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Tanken auf der Autobahn am Himmel. Die Eurofighter müssen häufig in der Luft betankt werden, dafür begleiten die sechs deutschen Maschinen drei Großtankflugzeuge. Bis zu 200 Mal soll dieses Manöver auf den insgesamt 22 600 Kilometern geübt werden.
© Bundeswehr/Christian Timmig

Schwieriger Einsatz der Bundesluftwaffe: Von Neuburg aus in den Indopazifik

Die deutsche Luftwaffe streift bei ihrem bisher größten und schwierigsten Manöver auch die Taiwanstraße – und will Stärke zeigen.

An diesem Montag ist es soweit: Die Bundesluftwaffe will nachmittags von Neuburg aus in den Indopazifik starten – und die Piloten werden dabei auch die heiße Zone rund um die Taiwanstraße streifen. Für die Luftwaffe ist die Mission, die sie bis ans andere Ende der Welt führt, etwas ganz Besonderes. „Rapid Pacific ist sicher mit Abstand die größte Verlegung seit Bestehen der Luftwaffe“, sagte ein sichtlich stolzer Luftwaffeninspekteur am Freitag in Berlin.

Auch Generalleutnant Ingo Gerhartz selbst lässt sich diesen Einsatz in den Indopazifik nicht entgehen. Der Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel wird selbst zeitweise am Knüppel eines der sechs Eurofighter sitzen. In einer für den Kampfjet-Piloten „ungewöhnlichen Location“ (Gerhartz), einem australischen Lokal, präsentierte er gemeinsam mit dem australischen Botschafter Philip Green die Pläne. Für dessen Air Force ist das dreiwöchige Manöver in der von Klimawandel bis zu strategischen Fragen so vielfältigen Region die erste solche Übung.

Natürlich versuchten beide Männer – wegen der Hitze salopp ohne Sakko und Uniformjacke – vor allem die Wichtigkeit des gemeinsamen Übens von 17 Nationen, von denen eine Reihe nicht zur Nato gehören, zu betonen. Nur keine Konflikte entfachen in einer Region, die mit den deutlichen Drohungen Chinas gegen Taiwan gerade mal wieder ein Pulverfass ist. „Wir senden keine bedrohlichen Signale“, betont Gerhartz. Man fliege schließlich auch unbewaffnet und nutze auf dem Weg bis nach Australien zivilen Luftraum.

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Aber es sollen schon deutliche Signale sein. Innerhalb von 24 Stunden werden – wenn alles nach Plan läuft – sechs deutsche Eurofighter mit drei Großtankflugzeugen aus Eindhoven und vier A400 M Transportfliegern in Singapur sein. Green, ganz Diplomat, verweist lieber auf seine Ministerin, wenn er direkt auf China angesprochen wird. Aber er findet die beachtliche Show of Force rund um seinen Inselstaat offenkundig sehr gut. Das Großmanöver mit insgesamt 2500 Soldaten sei der Schlüssel zu Förderung einer „stabilen, friedlichen und florierenden Region“ – aber Green fügt doch hinzu: „in der Länder ihre eigenen Entscheidungen treffen“. So kann man über die Freiheit Taiwans auch sprechen, die Peking infrage stellt – ohne eins der Länder beim Namen zu nennen. Und damit alle Konfidenten klar wissen, was Sache ist: Solche Manöver sollen „keine Eintagsfliege“ bleiben, betont Gerhartz.

Aber – und das ist wohl nicht nur an möglicherweise furchtsame deutsche Bürger, sondern auch an furchtbare Staatenlenker wie Wladimir Putin adressiert: Die Bundesluftwafffe verabschiede sich nicht für ein paar Monate Richtung Asien. Sie wird gleichzeitig die Landes- und Bündinsverteidigung sicherstellen sowie die Führungsnation beim so genannten Air-Policing im Baltikum sein. „Das hätten wir vor ein paar Jahren noch nicht gekonnt.“ Da habe die Einsatzfähigkeit der Eurofighter bei gerade mal 40 Prozent gelegen, mittlerweile liege das beim Doppelten, hält der Inspekteur Zweiflern entgegen.

Bei allen Unwägbarkeiten einer Mission wie dieser: Gerhartz geht davon aus, dass alle sechs speziell als „Air Ambassdor“ (Botschafter der Lüfte) gekennzeichneten Eurofighter auch wieder nach Deutschland zurückkommen. Für ihn und seine rund 250 Soldaten geht es in eine Region, die ganz anders ist als alles, was die, die sie sonst kennen. Auch das Wetter sei durchaus eine Herausforderung, obwohl die Aktion außerhalb der Hauptmonsunzeit läuft. Gewitter können auch dem viel gelobten A 400 M ziemlich zusetzen. In Mali musste gerade einer der Großtransporter nach einem Blitzschlag aus dem Verkehr gezogen werden. Für seine Truppe sei vor allem wichtig, dass sie zeige, dass sie mit Unwägbarkeiten umgehen könne. Fehlt nur ein basta.

„Rapid Pacific 2022“ plant die Luftwaffe schon seit längerem

Die Kampfjets haben für ihren Indopazifik-Einsatz eine spezielle Folie auf den Leib geklebt bekommen. Eine Woche lang haben sie beim Geschwader in Neuburg an der Donau daran gewerkelt, damit ihnen die 20000-Euro-Kunststoffkennzeichnung nicht irgendwo über dem Ozean vom Rumpf flattert. Seit einigen Jahres ist es Usus, Kampfjets für ihre Missionen zu kennzeichnen.

Einen der Indo-Pazifik-Fighter haben sie kürzlich bei einem Besuch von Ministerin Christine Lambrecht (SPD) unter donnernder Musik in sengender Mittagshitze in Bayern aus dem Hangar geschleppt. Samt Pilot im Cockpit. Abheben durfte der allerdings an dem Tag nicht, denn just zum Besuch der hohen Dame hatte Hersteller Martin Baker eine Warnung herausgegeben, dass Kartuschen der Schleudersitze nicht funktionieren könnten. Sofort begann eine fieberhafte Suche, welche der zahlreichen Sprengsätze für den sicheren Ausstieg ihre Aufgaben nicht erfüllen. Die sechs, die jetzt auf Welttournee gehen, seien davon nicht betroffen, versichert Gerhartz.

Luftwaffeninspekteur Gerhartz vor „seinem“ Eurofighter beim Geschwaderbesuch in Neuburg Ende Juli.
Luftwaffeninspekteur Gerhartz vor „seinem“ Eurofighter beim Geschwaderbesuch in Neuburg Ende Juli.
© Ingrid Müller

So wie die fünf, die Anfang des Monats ins Baltikum verlegt wurden und die, die für den Alarmfall nötig sind. Kein Feind soll sich einbilden, er könnte eine schwache deutsche Luftwaffe vorfinden. Der Inspekteur wiederholt es allzu gern: „Mit der Entsendung, der Teilnahme an den Übungen in Australien, und den weiteren gemeinsamen Vorhaben mit unseren Partnern in Singapur, Japan und Südkorea senden wir das klare Signal, dass die Luftwaffe schnell und weltweit einsetzbar ist – auch mit mehreren parallel zu erfüllenden Aufträgen.“ Lambrecht betonte beim Geschwaderbesuch in Neuburg, Deutschland werde im Indopazifik den „Werteverbündeten“ zur Seite stehen.

Fürs Marketing gibt es sogar Bierdeckel

Trotz der heiklen Lage zwischen China und Taiwan sind die Verantwortlichen optimitisch. Für die Route gab es bisher keine Warnung. Im Militärjagon nennen sie so etwas „notice to airmen“, wie es sie für bestimmte Gebiete in der Ukraine gibt. Für die Überflüge der Länder sind Flugpläne herausgegeben, sie nutzen die internationalen Luftstraßen, quasi die Autobahnen am Himmel. So, das hoffen die Piloten und die Verantwortlichen im Luftoperationszentrum, werden sie keine Provokation darstellen. Sollte es doch Komplikationen geben, wird die Kommandozentrale Alternativrouten suchen.

Allerdings ist das mit der so genannten „Diplomatic Clearance“ manchmal so eine Sache. Berlins früherer Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) musste das erleben, als er in seiner Funktion als Bundesratspräsident mit einer Regierungsmaschine nach Australien fliegen wollte. Auch diese Flugzeuge gehören zur Flugbereitschaft der Bundeswehr und haben eine militärische Kennung. Obwohl Müllers Airbus damals überall angekündigt war, musste plötzlich während des Flugs hektisch geklärt werden, ob der Airbus (mit Vertretern quasi aller Berliner Unternehmen und Unis) weiterfliegen durfte. Der Regierende schwitzte kräftig, ob er seine Reise abbrechen und unverrichteter Dinge umkehren müsste.

Gerhartz hat immerhin Darwin schon gesehen. Vergangene Woche. Im Flugsimulator. Seinen Eurofighter mit seiner Luftkennung „Vega“ hatte er bis Freitagabend noch nicht probegeflogen.

Die Groß-Mission „Rapid Pacific 2022“ plant die Luftwaffe schon seit längerem. Ein Teil der rund 100 Tonnen Material die „mitgeführt“ werden, schippern ihrem Ziel längst über die Meere entgegen. Aber nicht nur die Jets sind schick beklebt. Für den Einsatz haben sie fürs Marketing sogar Bierdeckel mit Rapid-Pacific-Motiv und QR-Code gedruckt. Darauf kann das ganze Eurofighter-Geschwader in Bayern zünftig seine Maßkrüge abstellen. Und die Bürger in Japan, Südkorea und Singapur, denen Gerhartz und seine Soldaten Ende September noch eine Art „Hafenbesuch“ der Luftwaffe abstatten wollen, werden sicher auch ein paar dieser besonderen Pappdeckel kriegen.

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