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Warum sind die Vulkangruppen so schwer zu fassen?: „Sie wissen, wie man sich polizeilicher Überwachung entzieht“
Nach dem Anschlag auf das Stromnetz im Berliner Südwesten ist die Versorgung zwar wiederhergestellt – aber Ermittlungserfolge gibt es bisher keine. Woran das liegt, erklärt Extremismusexperte Hendrik Hansen
Stand:
Herr Hansen, nach dem Anschlag auf das Stromnetz im Berliner Südwesten ist die Versorgung zwar wiederhergestellt, aber von Ermittlungserfolgen sieht man bislang nichts. Was weiß man über diese sogenannten Vulkangruppen?
Die Ermittler stochern im Moment wohl im Nebel. Man kennt die Taten der Gruppen – inzwischen sprechen wir ja von mehreren –, aber darüber hinaus gibt es wenig. Das Bekennerschreiben liegt vor, doch nach meinem Kenntnisstand gibt es weder DNA-Spuren an den Tatorten noch konkrete Personen, bei denen man ansetzen könnte. Auch konkrete Rückzugsräume in Berlin sind bisher nicht identifiziert.
Es gibt auch einen Konflikt zwischen früheren und heutigen Vulkangruppen. Worum geht es da?
Die frühere Gruppe hat sich vom aktuellen Anschlag distanziert. Sie sagen: Die neuen Täter berufen sich zwar auf sie, handeln aber nicht legitimiert. Die ältere Gruppe hatte damals vor allem militärische Infrastruktur im Blick – zum Beispiel bei dem Brandanschlag auf die Moabiter Mörschbrücke 2018. Dort sollten Kabel getroffen werden, angeblich um den Flughafen Tegel zu schädigen.
War Tegel wirklich militärisch relevant?
Nur in sehr geringem Umfang. Die weit überwiegende Nutzung war zivil. Die Begründung war also vorgeschoben.
Nach dem jüngsten Sabotageakt gab es Chaos: ein Bekennerschreiben, dann Distanzierungen. Wie sind diese Gruppen eigentlich organisiert?
Man muss hier mutmaßen, weil man sie nicht kennt. Aber es spricht vieles dafür, dass es sich um kleine, locker vernetzte Zellen handelt – drei bis fünf Personen. Die sind untereinander verbunden, tauschen sich aus und haben vermutlich auch Bezüge zu anderen Gruppen. Denkbar sind etwa Verbindungen zum „Kommando Angry Birds“ in Nordrhein-Westfalen, das seit 2023 Anschläge vorwiegend auf Bahnlinien verübt, oder zu den beiden Münchner Anarchisten, die zwischen 2019 und 2025 rund 50 Brandanschläge verübt haben.
Zeitweise wurde über eine Verbindung nach Russland spekuliert. Klingt das plausibel?
Nein, überhaupt nicht. Natürlich muss man prüfen, ob ein Bekennerschreiben wirklich aus der Szene stammt oder ob jemand anderes dahintersteckt. Aber für eine Zusammenarbeit mit Russland gibt es nicht den geringsten Hinweis. Im Gegenteil: Die Vulkangruppe kritisiert in ihrem Schreiben Putin, Xi Jinping, Trump und jede Form von Autoritarismus scharf. Putin wäre wohl der Letzte, mit dem sie kooperieren würden.
Sie nutzen falsche Kennzeichen, Wegwerfhandys, Einweg-SIM‑Karten, sie erkennen Observationen.
Extremismus-Experte Hendrik Hansen über das professionelle Vorgehen der Vulkangruppen
Auffällig ist, wie gering die Aufklärungsquote im Linksextremismus ist. Warum sind diese Täter so schwer zu fassen?
Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Sie gehen erstaunlich professionell vor. Keine DNA am Tatort zu hinterlassen, ist anspruchsvoll. Sie nutzen falsche Kennzeichen, Wegwerfhandys, Einweg-SIM-Karten, sie erkennen Observationen. Sie wissen, wie man sich polizeilicher Überwachung entzieht.
Zweitens: Die Prioritäten bezüglich des politischen Extremismus lagen bei den Behörden lange woanders. Erst stand nach 2001 der Islamismus im Fokus, später der Rechtsextremismus – aus guten Gründen. Aber das hat dazu geführt, dass der linksextremistische Bereich phasenweise weniger konsequent verfolgt wurde.
Gibt es dafür Beispiele?
Bei der sogenannten „Hammerbande“ oder „Antifa Ost“. Dort gab es gute Ermittlungserfolge, weil ein massiver Fahndungsdruck aufgebaut wurde und LKA, BKA und Verfassungsschutz eng kooperierten.
Angesichts der Größenordnung des jüngsten Anschlags: Rechnen Sie jetzt mit Festnahmen?
Ob es Festnahmen gibt, kann niemand sagen. Entscheidend wäre, dass endlich erkannt wird, wie ernst die Gefahr durch diese Gruppen ist – und das hätte man schon nach dem Tesla‑Anschlag im März 2024 begreifen müssen. Die Folgen waren gravierend: tausende Haushalte ohne Strom, fast eine Woche Produktionsausfall in der Fabrik, ein betroffenes Krankenhaus. Auch hohe Intensität garantiert aber keinen Erfolg. Man braucht Spuren – und davon gibt es derzeit sehr wenige.
Die Sicherheitsbehörden benötigen Instrumente, um solchen Gruppen das Handwerk zu legen.
Extremismusforscher Hendrik Hansen fordert Maßnahmen von der Politik
Was wären die nächsten Schritte der Behörden?
Man muss nicht nur die technischen Spuren sichern, sondern auch Rückzugsräume der Szene beobachten – das ist Aufgabe der Verfassungsschutzbehörden. Und das ist extrem aufwendig. In Berlin wären etwa die anarchistische Bibliothek „Kalabal!k“ oder die Rigaer 94 zu nennen. Das sind Orte, an denen Sympathisierende sitzen könnten. Auch der Versuch, Quellen im gewaltorientierten Linksextremismus zu gewinnen, ist essenziell – aber traditionell extrem schwierig.
Aus der Szene heraus wurden weitere Anschläge angekündigt. Wie ernst nehmen Sie das?
Sehr ernst. Jüngst hat das „Kommando Angry Birds“ in Nordrhein-Westfalen ein neues Heft veröffentlicht. Darin schlagen sie ein landesweites Netzwerk kleiner Sabotagegruppen vor – gleichzeitig operierend, um eine größere Wirkung zu erzielen. Dazu liefern sie praktische Anleitungen, etwa zum Bau von Zeitzündern für Kabelanschläge.
Das klingt fast wie ein Komplettpaket.
Ja. Sie beschreiben sogar, wie man den psychischen Druck während der Tat bewältigt. Das zeigt: Wir werden weitere Anschläge dieser Art erleben.
Ist Deutschland darauf vorbereitet?
Infrastrukturen sind in einer modernen Gesellschaft immer angreifbar. Man kann nicht jeden Angriffspunkt schützen. Man braucht beides: technischen Schutz – etwa Überwachung, Verlegung und Sicherung sensibler Kabel – und gesellschaftliche Resilienz. In Berlin hat man zuletzt viel Solidarität erlebt, das ist wichtig. Und: Bürger sollten zumindest auf kurze Stromausfälle vorbereitet sein. Niemand kann sechs Tage überbrücken, aber ein, zwei Tage sollte man hinbekommen.
Aber das löst ja nicht das Grundproblem: die Täter. Braucht es politische Weichenstellungen?
Wir brauchen einen 360‑Grad‑Blick auf Extremismus, nicht den Tunnelblick auf eine Szene. Und wir müssen unsere technischen Ermittlungsbefugnisse prüfen. Islamistische Anschläge verhindern wir häufig dank ausländischer Dienste – im Linksextremismus gibt es solche internationalen Hinweise kaum, weil niemand im Ausland ein besonderes Interesse an deutschen Linksextremisten hat.
Was heißt das konkret?
Man muss abwägen, ob unsere Kommunikationsüberwachung ausreichend ist. Der Vorstoß zur Vorratsdatenspeicherung ist ein erster Schritt. Weitere sollten folgen – ohne in eine generelle Bürgerüberwachung abzugleiten. Aber die Sicherheitsbehörden benötigen Instrumente, um solchen Gruppen das Handwerk zu legen.
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