Russische Geschichtspolitik : Dem Frieden droht ein unfriedliches Gedenken

Die russisch-polnische Auseinandersetzung um die Weltkriegsgeschichte zeigt: Die Feiern zum 75. Jahrestag des Kriegsendes werden ungemütlich. Ein Kommentar.

Frank Herold
Archivfoto: Der russische Präsident Wladimir Putin nimmt am 23. Februar 2017 an einer Trauerzeremonie am Grab des Unbekannten Soldaten in Moskau teil.
Archivfoto: Der russische Präsident Wladimir Putin nimmt am 23. Februar 2017 an einer Trauerzeremonie am Grab des Unbekannten...Foto: REUTERS

Noch sind es ein paar Monate hin bis zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai. Diese Jahrestage waren in der Vergangenheit zumeist geprägt von Gesten der Aussöhnung vor allem zwischen Deutschen und Russen. Aber immer wieder gab es auch Streit um die Interpretation der Geschichte. So vergiftet wie derzeit war die Atmosphäre seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr.

Putin deutet die Geschichte um: Polen sei nicht das erste Opfer Hitlers, sondern trage Mitverantwortung für den Beginn des Zweiten Weltkrieges

Vergiftet hat das politische Klima der russische Präsident Wladimir Putin Ende Dezember mit Lektionen, die er an die Adresse Polens richtete, die aber das westliche Europa insgesamt meinten. Deren Kerngedanke lautete: Polen sei nicht das erste Opfer Hitlers, sondern trage eine Verantwortung für den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Ebenso schuldig hätten sich Frankreich und Großbritannien mit dem Münchner Abkommen gemacht. Stalin sei nur der letzte gewesen, der mit Hitler Absprachen getroffen habe, der Stalin-Pakt sei ein normaler Nicht-Angriffs-Vertrag gewesen.

Für die Polen war das ein Schlag ins Gesicht, denn tatsächlich war der Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 die geheime deutsch-sowjetische Absprache über die Vernichtung und Aufteilung ihres Landes. Und der russische Einmarsch in Ostpolen zwei Wochen nach dem Überfall Deutschlands war aus polnischer Perspektive keineswegs ein Akt, Leben zu retten, wie Putin behauptete. Stalin nutzte ihn vielmehr, um in Katyn und an anderen Orten Tausende Polen zu ermorden. Darüber verlor Putin kein Wort. Der russische Präsident hat Gräben aufgerissen. Danach wird es nun schwer werden, den Jahrestag des Sieges über den Faschismus in Würde zu begehen.

Polen will Geschichtsumdeutung per Gesetzt verbieten

Der polnische Präsident Andrzej Duda hat jetzt klar gemacht, dass Polen das nicht auf sich sitzen lassen wird. Nach Putins Äußerungen im Dezember hatte die Regierung den russischen Botschafter einbestellt. Diese Reaktion bezeichnet Duda jetzt in einem Fernsehinterview als „gemäßigt“. Das polnische Parlament bereitet ein Gesetz vor, dass falsche Aussagen über Polens Rolle in der Weltkriegszeit unter Strafe stellen soll.

Wie sinnvoll das ist, sei zunächst dahingestellt. Ein zentrales Element der Politik Putins ist die Geschichtspolitik schon seit vielen Jahren - nicht erst seit dem nationalistischen Getöse nach der Krim-Annexion 2014. Der russische Präsident hatte schon vorher erkannt, dass für die Stabilität seiner Macht entflammbare Gefühle ebenso wichtig sind wie entflammbare Kohlenwasserstoffe. Doch darüber hinaus ist Geschichte, besonders die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, für Wladimir Putin mehr als Politik, sie ist eine sehr tiefe persönliche Angelegenheit, eng verbunden mit der Erinnerung an seinen Vater. So ist es wohl auch zu erklären, dass Putin bei seinen Ausfällen gegen Polen in die Gossensprache seiner frühen Amtsjahre zurückfiel und den polnischen Botschafter im faschistischen Deutschland als „Drecksack“ und „antisemitisches Schwein“ titulierte.

Geschichtspolitik gehört schon lange zu Putins nationalistischem Repertoire

Zur Vorgeschichte des jüngsten Streits gehört deshalb auch, dass es Putin sehr persönlich nahm, im vergangenen Jahr nicht zu den D-Day-Feiern in der Normandie eingeladen worden zu sein. Auch Polen wollte den russischen Präsidenten nicht dabeihaben, als im September des Beginns des Zweiten Weltkriegs gedacht wurde.

Putins Angriffe auf Polen sind nun die Revanche, sie sind eine gezielte Provokation. Sie einfach hinzunehmen wäre ebenso falsch, wie in der gleichen Sprache zu antworten. Es gilt abzuwägen.

Historische Fakten dürfen nicht geleugnet werden, aber sie können aufgewogen werden gegen andere Fakten. Aufwiegen meint nicht: relativieren aus politischem Kalkül, sondern es gibt eine Verpflichtung, die ganze geschichtliche Wahrheit in Erinnerung zu behalten. Der Hitler-Stalin-Pakt war ein Akt unmoralischer Realpolitik, deren Opfer Polen war. Es folgten später Jahre, in denen alle Völker der damaligen Sowjetunion - nicht nur die Russen - unermessliche Opfer für die Befreiung vom deutschen Faschismus brachten.

Es muss eine Schande genannt werden, was eine Schande war. Und es ist zu ehren, wem Ehre gebührt. Vor fünf Jahren hat Kanzlerin Angela Merkel zum Jahrestag der Befreiung einen Kranz am Grabmal des Unbekannten Soldaten in Moskau niedergelegt. Die Einladung zum militärischen Aufmarsch auf dem Roten Platz aber hat sie ausgeschlagen. Das war eine gute Entscheidung.

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