US-Präsidentschaftswahl : Trumps gefährlichster Gegner ist jetzt das Coronavirus

Die Kernfrage für das US-Wahljahr lautet nicht mehr: Biden, Sanders oder Bloomberg? Sondern: Zwingt das Virus die US-Wirtschaft in die Knie? Ein Kommentar.

US-Präsident Donald Trump bei einem Treffen von Konservativen in National Harbor, Maryland
US-Präsident Donald Trump bei einem Treffen von Konservativen in National Harbor, MarylandFoto: AFP/Getty Images/Tasos Katopodis

An diesem Wochenende hat eine neue Zeitrechnung im US-Wahljahr 2020 begonnen. Die USA haben ihren ersten Corona-Toten. Das dürfte sich als weit wichtiger erweisen als Joe Bidens später, erster Vorwahlsieg in South Carolina.

Der ist für sich genommen gewiss bemerkenswert. Doch die Frage, wie rasch sich das Virus ausbreitet oder ob es sich eindämmen lässt, wird mehr Einfluss auf die Präsidentschaftswahl haben. Corona kann eine Dynamik entwickeln, die bereits die Ergebnisse des „Super Tuesday“ am kommenden Dienstag mit Vorwahlen in 14 Bundesstaaten in den Schatten stellt.

It's the economy, stupid!

Das geht bis zur Frage, ob die Nominierungsparteitage im Juli (Demokraten) und August (Republikaner) wie geplant stattfinden können. Oder ob es prophylaktische „Travel Bans“ in den USA geben wird. Vieles, was bis gestern als vorhersehbar galt, ist es nun nicht mehr.

Donald Trump hat jetzt einen weit gefährlicheren Gegner in seinem Kampf um die Wiederwahl im November als Bernie Sanders, Joe Biden, Michael Bloomberg – oder wer auch immer die Demokratin oder der Demokrat heißen mag, die oder der ihn am Ende herausfordert.

Trump weiß das. Der Medien verachtende Präsident erscheint zum ersten Mal seit langem wieder persönlich im Presseraum des Weißen Hauses, um sich den Fragen nach dem ersten Corona-Toten in den USA zu stellen.

Seit Tagen mehren sich die Anzeichen für die Verlagerung der Aufmerksamkeit von der Kandidatenauswahl auf die vielfältigen Auswirkungen der länderübergreifenden Krankheit. Die US-Börsen haben in der vergangenen Woche den schlimmsten Kurseinbruch seit der globalen Finanzkrise vor einem Jahrzehnt erlebt: minus 11,5 Prozent!

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Reisebeschränkungen, Börsenkurse, Lieferketten

Die gute Wirtschaftslage war bisher Trumps effektivster Wahlhelfer. Bei seiner Wahl im November 2016 stand der Dow Jones bei gut 18.000 Punkten. Zu Jahresbeginn 2020 über 28.000 Punkten. Die USA verzeichnen weit höhere Wachstumsraten als Europa. Die Arbeitslosenrate dort ist auf Rekordtief.

All das ist nun in Gefahr. Mit der Ausbreitung von Corona dreht sich Bill Clintons berühmter Wahlslogan „It's the economy, stupid!“ von einem Pro-Trump-in einen Anti-Trump-Faktor. Um eine Corona-Epidemie zu verhindern, verhängt Trumps Regierung Reisebeschränkungen. Wenn Arbeiter und Angestellte demnächst in nennenswerter Zahl krank werden oder aus Vorsorge zu Hause bleiben müssen, werden über kurz oder lang Lieferketten unterbrochen. Vorsichtsmaßnahmen zur Eindämmung der Krankheit sind wichtig und richtig. Sie haben aber Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Corona zwingt Trump zur ersten Auftritt im Presseraum des Weißen Hauses seit langem.
Corona zwingt Trump zur ersten Auftritt im Presseraum des Weißen Hauses seit langem.Foto: dpa

Wie gut ist Trump im Management einer ernsten Krise?

Nun erhebt sich die Frage, wie gut Trumps Team im Krisenmanagement ist? Gegenüber einer Herausforderung, die wohl ernster ist als alles andere in seiner bisherigen Amtszeit. Und in einem Gebiet mit wenig Erfahrungswerten, auf die seine Regierung zurückgreifen kann.

In anderen Bereichen der Innen- und Außenpolitik – Schusswaffenmassaker, Kontrolle der Grenze zu Mexiko, Infrastruktur, Syrien, Iran, Nordkorea usw. – ist die Bilanz doch eher durchwachsen. Trump hat insofern politischen Erfolg, dass seine Anhänger bislang zu ihm stehen und seine Umfragewerte nicht bröckeln.

Umgekehrt hat er es jedoch auch nicht geschafft, Wähler, die ihn anfangs skeptisch betrachtet haben, in nennenswerter Zahl zu überzeugen. Die Zustimmung zu seinem Auftreten – 45,9 Prozent – liegt heute ungefähr da, wo sie bei seinem überraschenden Wahlsieg 2016 und seinem Amtsantritt im Januar 2017 stand.

In diese Lage hinein kommt nun die wohl größte Herausforderung seiner Amtszeit für Trump. Wenn er sie besteht, muss er die Demokraten nicht fürchten. Zwingt das Coronavirus aber die US-Wirtschaft in die Knie, wird es für den Amtsinhaber schwer mit der Wiederwahl.

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