Brandenburg: 48 Grad im Sommer
Klimaforscher Schellnhuber sagt dramatische Folgen der Erderwärmung für Brandenburg voraus Hohe Temperaturen und Sandstürme werden sich künftig mit Monsunregen abwechseln
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Frankfurt/Oder - Sommerhitze von 45 bis 48 Grad Celsius, Sandstürme, Bodenverhältnisse wie in der Sahara und heftige Monsunregen in anderen Jahreszeiten – die Aussichten für Berlin und Brandenburg sind nicht gerade rosig. Allerdings werden diese Extreme erst für das Jahr 2200 erwartet, falls der Klimawandel tatsächlich in dem jetzigen Tempo voranschreitet. „Wir müssen unter allen Umständen den weiteren Anstieg der Durchschnittstemperaturen stoppen“, sagte der Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung sowie Berater von Bundesregierung und EU-Kommission, Hans-Joachim Schellnhuber, gestern in Frankfurt (Oder).
Schellnhuber, der auch in Oxford lehrt und in aller Welt als Klimaexperte gefragt ist, hielt seinen Vortrag vor dem Brandenburger Landesparteirat von Bündnis 90/Die Grünen. Er sei zwar ein parteiloser Wissenschaftler, aber die Grünen hätten ihn schon immer wegen deren Einmischung in aktuelle Fragen erfreut. Allerdings habe er während der rot-grünen Regierung nie die Chance erhalten, mit ihr über den Klimaschutz zu reden. Deren Chef hätte daran überhaupt kein Interesse gezeigt, ganz im Unterschied zur Bundeskanzlerin Merkel.
Die dramatischen Aussichten für Berlin und Brandenburg und viele andere Regionen basieren laut Schellnhuber auf einer Zunahme der weltweiten Durchschnittstemperaturen um 5 bis 6 Grad Celsius bis zum Jahr 2200. „Für die nördliche Halbkugel bedeutet das aber 10 bis 12 Grad“, sagte der Mathematiker und Physiker. „Extreme Temperaturen bis zu 48 Grad gehören dazu.“ Da sich die Kontinente viel stärker als die Meere erwärmten, müsse sich Westeuropa auf Monsune wie in Indien einstellen. Das heiße Land ziehe die feuchte Luft an.
Trotz der angelaufenen Diskussionen sei der Öffentlichkeit die Dramatik der Veränderungen nicht bewusst, beklagte Schellnhuber. So betrage der Unterschied zur letzten Eiszeit vor 15 000 Jahren und heute nur fünf Grad Celsius. Der Meeresspiegel sei damals um 120 Meter niedriger gewesen. Gehe das Abschmelzen von Grönland, der Antarktis und anderer Eisgegenden weiter so voran, würden die Meeresspiegel in den nächsten 90 Jahren um 40 bis 150 Zentimeter höher liegen – mit schlimmen Konsequenzen für Städte an Küsten und Flüssen. „Wenn wir unser Verhalten nicht ändern und vor allem das Amazonas-Gebiet weiter austrocknen lassen, haben wir 2100 eine um vier Grad höhere Durchschnittstemperatur“, sagte Schellnhuber, der am Dienstag der Brandenburger Landesregierung einen Vortrag halten wird.
Bärbel Höhn, die ehemalige Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen und heutige Bundestagsabgeordnete, forderte von Brandenburg ein Ende der Braunkohlekraftwerke. Pro Kopf liege in der Mark die jährliche Kohlendioxid-Emission bei 23,8 Tonnen. Das sei mehr als in den USA und mehr als doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt (zehn Tonnen).
Lob erhielt Brandenburg sowohl von Schellnhuber als auch von Höhn für die Förderung alternativer Energiequellen wie Wind, Sonne und Biomasse. Schon jetzt entspreche die aus Windkraftanlagen produzierte Energie 28 Prozent des Nettoverbrauchs aus dem öffentlichen Netz. In Deutschland bedeute das Platz zwei hinter Niedersachsen.
Dennoch müsse der Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich stärker vorangetrieben werden, sagte Schellnhuber. Sie seien die wichtigste Maßnahme zum Klimaschutz. Die Forschungsausgaben in diesem Bereich müssten verzehnfacht werden. Überdies solle Deutschland über eine Verlängerung der Laufzeiten der bestehenden Kernkraftwerke nachdenken – unter der Bedingung, dass die Gewinne in erneuerbare Energien investiert würden.
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