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Protest von maskierten Demonstranten in Garmisch-Partenkirchen
© AFP/Christof Stache

G7-Gipfel in Elmau: Wettlauf gegen den Hunger – und gegen die Uhr

Russlands Angriffskrieg hat Hungersnöte in vielen Weltregionen verschärft. Beim G7-Gipfel in Elmau geht es auch darum, eine schnelle Hilfe zu organisieren.

Wenn es um den bisherigen Erfolg der sieben führenden westlichen Industrienationen bei der weltweiten Hungerbekämpfung geht, so kommt die Welthungerhilfe zu einem negativen Urteil. Seit über einem Jahrzehnt, heißt es in einem Positionspapier der Organisation, entfalten die Initiativen der G7-Staaten zur Hungerbekämpfung nur eine schwache Wirkung.

Entsprechend ist der „Gipfelsherpa“ von Kanzler Olaf Scholz, sein Wirtschaftsberater Jörg Kukies, beim Spitzentreffen in Elmau bis zuletzt bemüht, von den anderen G7-Staaten möglichst ehrgeizige Finanzzusagen einzusammeln. Damit soll auch vermieden werden, dass die besonders betroffenen Staaten sich vom Westen ab- und stärker Russland und China zuwenden.

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„Da ist auf jeden Fall ein sehr großes Engagement zu verspüren“, heißt es in deutschen Regierungskreisen mit Blick auf Hilfen der G7-Staaten für den Einkauf von Weizen aus anderen Quellen oder die Unterstützung, auch höhere Preise bezahlen zu können. Kukies, der frühere Deutschlandchef der Investmentbank Goldman Sachs, ist federführend dafür verantwortlich, das entsprechende Gipfeldokument auszuverhandeln.

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Hilfsorganisationen demonstrieren vor Ort

Vor Ort in Elmau erinnern Organisationen wie „Global Citizen“ daran, dass die G7 sich 2015 darauf geeinigt hätten, 500 Millionen Menschen aus der Hungersnot zu befreien, doch nun habe sich die Lage durch den russischen Krieg grundlegend verschlimmert. Die G7 hätten versprochen, 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftskraft für Entwicklungs- und humanitäre Hilfe bereitzustellen. Das müsse nun eingelöst werden, denn erstmals seit 1998 steige die globale Armut wieder an, auch die Inflation verschlechtere die Lage. Mehr als 800 Millionen Menschen, fast ein Zehntel der Weltbevölkerung, lebe mit weniger als 1,90 US-Dollar in extremer Armut. Einige Diplomaten mutmaßen, dass der russische Präsident Wladimir Putin durch die ausbleibenden Getreidelieferungen neue Flüchtlingsströme nach Europa provozieren will, um den Westen weiter zu destabilisieren.

Noch ist unklar, wie der Weizen, der derzeit in der Ukraine geerntet wird, exportiert werden kann.
Noch ist unklar, wie der Weizen, der derzeit in der Ukraine geerntet wird, exportiert werden kann.
© Olaksandr Gimanov/AFP

Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und dem folgenden Engpass beim Getreideexport hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Länder am Horn von Afrika wie der Südsudan sind besonders betroffen, zudem muss das UN-Welternährungsprogramm dort wegen fehlender Spenden Essensrationen für 1,7 Millionen Menschen streichen. EU-Ratspräsident Charles Michel mahnt daher bei einer Pressekonferenz in Elmau eine rasche Lösung im Konflikt um Getreidelieferungen aus der Ukraine an. „Wir brauchen keine Reden, wir brauchen Taten.“ Die Blockade ukrainischer Häfen, in denen 22 Millionen Tonnen Getreide lagerten, müsse aufgehoben werden. „Wir müssen sofort handeln.“

Konkret geht es um die Frage, wie Getreide aus der Ukraine trotz Putins Blockade im Schwarzen Meer exportiert werden kann. Falls die Bemühungen der Vereinten Nationen zur Wiedereröffnung der Schwarzmeerroute scheitern sollten, würde der jetzt schon praktizierte Export auf dem Landweg zunehmend ins Blickfeld rücken. Am Freitag hatten die G7-Außenminister nach ihren Beratungen in Berlin ihre Unterstützung für einen Aktionsplan der EU-Kommission erklärt, der den Transport von Getreide auf der Straße, der Schiene oder per Schiff über die Donau vorsieht.

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Allerdings lässt sich auf diesem Weg bislang nur ein Teil des sonst üblicherweise über das Schwarze Meer transportierten Getreides befördern: Während in Vorkriegszeiten pro Monat fünf Millionen Tonnen Getreide die Ukraine verließen, waren es im vergangenen Mai knapp zwei Millionen. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) hat im Interview mit dem Tagesspiegel unter anderem den Bau einer Breitspur-Bahnverbindung zwischen der Ukraine und baltischen Häfen für einen dauerhaften Export von Nahrungsmitteln aus der Ukraine ins Gespräch gebracht.

Groß sind die Erwartungen von Hilfsorganisationen an den Gipfel von Elmau. Das Treffen in den bayerischen Alpen müsse „ein Rettungsanker für Millionen Menschen werden, denen ansonsten der Hungertod in den kommenden Wochen und Monaten droht“, erklärt der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Mathias Mogge. Experten wie der Agrarökonom Matin Qaim befürchten, dass durch den Krieg in der Ukraine weltweit noch einmal 100 Millionen Menschen zusätzlich vom Hunger bedroht sein könnten.

Arbeitssitzung zur Ernährungssicherheit an diesem Montag

An diesem Montag widmet sich eine Arbeitssitzung, an der auch die Vertreter von Gastländern wie Südafrika und Indien teilnehmen, der weltweiten Ernährungssicherheit. Dabei spielt Indiens Regierungschef Narendra Modi eine entscheidende Rolle, wenn es um den weltweiten Getreidemarkt geht. Im Mai hatte Indien wegen der Hitzewelle und den erwarteten schlechten Ernteerträge ein generelles Exportverbot für Getreide verhängt, das anschließend gelockert wurde.

Indien hat zwar nur einen  geringen Anteil am weltweiten Getreideexport. Dennoch schnellten  nach Modis Export-Bann die Preise für Getreide an den Warenterminmärkten noch einmal in die Höhe. Modi, der wie auch der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa vor dem Gipfel an einem Treffen der sogenannten Brics-Staaten mit Russland und China teilgenommen hat, wird von den G-7-Vertretern erklärt bekommen, dass Russland für die Zuspitzung verantwortlich sei – und nicht westliche Sanktionen.

Zu den Adressaten dieser Botschaft gehört auch Senegals Staatschef Macky Sall, der als derzeitiger Präsident der Afrikanischen Union ebenfalls zu den Gästen in Elmau gehört. Sall hatte nach einem Treffen mit Putin der EU vorgeworfen, mit ihren Sanktionen die Exporte von russischem Getreide und Düngemitteln zu erschweren – obwohl diese Produkte gar nicht auf der EU-Sanktionsliste stehen.

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