Von Kritik und Verschwörungstheorien : Das Volk wusste nichts

Es gibt Geheimnisse, Verschwörungstheorien stimmen manchmal. Und manchmal sind sie der pure Wahnsinn. Ein Kommentar.

Manchmal sind Verschwörungstheorien einfach nur wahnsinnig - meint Harald Martenstein.
Manchmal sind Verschwörungstheorien einfach nur wahnsinnig - meint Harald Martenstein.Foto: imago images/Ralph Peters

Wie wär’s mit einer Verschwörungstheorie? Die Bundesrepublik war nur eine Marionette der USA, Großbritanniens und Frankreichs. Deren drei Botschafter hätten jederzeit einen unbotmäßigen Bundeskanzler absetzen und das Grundgesetz in Teilen außer Kraft setzen können. Alle Kanzler hatten bei Amtsantritt eine Unterwerfungserklärung zu unterzeichnen. Die westdeutsche Demokratie war also, zumindest teilweise, ein Fake.

Das Volk wusste davon nichts. Wir Westdeutschen lebten in einer Art Hongkong. Unser China hieß USA.

Das Verrückte: Es war wirklich ungefähr so. Die Existenz der „Kanzlerakte“ wurde 2009 von Egon Bahr in einem Text für die „Zeit“ bestätigt. Dass die Alliierten den Deutschen erst mal nicht trauten, ist ja nachvollziehbar. Der erste Kanzler, der seine Entmachtung nicht mehr unterschrieb, scheint Helmut Schmidt gewesen zu sein.

Es gibt Geheimnisse. Verschwörungstheorien stimmen manchmal. Und manchmal sind sie der pure Wahnsinn. In letztere Kategorie gehört die Idee, das Coronavirus existiere gar nicht, sie passt allerdings gut in einen James-Bond-Film. Dass Bill Gates hinter allem steckt, weil er noch reicher werden will, ist ein Aufguss der „jüdischen Weltverschwörung“.

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Warum blühen zur Zeit solche Thesen? Sie bieten einfache Erklärungen: Jemand ist schuldig, jemand plant was.

Dass ein Zufall namens Corona in unser Leben einbricht, dass wir alle im Nebel des Halbwissens herumtappen, einschließlich der Regierenden, ist für viele schwer zu verkraften.

Inzwischen ist fast jedem klar, dass in der Flüchtlingskrise Fehler gemacht wurden

Kritik an den Einschränkungen unserer Grundrechte aber hat mit Verschwörungstheorien nichts zu tun. Zur Menschenwürde gehört auch das Recht, „nein“ zu sagen und zu demonstrieren. Demonstrationen sind keine Gefahr für die Demokratie, sondern ein Beweis dafür, dass es sie gibt.

Im Herbst 2015 wurden zeitweise alle Kritiker der Regierung pauschal in die Naziecke geschoben. Inzwischen ist fast jedem klar, dass in der Flüchtlingskrise Fehler gemacht wurden, auch von den Medien. Fehler passieren, aber man sollte sie nicht zweimal machen.

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Heute besteht die Gefahr, dass Kritiker pauschal als Verrückte dargestellt werden – Opposition, eine neue Geisteskrankheit. Kritiker, die schnelle Lockerungen fordern, haben meiner Ansicht nach nicht Recht. Aber sie sind ein wichtiges Korrektiv. Niemand kann einen Zusammenbruch der Wirtschaft und Massenelend wollen, niemand möchte dauerhaft auf Grundrechte verzichten, niemand will ein Land, das nicht alles tut, um das Leben seiner Bürger zu schützen. Dummerweise widersprechen sich diese drei legitimen Wünsche teilweise. Wir müssen also in den nächsten Wochen vorsichtig von Kompromiss zu Kompromiss lavieren. Das geht nicht ohne Streit.

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