für Gespräche über einen Ausweg. „Wir sind das Volk“ klingt wieder nach Wutausbruch gegen die eigene Regierung.

Womöglich sind Menschen, die oft und lange Zeit mit kleinen Einkommen und ABM-Maßnahmen leben mussten, besonders sensibel, wenn sie das Gefühl haben, der Staat erfüllt seine Aufgaben nicht. Denn das wenige, was sie besitzen, gerät dadurch in Gefahr. „Für Lehrer ham se kein Geld“, schimpft der Elektromeister, ständig falle Unterricht aus. Und Polizei im Ort, die habe er schon lange nicht mehr gesehen. „Kann man ja die Mädels noch nicht mal allein zum Tanzen gehen lassen.“

Wenn es nicht genügend Lehrer gibt, wenn der nächste Polizist 30 Kilometer entfernt ist, der Bahnhof längst geschlossen wurde und Ärzte rar werden, wenn der Staat also seine Pflicht nicht erfüllt, dann fürchten sich viele Ostdeutsche vor dem nächsten wirtschaftlichen Tal und davor, dass es dann zuerst den Schwächsten an den Kragen gehen wird, ihnen im Osten, wo die ökonomische Leistungskraft noch immer weit hinter der des Westens liegt.

Doch statt dass man sich um ihre Belange und Nöte kümmert, bestimmen Flüchtlinge die öffentlichen Debatten. „Niemand hat uns gefragt, ob wir das schaffen“, sagt der Handwerker, „und jetzt sitzen wir hier mit Fremden, die unsere Sprache nicht sprechen und von denen man nicht weiß, ob und wie lange sie hierbleiben.“

Knapp am Aufschwung vorbei

5000 Einwohner, mitten in Deutschland, ganz nah zur Autobahn A4, die den Osten mit Frankfurt am Main verbindet: 1990 wähnten sich die Ohrdrufer im Zentrum eines nahenden wirtschaftlichen Aufschwungs. Aber wie an so vielen anderen Orten kam es anders. Die Betriebe hatten über Nacht keine Aufträge und kein Geld.

Und dann verhökerte die Treuhand auch noch den Farbenhersteller an einen Glücksritter aus dem Iran. Der bezahlte den Kaufpreis nicht und ließ die Maschinen abbauen und in seine Heimat verschiffen. Wenn sich die Ohrdrufer an jene Zeiten erinnern, dann klingen ihre Berichte düster. „Man wusste ja nie, ob man nächsten Monat noch Arbeit hat“, sagt der Elektromeister. Und jeden Tag in den Nachrichten die Hiobsbotschaften: Wieder einer pleite im Osten.

Heute werden zwar im Gewerbegebiet „Brandt“-Zwieback und „Storck“-Schokoladen für die ganze Welt hergestellt. Der Iraner wurde schließlich zum Teufel gejagt und der ehemalige Farbenbetrieb trägt dazu bei, dass die Arbeitslosigkeit so gering ist wie in vielen Teilen Westdeutschlands. Doch die Skepsis ist geblieben. „Wie lange geht das wohl gut?“

Als ich fürchtete, es werden auch in Ohrdruf die rechten Arme fliegen, war es Winter 2015. Am Stadtrand hatte die Bundeswehr ihren Standort geräumt für eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung. Tag und Nacht Busse: Syrer, Afghanen und Menschen aus anderen Teilen der Welt. Auf dem Markt Gruppen junger dunkelhäutiger Männer. Vor dem Supermarkt verschleierte Frauen mit Kindern. 5000 Einwohner, mehr als eintausend Flüchtlinge: An jeder Ecke der Stadt ein Bild von Fremdheit. Die Stadtoberen von Ohrdruf hielten die Luft an. Rentner mussten beruhigt, Händlern musste die Sorge vor Diebstählen genommen werden.

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