• Vergessene Katastrophen in der Türkei: Diese Fluchtbewegung läuft noch unter dem Radar ab

Vergessene Katastrophen in der Türkei : Diese Fluchtbewegung läuft noch unter dem Radar ab

In der Türkei kommen mehr Geflüchtete an als nach Europa weiterkönnen – der Druck steigt. Vor allem Afghanen wählen daher jetzt eine neue Route über den Van-See.

Geflüchtete unterwegs in der Türkei
Geflüchtete unterwegs in der TürkeiFoto: Huseyin Aldemir/REUTERS

Wie viele Menschen an Bord waren, als das Flüchtlingsboot kenterte, weiß man bis heute nicht. Mehr als 60 Leichen haben Helfer in dem Monat seit dem Unglück aus dem Wasser gezogen, doch noch immer werden leblose Körper gefunden: Männer, Frauen und Kinder, die auf der Flucht nach Europa das Leben gelassen haben.

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Eines der schwersten Flüchtlingsunglücke der jüngsten Zeit war der Untergang dieses Fischerbootes. Doch international findet er kaum Beachtung – weil die Katastrophe sich nicht in der Ägäis ereignete, sondern gut tausend Kilometer weiter östlich auf dem Van-See an der türkischen Grenze zum Iran. Die Polizei hat in der Gegend in diesem Jahr schon 20.000 Flüchtlinge gefasst; das sind fast doppelt so viele, wie seit Jahresbeginn in Griechenland ankamen.

Eine regelrechte „Flüchtlingsindustrie“ habe sich an der türkischen Grenze zum Iran entwickelt, sagt der Anwalt Mahmut Kacan aus der Großstadt Van am Ostufer des Sees. Kacan kümmert sich bei der Anwaltskammer in Van um das Flüchtlingsproblem und beobachtet seit Jahren, dass die Zahl der Neuankömmlinge immer weiter steigt.

Internationale Netzwerke stecken dahinter

Die Menschen kommen aus Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, dem Iran und manchmal auch aus Afrika. Schmuggel hat in der Gegend Tradition, aber die Schleuser gehen heute professioneller vor als die Schmuggler der Vergangenheit, die Zigaretten oder Benzin aus dem Iran in die Türkei brachten.

„Der Menschenschmuggel wird von internationalen Netzwerken betrieben“, sagte Kacan in Istanbul dem Tagesspiegel. Der eine Teil eines Netzwerkes schicke einen Flüchtling in Pakistan los, ein anderer nehme ihn in der Türkei in Empfang, um ihn weiter nach Europa zu bringen.

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So dürfte es auch Ende Juni gewesen sein, als Menschenschmuggler ein Fischerboot auf dem Van-See mit Flüchtlingen füllten, von denen die meisten wohl aus Afghanistan und Pakistan stammten. Schiffe, die kaum 20 Menschen fassen, würden mit 80 Passagieren in See stechen, weiß Kacan aus Erfahrung; bei diesem Fischerboot mögen bis zu hundert Menschen an Bord gewesen sein.

Die Schleuser laden die Flüchtlinge auf Boote, um die Kontrollen der türkischen Polizei an den Überlandstraßen zu umgehen. Der Van-See ist fast 4000 Quadratkilometer groß, vom Ostufer in Van bis nach Tatvan im Westen sind es hundert Kilometer. Von dort aus werden die Flüchtlinge in Lastwagen oder Bussen weiter Richtung Ägäis oder Istanbul gebracht.

Es werden immer mehr Leichen gefunden

Doch das überladene Boot, das am 26. Juni am Ostufer des Sees ablegte, erreichte sein Ziel nicht. In der Nähe einer kleinen Insel wurde es längsseits von einer Welle getroffen, wie der einzige Überlebende, der Bootsbesitzer Medeni Akbas, nach Medienberichten aussagte. Viele Menschen seien ins Wasser gestürzt, andere wurden im Inneren des Schiffs eingeschlossen.

Tauchroboter fanden später das Wrack in einer Tiefe von rund hundert Metern. Seitdem werden immer mehr Leichen gefunden. Akbas und vier weitere Verdächtige wurden verhaftet.

Migranten aus dem Iran sitzen nahe der griechisch-türkischen Grenze in einem Straßengraben
Migranten aus dem Iran sitzen nahe der griechisch-türkischen Grenze in einem StraßengrabenFoto: Giannis Papanikos/AP/dpa

Mehr als die Hälfte der Ertrunkenen seien Afghanen, sagt Anwalt Kacan. Aus dem zentralasiatischen Krisenland sind in den vergangenen Jahren hunderttausende Menschen in die Türkei gekommen – die meisten in der Hoffnung, nach Europa weiterreisen zu können. Die Türkei duldet zwar die 3,6 Millionen Syrer im Land, betrachtet Afghanen und Flüchtlinge aus anderen Ländern jedoch als illegale Zuwanderer.

Allein im vergangenen Jahr griff die türkische Polizei nach Angaben von Innenminister Süleyman Soylu fast 375.000 Flüchtlinge ohne gültige Papiere auf. In den vergangenen drei Jahren wurden knapp 172.000 Menschen aus der Türkei in ihre Heimatländer zurückgebracht.

Nur wenige können nach Europa weiterreisen

Gemessen an diesen Dimensionen ist die Zahl der Menschen, die aus der Türkei in Griechenland ankommen, relativ niedrig. Trotz der vorübergehenden Öffnung der türkischen Grenze für Flüchtlinge im März zählte das UN-Flüchtlingshilfswerk in den ersten sieben Monaten des Jahres in Griechenland knapp 11.000 Neuankömmlinge. Wenn der Trend anhält, wird die Gesamtzahl dieses Jahr unter den etwa 60.000 Flüchtlingen von 2019 liegen – und selbst diese Zahl entsprach weniger als zehn Prozent des Flüchtlingsstroms von 2015.

Das bedeutet, dass in der Türkei wesentlich mehr Menschen ankommen als nach Europa weiterreisen können. Das ist einer der Gründe, warum die türkische Regierung sich öffentlich über die zögerliche Haltung Europas in der Frage eines neuen Flüchtlingsabkommens beklagt.

Die Flüchtlinge, die über die Ostgrenze in die Türkei kommen, haben andere Sorgen als den Streit zwischen türkischen und europäischen Politikern. Sie haben ihre Ersparnisse in die gefährliche Reise gesteckt und riskieren ihr Leben. Anwalt Kacan hilft dabei, identifizierte Leichen in die Heimatländer der Verstorbenen bringen zu lassen, damit sie von den Familien beigesetzt werden können. Bisher wurden 27 Todesopfer des Unglücksschiffes vom Juni nach Afghanistan geflogen.

Nicht bei allen Opfern kann die Identität festgestellt werden. Ihre Leichen werden auf dem „Friedhof der Namenlosen“ in Van unter Betonplatten bestattet, die mit weißen Nummern bemalt sind und Vermerke wie „afghanisches Baby“ tragen. Auch viele Opfer aus dem gekenterten Fischerboot wurden jetzt dort beigesetzt. Der Friedhof wächst ständig, auch Anwalt Kacan kann die Gräber nicht mehr zählen: „Es sind hunderte.“

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