#twitternwierueddel : Wie ein CDU-Politiker auf Twitter Pflegekräfte erzürnt

Der CDU-Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel ruft Pflegekräfte dazu auf, gefälligst mal positiv über ihren Job zu reden. Die Antworten sind anders, als er erwartet hat - brutal, zynisch und schockierend.

Eine Pflegehausbewohnerin in einem Seniorenzentrum in Hamburg
Eine Pflegehausbewohnerin in einem Seniorenzentrum in HamburgFoto: dpa/Angelika Warmuth

Es begann damit, dass der CDU-Politiker Erwin Rüddel das Bedürfnis hatte, ein bisschen für die große Koalition zu werben. Via Twitter bot der frischgebackene Vorsitzende des Gesundheitsausschusses den Pflegekräften im Land einen „Deal“ an. Sein Vorschlag: „Politik handelt konsequent und Pflegende fangen an, gut über die Pflege zu reden.“ Dann nämlich kämen „viele wieder in die Pflege zurück“. Und um dieses Rezept gegen den Pflegenotstand zu verbreiten, erfand der Bundestagsabgeordnete gleich noch einen knackigen Hashtag: #gutezeitenfürgutepflege.

Alles wird gut. Der CDU-Pflegeexperte Erwin Rüddel.
Alles wird gut. Der CDU-Pflegeexperte Erwin Rüddel.Foto: Website Erwin Rüddel

Über mangelnde Resonanz kann sich Rüddel seither nicht beklagen. Im Gegenteil: Es war eine Lawine, die über ihn hereinbrach. Die Reaktionen fielen allerdings anders aus, als er sich das wohl gedacht hatte. Neben vernichtenden Kommentare zu den Koalitionsvereinbarungen, deren sich der CDU-Experte rühmte, tauchte in Windeseile auch der Hashtag „#twitternwierueddel“ auf, unter dem Pflegekräfte und Angehörige einen Alltag in deutschen Krankenhäusern und Heimen schildern, wie er in Politikerreden niemals vorkommt. Brutal, schockierend und voller Zynismus.

Hier ein paar Beispiele von Hunderten:

Begonnen hatte die Sache mit einer Lobeshymne auf das Erreichte. Rüddel rühmte die dünnen Verhandlungsergebnisse zwischen Union und SPD als „verdienter notwendiger Erfolg für Pflegende und Pflege“. Die Pflegekräfte in Krankenhäusern und Heimen erhielten „personelle Unterstützung bei guter Bezahlung, die sie tatsächlich brauchen“, behauptete er.

Die Antwort ließ nicht auf sich warten. Ein Pflegedirektor im Ruhestand namens Rainer Jakobi schrieb dem Politiker, dass alles längst zu spät sei. Selbst osteuropäische Pflegekräfte machten inzwischen „einen großen Bogen um das deutsche Pflegesystem“. Woraufhin Rüddel dann nichts anderes einfiel als der Appell, die Pflege doch bitte nicht länger schlechtzureden. Und der Entrüstungssturm brach los.

Als erster reagierte wieder Jacobi: Man könne doch, so schrieb er, „die desaströsen Arbeitsbedingungen, zu denen Sie und Ihre Kollegen beigetragen haben“ nicht schönreden. Andere warfen der Politik vor, auf „unsere Leidensfähigkeit“ zu bauen oder wollen wissen, wann sie die in Aussicht gestellten Gehaltsteigerungen denn auf ihrem Konto sähen. Ein Pfleger schreibt zynisch, dass es ihm gar nichts ausmache, „im Osten von Berlin bei mehr Arbeitszeit, weniger Geld zu bekommen“. Ein anderer, dass er sich über die angeblichen Verbesserungen krank lachen würde, wenn er nicht schon krank wäre. „Möchten Sie sich bitte in ein Pflegebett legen, um die echten Problem zu erleben? Nein? Habe ich mir gedacht. Ihnen würden ihre ahnungslosen Politikersprüche vergehen.“

Eine Nutzerin wird energisch: „Wir sollen einen Deal machen? Weiter so und den Mund halten? Sie haben die Pflege kaputt gespart. Wir haben unser Privatleben und unsere Gesundheit geopfert, für einen Lohn, der das nicht annähernd ausgleicht.“ Und es gibt auch den Vorschlag, jeden Bundestagskandidaten vor dem Einzug ins Parlament einen Monat lang als Pflegehelfer arbeiten zu lassen, damit die Politik wisse, wovon sie rede. „Tun Sie endlich mal etwas für das, wofür Sie bezahlt werden!“, lautet der Appell. „Handeln Sie!“

Überraschende Wahl zum Ausschussvorsitzenden

Rüddel, der als Arbeitsgruppenmitglied an den Koalitionsvereinbarungen zur Pflege beteiligt war, war am Dienstag in seinem Büro nicht zu erreichen. Seiner Webseite ist zu entnehmen, dass er sich in seinem Wahlkreis über den "Besuch vieler Karnevalisten und Tollitäten freut". Über Twitter teilte er aber schon mal mit, dass er alles ganz anders sehe als die Kritiker. Die drei Pflegestärkungsgesetze der vergangenen Legislatur entwickelten „ bereits ihre positive Wirkungen“, findet er. Mit dem, was Union und SPD vereinbart hätten, werde „diese wichtige Entwicklung“ weiter unterstützt.

Unter seinen Fraktionskollegen gilt der 62-Jährige zwar als fachlich kompetent, vom Auftreten her aber mitunter als etwas gewöhnungsbedürftig. In der Debatte um das Pflegeberufegesetz stellte sich Rüddel in der vergangenen Legislatur gegen Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Und viele waren überrascht, dass Rüddel und nicht beispielsweise der Arzneiexperte Michael Hennrich vor kurzem zum neuen Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses gewählt wurde.

162 Gründe für den Kandidaten

Schon im Wahlkampf 2013 hatte der Rheinland-Pfälzer Duftmarken gesetzt. So hatte er ellenlange E-Mails mit Gründen verschickt, warum man ihn wählen solle. Am Ende waren es 162. Einer lautete: „Ich wähle Erwin Rüddel, weil ich ihn mag.“ Ein anderer: „Ich wähle Erwin Rüddel, weil er nicht nur im Sport, sondern auch in der Politik ein erfolgreicher Marathonläufer ist.“

Damals kritisierten selbst Parteifreunde den Kandidaten. Sie warfen ihm „Hybris" und „penetrante Selbstgerechtigkeit“ vor. Rüddel wies das zurück. Er sei nun mal „ein Typ, der in der Lage ist, sich selbst auf die Schippe zu nehmen“, sagte er. Und die Liste sei eine „Fleißarbeit“ von Freunden gewesen, er habe keinen Grund gesehen, sie nicht weiterzuverbreiten.

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