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Voll heißt nicht gut. Bei Promotionen und Forschungsausgaben liegt Brandenburg dem aktuellen Bildungsmonitor zufolge bundesweit auf dem letzten Platz. Beim Thema Inklusion dagegen macht das Land eine gute Figur.
© Patrick Pleul/dpa

Brandenburg: Fortschritt als Schnecke

Deutschland-Rankings: Brandenburgs Hochschulen und Schulen sehen schlecht aus – außer bei Inklusion

Potsdam - Erneut schlechte Zeugnisse für Deutschlands Hauptstadtregion: Brandenburgs Schul- und Hochschulsystem ist im deutschen Vergleich wieder zurückgefallen. Das geht aus dem am Donnerstag veröffentlichten „Bildungsmonitor 2015“ hervor, der vom Kölner Institut der Deutschen  Wirtschaft (DW) jedes Jahr für die arbeitgeberfinanzierten Initiative für Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt wird.

Brandenburg, das zuletzt in diesem Ranking aufholen konnte, 2012 auf Platz 12 kam, in den beiden Vorjahren auf Platz 14, landet nun wieder auf dem vorletzten Platz aller Bundesländer. Schlechter ist nur Berlin, das seit Jahren deutsches Schlusslicht ist. Grundlage des Rankings sind 95 objektive Faktoren, von Bildungsausgaben, Schulabbrechern bis hin zur Zahl der frisch gekürten Doktoren. Spitzenreiter in der Bundesrepublik bleiben die Bildungssysteme in Sachsen und Thüringen, die 1990 nach dem Zusammenbruch der DDR mit den gleichen Ausgangsbedingungen gestartet waren wie Brandenburg. Aber auch die anderen Ost-Länder Sachsen-Anhalt (Platz 6) und Mecklenburg-Vorpommern (12) schneiden deutlich besser ab, sodass von den neuen Ländern Brandenburg Schlusslicht ist. Ein Grund ist die Hochschulsituation, wo Brandenburg bei Promotionen und Forschungsausgaben auf dem letzten Platz liegt.

Die Landesregierungen, erst die rote-schwarze Koalition (1999 bis 2009), seitdem das rot-rote Bündnis, versuchen etwa seit der Jahrtausendwende frühere Versäumnisse bei Schulen und Hochschulen zu korrigieren. Das bleibt mühsam, wie der Bildungsmonitor zeigt. Allerdings schneidet Brandenburg in Teilbereichen besser ab – etwa bei der Förderinfrastruktur (Kita-Netz/Ganztagsangebote) mit Platz Fünf, der Schulqualität (6) oder auch bei der Vermeidung von Bildungsarmut (7). Das Engagement der letzten Jahre zahle sich aus, erklärte Bildungsminister Günter Baaske (SPD) dazu. Und auch bei der „Inklusion“ holt Brandenburg auf, also Schüler mit und ohne Handicap gemeinsam an Regelschulen zu unterrichten, wie es die UN-Behindertenkonvention vorsieht, zu deren Umsetzung sich Deutschland 2009 verpflichtet hat. Eine ebenfalls am Donnerstag veröffentlichte Studie der Bertelsmann–Stiftung zur Frage, wie die Bundesrepublik dieser Selbstverpflichtung nachkommt, attestiert Brandenburg Fortschritte. Danach haben im Vergleichsjahr 2013/2014 fast 44 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf hier eine Regelschule besucht, 2008/2009 waren es noch 36,4 Prozent, womit das Land inzwischen über dem Bundesdurchschnitt von 31,4 Prozent liegt. Auch der Schüleranteil an den Förderschulen ist gesunken. Den Erfolg haben vor allem die Grundschulen des Landes erarbeitet, während an Oberschulen und Gymnasien kaum Kinder und Jugendliche ohne Handicap eine Chance haben. Generell lernen immer noch zu viele an Förderschulen, was für sie selbst, aber auch für das wegen der demografischen Entwicklung auf Absolventen angewiesene Land Nachteile hat: 86 Prozent der Förderschüler verlassen diese Schulen ohne Abschluss, selbst ohne Hauptschulabschluss (Bund: 71,3 Prozent), der bundesweit vorletzte Platz. Ein von der früheren Bildungsministerin Martina Münch (SPD) angekündigtes Auslaufen der Förderschulen bis 2019 war auf Eis gelegt worden. Derzeit gibt es 75 Pilot-Grundschulen im Land, die für Inklusion zusätzliches Personal erhalten. Eine Ausweitung auf alle Grundschulen oder gar weiterführende Schulen ist aktuell nicht geplant, aus Kostengründen.

Baaske (SPD) setzt dort auf eine Politik der kleinen Fortschritte. Die Inklusion bei weiterführenden Schulen sei „eine nächste große Aufgabe, die wir anpacken müssen“, sagte er. Ziel sei es, dass „möglichst viele Jugendliche mit den unterschiedlichsten Lernbeeinträchtigungen einen bundesweit anerkannten Schulabschluss erhalten.“

Der Opposition im Landtag geht das zu langsam. „Im Gegensatz zu anderen Bundesländern stehen bei der Inklusion in Brandenburg die Uhren still“, sagte die Grünen-Bildungsexpertin Marie Luise von Halem. Und die CDU-Opposition, die für den Fortbestand der Förderschulen eintritt, sieht Versäumnisse in der Qualität. CDU-Bildungsexperte Gordon Hoffmann sagte, „Zahlen und Quoten sagen wenig über die Brandenburger Wirklichkeit aus.“ Entscheidend sei aber, was sich in den Klassen abspiele, wo Kinder gemeinsam unterrichtet werden. „Lehrer, Eltern und Schüler können ein Lied davon singen: Eigentlich sollten Inklusionsklassen nur 23 Schüler aufnehmen“, kritisierte er. „Fast ein Drittel aller Inklusionsklassen an Grundschulen sind aber größer als diese Vorgabe.“ Eine individuelle Förderung sei da kaum möglich. Thorsten Metzner

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