• Wie radikal darf Klimapolitik sein?: Nicht blind werden für die Bedürfnisse der Gegenwart

Wie radikal darf Klimapolitik sein? : Nicht blind werden für die Bedürfnisse der Gegenwart

Ob Umweltzerstörung, Wettrüsten, Hunger oder Klima: Wir müssen so tun, als hätten die Experten recht. Aber der Radikalität sind Grenzen gesetzt. Ein Kommentar.

Protest mit Gasmaske bei einer Klimaschutz-Demo von "Fridays for Future" in Rio de Janeiro,
Protest mit Gasmaske bei einer Klimaschutz-Demo von "Fridays for Future" in Rio de Janeiro,Foto: Silvia Izquierdo/AP/dpa

Die Erde erwärmt sich. Der Mensch trägt durch die Emission von Treibhausgasen zu dieser Entwicklung bei. Die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt. Das hat extreme Wetterereignisse zur Folge wie Dürre, Hitze, Überschwemmungen. Sollten die Emissionen weiter ansteigen, prognostiziert der Weltklima-Rat einen Meeresspiegelanstieg von 0,61 bis 1,10 Meter. Insbesondere für Menschen, die in Küstenregionen leben, hätte das fatale Konsequenzen.

Laut Bundesregierung sind 99 Prozent der Wissenschaftler, die Fachaufsätze zum Thema Klima veröffentlichen, der Überzeugung, dass die Erderwärmung durch den Menschen verursacht wird. „Unite behind the science“, fordern Greta Thunberg und die weltweiten Demonstranten der Bewegung „Fridays for Future“. Die Fakten ließen sich nicht leugnen. Schnelle, radikale Maßnahmen seien erforderlich, um die Erderwärmung aufzuhalten. Auch die Systemfrage – Kapitalismus oder Sozialismus – wird gestellt. Die Bewegung „Extinction Rebellion“ ruft für den 7. Oktober zu Blockaden und anderen Formen des Widerstands auf.

Nun gibt es keine wissenschaftliche Vorhersage, die sicher eintritt. Nicht einmal, dass die Erde sich auch morgen noch um die Sonne dreht, kann hundertprozentig gewährleistet werden. Karl Marx meinte, der Lauf der Geschichte sei determiniert. „Die kapitalistische Produktionsweise“, schrieb er, „erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation.“ Dieser revolutionäre Verlauf lasse sich nicht verhindern. Politik könne die historischen Gesetze nicht beeinflussen. Die klassenlose Gesellschaft markiere das Ende der Geschichte.

Karl Popper spottete über die "orakelnde Philosophie"

Karl Popper verspottete in seiner 1944 erschienenen Schrift „Das Elend des Historizismus“ jeden Versuch, aus der Geschichte Gesetze abzuleiten, als „orakelnde Philosophie“. Sein Haupteinwand: Keine Vorhersage sei in der Lage, Imponderabilien zu berücksichtigen. Doch eben solche Unwägbarkeiten charakterisierten alle historischen Verläufe. Ein Ereignis, das für den Zeitpunkt y als sicher gilt, wird aufgrund der Daten zum Zeitpunkt x prognostiziert. Was aber zwischen x und y geschieht und das Ereignis womöglich beeinflussen wird, weiß keiner.

Einige Jahre vor Marx, 1798, veröffentlichte der britische Ökonom Thomas Malthus einen Aufsatz mit dem Titel „The Principle of Population“ (Das Bevölkerungsgesetz). Malthus war der weltweit erste Professor für politische Ökonomie und gilt als Begründer der modernen Bevölkerungswissenschaft. Er wies nach, dass die Nahrungsmittelproduktion mit der Entwicklung der Weltbevölkerung, die damals bei rund einer Milliarde Menschen lag, nicht Schritt halten könne. Die Folge seien Hungersnöte, Kriege und Epidemien.

Dem Bevölkerungsgesetz, das Malthus als Naturgesetz postulierte, lagen folgende Prämissen zugrunde: Die Nahrungsmittelerzeugung verläuft linear, das heißt, die Menge an Nahrungsmitteln erhöht sich in den gleichen Zeitabständen um den gleichen absoluten Betrag. Die Bevölkerungszahl wachse dagegen exponentiell, das heißt, es werde automatisch mehr Menschen geben, als ernährt werden könnten. Was Malthus nicht vorhersehen konnte, waren der rapide Rückgang der Bevölkerung in Industrieländern sowie die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts, etwa in der Landwirtschaft. Heute leben 7,7 Milliarden Menschen auf der Welt, und an Hunger müsste aufgrund fehlender Nahrungsmittel keiner von ihnen sterben.

Kritik an "Brot für die Welt"

Dennoch hielten sich entsprechende Katastrophenszenarien bis in die jüngste Zeit. Vor 35 Jahren erschien im „Spiegel“ ein Artikel von Hoimar von Ditfurth mit der Überschrift „Die mörderische Konsequenz des Mitleids“. Von Ditfurth war Arzt und Wissenschaftler. Zweimal erhielt er den Sonderpreis des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft. In seinem Essay kritisierte er die Arbeit von Hilfsorganisationen wie „Misereor“ und „Brot für die Welt“. Wer heute in Afrika ein hungerndes Kind ernähre, trage wegen der Bevölkerungsexplosion dazu bei, dass die Leichenberge von morgen noch größer würden. Das sei unverantwortbar.

Zu einer radikalen Lösung, um eine absehbare Katastrophe zu verhindern, war auch Bertrand Russell bereit. Der britische Philosoph, Mathematiker und Logiker unterrichtete in Cambridge, Harvard und an der London School of Economics. 1950 erhielt er den Literaturnobelpreis.

Der Abwurf der Atombomben im August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki hatte Russell alarmiert. Falls die kommunistische Sowjetunion ebenfalls über diese Waffentechnik verfüge, fürchtete er, würde es zu einem Wettrüsten kommen und bei einem Dritten Weltkrieg die Menschheit vernichtet. Also müsse die Sowjetunion gezwungen werden, eine Weltregierung unter amerikanischer Führung zu akzeptieren. Zu diesem Zweck schlug er in mehreren Artikeln vor – „Humanity’s Last Chance“ und „Towards a Short War with Russia“ –, mit Hilfe der Atombombe einen Präventivkrieg gegen die Sowjetunion zu führen. „A casus belli would not be difficult to find“, schrieb Russell. Ein offizieller Kriegsgrund würde sich schon finden lassen.

Die Maßnahmen müssen sozialverträglich sein

Seit den Analysen des „Club of Rome“ und den Sorgen der Friedensbewegung hat es eine gewisse Inflation endzeitlicher Rhetorik gegeben. Eine recht lange Zeit schon ist es fünf vor zwölf. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde ein Armageddon zwischen den Mächten der Freiheit und der Finsternis postuliert. Die globale Finanzkrise wurde mit den Worten kommentiert „Das ist eine Krise von historischem Ausmaß“ (Barack Obama), „eine Bedrohung unserer Gesellschaftsordnung“ (Angela Merkel), „schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“ (José Manuel Barroso).

Und nun das Klima, die Erderwärmung. Sollen wir aufgrund unserer Erfahrungen mit anderen Prognosen besonders skeptisch gegenüber den Klimaexperten sein, weiter zu wenig gegen Treibhausgasemissionen tun und gelassen der Zukunft entgegensehen? Nein, natürlich nicht. Der Mensch ist das einzige Tier, das Wissen sammeln und daraus Pläne schmieden kann. Wir müssen so tun, als hätten die Experten recht. Alles andere wäre wider Vernunft und Natur.

Aber der Radikalität sind Grenzen gesetzt. Weil Menschen fehlbar sind – das schließt Wissenschaftler ein –, müssen die Maßnahmen sozialverträglich sein. Der bange Blick auf die Zukunft darf nicht blind machen für die Bedürfnisse in der Gegenwart. Wird der Imperativ der Zuversicht außer Kraft gesetzt, gibt’s kein Halten mehr.

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