Undercover bei Rechtsextremen : „Diese Leute wollen zu Helden erklärt werden“

Julia Ebner erforscht, wie Radikalisierung in rechtsextremen Internetforen funktioniert. Sie sieht Defizite bei den Sicherheitsbehörden.

Die Extremismusforscherin Julia Ebner.
Die Extremismusforscherin Julia Ebner.Foto: imago images / future image

Julia Ebner, 28, Extremismusforscherin, war undercover unter anderem in rechten Internetforen unterwegs und beschrieb ihre Beobachtungen im Buch „Radikalisierungsmaschinen“.

Die deutschen Sicherheitsbehörden haben angekündigt, sich zur Bekämpfung des Rechtsextremismus „deutlich intensiver“ als bisher mit Internetplattformen zu beschäftigen. Kommt das zu spät?
Ja, im Onlinebereich ist viel zu spät reagiert worden. In den Subkulturen im Netz hat sich in den letzten Jahren die Lage zugespitzt. Die Attentäter, die in diesem Jahr in Christchurch, Halle und El Paso Anschläge verübt haben, haben sich im Netz radikalisiert. Doch die Sicherheitsbehörden haben sich auf den islamistischen Terror fokussiert und viel zu wenig Ressourcen darauf verwendet zu verstehen, wie sich die rechtsextremen Onlinenetzwerke bilden und wie sich Menschen dort radikalisieren. Der Mord an Walter Lübcke und der Anschlag in Halle haben zu einem Umdenken geführt. Es ist allerhöchste Zeit.

Wie unterscheidet sich das, was öffentlich auf Facebook oder Twitter passiert, von dem, was sich in kleineren Nischenplattformen im Netz abspielt?
Auf den großen Plattformen wie Facebook finden Manipulations- und Falschmeldungskampagnen statt – das zielt eher auf die Normalbürger ab. Gegen einzelne Personen werden Einschüchterungskampagnen gefahren. Zum Teil werden Facebook und Twitter auch zur Rekrutierung genutzt. Die rechtsextremistische Indoktrinierung dagegen läuft eher in den versteckten Nischen des Internets. Dort beschleunigt sich die Radikalisierung extrem. Gewaltaufrufe sind dort keine Seltenheit.

Was sind diese „versteckten Nischen“?
Einerseits werden normale Chatprogramme wie Whatsapp oder Telegram genutzt, wo diese Inhalte über bestimmte Kanäle oder Gruppen verbreitet werden. In anderen Fällen bauen Rechtsextreme selbst Plattformen auf, auf denen 90 Prozent der Inhalte hasserfüllte und gewaltbereite Postings sind. Und zum Teil werden bestehende Plattformen von Rechtsextremen einfach genutzt und damit gekapert – wie es beispielsweise bei der Computerspieler-Applikation Discord passiert ist. Solche Plattformen wollen das zwar gern unterbinden, haben aber nicht das Personal, um zu überprüfen, was in den geschlossenen Gruppen passiert.

Sie haben sich für Ihr Buch „Radikalisierungsmaschinen“ undercover in solche rechtsextremen Internetplattformen eingeschleust. Wie funktioniert die Radikalisierung in diesen Teilen des Internets?
Am Anfang steht die Sozialisation. Neumitglieder werden über lustige Bilder, Videos oder computerspielartige Elemente an die Ideologie herangeführt. Humor und Satire spielen eine große Rolle. Verschwörungstheorien fließen unterschwellig mit ein. Irgendwann muss man dann an Kampagnen teilnehmen, um in der Hierarchie der Plattform weiter aufzusteigen. Der Austausch auf diesen Plattformen hat für manche Suchtcharakter, sie verbringen dann viel zu viel Zeit in diesen Foren.

Ein gängiger Begriff aus dieser Szene ist das „Redpilling“. Was ist damit gemeint?
„Redpilling“ ist eine Referenz zum Film „Matrix“: Dort nimmt der Protagonist eine rote Pille und erkennt dann die Wahrheit über die Welt, in der er lebt. In rechtsextremen Internetforen wird über „Redpilling“ die Radikalisierung vorangetrieben. Den Nutzern werden etwa Falschmeldungen, verzerrte oder aus dem Kontext gerissene Statistiken über Migrantengewalt oder sehr selektiv ausgewählte Beiträge aus rechten Blogs präsentiert. In kurze, prägnante Videos verpackt, sind das dann die „roten Pillen“. Ideologie und Verschwörungstheorie werden häppchenweise verabreicht. So verändert sich das Bild der Foren-Mitglieder von der Wirklichkeit, die dann viel bedrohlicher erscheint. Sie glauben dann zum Beispiel an einen unvermeidbaren Rassenkrieg.

Welche neue Entwicklung beim rechtsextremen Terror konnte man an den Anschlägen in Christchurch und Halle in diesem Jahr erkennen?
Wirklich neu war, dass die Grenzen von Terroranschlag und Computerspiel verschwommen sind. Der Täter von Halle war in solchen Internetforen radikalisiert worden, inszenierte seine Tat wie ein Computerspiel und übertrug sie live ins Netz. Das zeigt auch, welche große Rolle die Identität spielt, die einzelne in diesen Onlineforen aufbauen, und wie stark diese Leute zum Helden erklärt werden wollen.

Wo liegen die Defizite der Sicherheitsbehörden?
Es ist gut, dass jetzt der Fokus stärker auf diesen Onlinewelten liegt. Aber viele Themen sind noch nicht richtig durchdrungen worden: Etwa wie die Gruppendynamiken funktionieren, wie sich Stimmungen immer mehr zuspitzen können, wie Angst in Hass verwandelt werden kann und wie sich Einzelne so mit der Gruppe identifizieren, dass sie für die Gruppe einen Anschlag begehen. Gerade was diese Identitäts- und Sozialisierungsprozesse betrifft, müssten Sicherheitsbehörden mehr mit der Wissenschaft zusammenarbeiten. Und sie müssen auch all die Referenzen verstehen, die in dieser Szene gemacht werden etwa zur Popkultur oder zu Videospielen – sonst kann man Radikalisierungsprozesse nicht verstehen.

Was kommt 2020 auf uns zu?
Auch wenn extreme Onlineforen wie 8chan vom Netz genommen wurden, kann man damit rechnen, dass es Online-Extremisten immer schaffen, neue Kommunikationskanäle zu finden. Es ist wichtig, dass sie nicht selbst verschlüsselte Apps entwickeln, mit denen sie der Überwachung entgehen können – das war auf islamistischer Seite etwa beim IS zu beobachten. Was 2020 auch eine größere Rolle spielen könnte, sind Fälschungen: also Manipulierungen von Videoinhalten wie beispielsweise Politikerreden – sogenannte Deep Fakes. Damit kann man vor Wahlen sehr leicht eine Destabilisierung erreichen.

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