• Sexueller Übergriff beim Lunch?: Journalistin erhebt #MeToo-Vorwürfe gegen Boris Johnson

Sexueller Übergriff beim Lunch? : Journalistin erhebt #MeToo-Vorwürfe gegen Boris Johnson

Der Premierminister soll in seiner Zeit als Journalist eine Kollegin begrapscht haben. Er weist das zurück. Doch sie bekommt prominente Schützenhilfe.

Die Journalistin Charlotte Edwardes erhebt schwere Vorwürfe gegen Boris Johnson.
Die Journalistin Charlotte Edwardes erhebt schwere Vorwürfe gegen Boris Johnson.Foto: AFP / Screenshot "Sunday Times"

Hat Boris Johnson eine Journalistin begrapscht? Das wirft Charlotte Edwardes, Journalistin und Autorin bei der altehrwürdigen "Sunday Times", dem britischen Premier Boris Johnson in ihrer aktuellen Kolumne vor. Es ist ein Vorwurf, der das politische Chaos in London noch vertiefen könnte.

Der britische Premier wies den Vorwurf am Wochenende umgehend zurück, aber Edwardes legte am Sonntagabend nach.

„Wenn sich der Premierminister nicht an den Vorfall erinnern kann, dann habe ich eindeutig ein besseres Gedächtnis als er“, schrieb sie bei Twitter.

Konkret wirft Edwardes wirft Johnson vor, ihr bei einem gemeinsamen Mittagessen vor rund 20 Jahren „weit oben“ an die Innenseite des Oberschenkel gefasst zu haben.

Die 1973 geborene Journalistin Edwardes unterschreibt ihre Kolumne in der „Sunday Times“ mit den Worten „Happy #MeToo anniversary, everyone“ (Alles Gute zum Jahrestag, #MeToo) – eine sarkastische Abschiedsformel zwei Jahre nach Beginn der Kampagne gegen sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch. Edwardes bilanziert in ihrer Kolumne die Entwicklungen, die durch #MeToo angestoßen wurden. Zwar habe sie kürzlich zu einem beruflichen Kontakt, der ihr seine Hand aufs Knie gelegt habe, sagen können: „Das ist übrigens inzwischen illegal, können Sie es bitte lassen?“. Gleichzeitig aber sei US-Präsident Donald Trump unbeschadet im Amt, egal, wie viele Frauen ihm Belästigung vorgeworfen hätten. Und Johnson sei Premierminister. Sie nennt ihn den „doppelten Oberschenkel-Quetscher“.

Ihre #MeToo-Erfahrung beschreibt sie so: Als junge Reporterin habe sie 1999 auch für den „Spectator“ gearbeitet, das traditionsreiche konservative Wochenmagazin, dessen Chefredakteur zu der Zeit Boris Johnson war. Edwardes entwirft ein Bild der Stimmung in der Redaktion: Es wurde geraucht, getrunken, Praktikantinnen in ihren Mittzwanzigern wurden unverhohlen als „heiße Weiber“ („Totty“) bezeichnet. Und die seien nicht gerade schüchterne „Bambis“ gewesen, sondern hätten mitgefeiert und so Einblicke in den „Hinterzimmer-Unfug der politischen Klasse“ bekommen.

"Fleisch zwischen den Fingern"

Die Männer in der Redaktion hätten generell nicht gesprochen, sondern nur gebrüllt, getönt, schallend gelacht. Mittags gab es Lunch, laut, alkohollastig. Bei einem dieser Lunchs habe sie neben Johnson gesessen, der eine weitere junge Frau an seiner anderen Seite hatte. Charlotte Edwardes beschreibt, dass sie plötzlich Johnsons Hand an ihrem Oberschenkel gespürt habe. Er habe zugedrückt. „Seine Hand ist weit oben an meinem Bein und hat soviel Fleisch zwischen seinen Fingern, dass ich plötzlich aufrecht sitze.“ Sie habe nichts gesagt.

Aber nach dem Essen hätten sie und die Kollegin, die auf Johnsons anderer Seite saß, festgestellt: Er hat dasselbe bei ihnen beiden gemacht. Für die Journalistin ist #metoo heute zwar ein Anhaltspunkt, etwas, worauf man sich beziehen kann. Aber ansonsten sei nun halt ihr „Doppelter Oberschenkel-Quetscher“ Premierminister.

Unerwartete Schützenhilfe erhielt Edwardes von Gesundheitsminister Matt Hancock, der in einem Interview über die Journalistin sagte, er „kenne sie und wisse, dass sie glaubwürdig ist“. Ex-Arbeitsministerin und Johnson-Kritikerin Amber Rudd pflichtete Hancock per Twitter bei.

Unter anderem um die Tatsache, dass Frauen in solchen Situationen meist geschwiegen hätten, war es bei #metoo gegangen: Es sollte möglich werden, übergriffige Menschen zur Verantwortung zu ziehen und sich gegen sie zu solidarisieren.

Die Vorwürfe von Edwardes sind nicht die einzigen, mit denen sich Johnson derzeit auch auf dem Parteitag seiner konservativen Tories herumschlagen muss. Das britische Politik beschäftigt derzeit auch ein möglicher Amtsmissbrauch aus Johnsons Zeit als Londoner Bürgermeister. Er habe nichts zu erklären gehabt, sagte er auf die Frage des BBC-Moderators Andrew Marr am Sonntag, ob er seine Freundschaft zu der amerikanischen Geschäftsfrau Jennifer Arcuri angegeben hatte, als sie Fördergelder von der Stadt London erhielt.

Die Stadtverwaltung hatte den Fall zur Prüfung an die Polizeiaufsicht weitergeleitet.

Bei dem Parteitag der Tories sollte es eigentlich vor allem um ein großes Investitionspaket gehen. Milliarden sollen nach dem Willen der Regierung in Straßen, Busse, Bahnen und Breitbandinternet fließen.

In Sachen Brexit hatten Johnson und andere Regierungsmitglieder am Sonntag bekräftigt, notfalls ohne Abkommen am 31. Oktober aus der EU auszutreten. Wie sie das anstellen wollen, bleibt jedoch unklar. Das Parlament hatte erst kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das den Regierungschef zum Antrag auf eine Verlängerung der Austrittsfrist verpflichtet, sollte nicht rechtzeitig ein Abkommen vereinbart sein.

Unzweifelhaft scheint, dass sich die Tories auf eine baldige Neuwahl vorbereiten. Schon am Sonntag hatte die Regierung eine Finanzspritze von 13 Milliarden Pfund (rund 14,6 Milliarden Euro) für den Bau oder die Sanierung von 40 Kliniken bekanntgegeben. Das staatliche Gesundheitssystem NHS (National Health System) gilt als marode. Wie die Milliardenprojekte finanziert werden sollen, erläuterte sie allerdings nicht. (mit dpa)

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