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Der Oberlinhaus-Campus in Babelsberg - samt Marmorbüste von Johann Friedrich Oberlin.
© Ottmar Winter

Interview | Oberlin-Vorstand und Wohnbereichsleiterin: "Es wird kein Stigma am Haus hängen bleiben"

Matthias Fichtmüller und Tina Mäueler über die Aufarbeitung der Gewalttat im Babelsberger Thusnelda-von-Saldern-Haus, die massiven Vorwürfe im Strafprozess gegen die Leitung und die Corona-Lage in der Pflege.

Frau Mäueler, Herr Fichtmüller, seit dem Urteil im Prozess nach der Gewalttat im Thusnelda-von-Saldern-Haus – die frühere Pflegekraft Ines R. wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt – sind vier Wochen vergangen. Kommen Sie im Oberlinhaus nun langsam zur Ruhe?
MATTHIAS FICHTMÜLLER: Das Geschehene wird uns noch lange beschäftigen. Aber das Urteil war eine Zäsur. Für die Bewohnerinnen und Bewohner, die Mitarbeitenden im Thusnelda-von-Saldern-Haus und im gesamten Oberlinhaus, aber ich denke auch für viele im Stadtteil Babelsberg war es wichtig, mit dem Wissen ins Weihnachtsfest gehen zu können: Es gibt einen juristischen Abschluss des Falls.  

Wie haben die Bewohner des Thusnelda-von-Saldern-Hauses das Geschehene inzwischen verarbeitet? 
TINA MÄUELER: Wir haben von Anfang an Hilfe organisiert, für die Bewohner und für die Mitarbeiter. Da sind Menschen gestorben, die wir alle gern hatten. Dazu kommt: Das war kein Amokläufer von außen, sondern jemand, den wir kannten, manche seit 30 Jahren – das ist nicht so einfach zu verarbeiten für Kollegen und Bewohner. Da gab es anfangs auch Ängste, dass so etwas wieder passieren könnte. Eine Klientin aus dem Bewohnerschaftsrat sagte zu den Mitarbeitenden: Ihr könnt alle nach Hause gehen, aber ich muss hier nachts bleiben, im Bett liegen. Eine Psychotherapeutin hat mit den Bewohnern, die kognitiv dazu in der Lage sind, über Monate Gespräche geführt. Auch unser hauseigener sowie externe Seelsorger haben sehr unterstützt. Zum Jahresende haben wir dann ein Abschlussritual abgehalten: Wir haben zusammen mit den Bewohnern ein Feuer gemacht und symbolisch Zettel in die Flammen geworfen, auf denen geschrieben stand, was wir im Jahr 2021 lassen wollten.  

Und wie geht es der Bewohnerin, die den Angriff überlebt hat?
MÄUELER: In der ersten Zeit war sie verständlicherweise sehr schreckhaft. Weil sie über Gespräche nicht zu erreichen ist, hat sie eine sehr intensive, auch klanggestützte Therapie bekommen. Zudem haben wir einen Therapiehund eingesetzt, der sich an sie gekuschelt hat. Das hat ihr sehr geholfen. 

Haben nach der Gewalttat Familien ihre Angehörigen aus dem Thusnelda-von-Saldern-Haus genommen?
MÄUELER: Nein, aufgrund der Tat ist niemand ausgezogen.  

Sind die Zimmer der vier getöteten Bewohner wieder belegt? 
MÄUELER: Ja, sind sie. Es gab viele Anfragen für die Plätze, schließlich gibt es in ganz Brandenburg insgesamt nur sieben solcher Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, die Eingliederungshilfe und Pflege kombinieren. Diese Zimmer sollten nach einer angemessenen Zeit wieder belegt, mit Leben gefüllt werden. Damit meine ich nicht den wirtschaftlichen Aspekt, den es natürlich auch gibt, sondern den psychologischen: Für die Mitarbeiter war es wichtig, wieder in diese Zimmer zu gehen, weiterzumachen.  

FICHTMÜLLER: Die Zimmer haben wir vorher neu gestalten lassen. Danach sind unser Seelsorger und ein katholischer Kollege mit Weihrauch über die Station gegangen, es wurde gemeinsam gesungen. Das war eine starke symbolische Handlung, Reinigung und Neuanfang. 


Am 28. April jährt sich die Tat. Haben Sie für diesen Tag ein Gedenken geplant?
FICHTMÜLLER: Wir werden am 28. April einen Gottesdienst in der Oberlinkirche feiern, in dem wir in besonderer Weise nochmal an die vier Opfer denken. Mit Angehörigen, Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses, Mitarbeitenden des gesamten Unternehmens, Menschen, die uns in diesen schweren Tagen zur Seite gestanden haben. Da war zum Beispiel die enorme Unterstützung durch die Polizei, die uns ein Gefühl von Sicherheit gegeben hat. Zudem wollen wir auf dem Gelände einen Ort des Gedenkens schaffen. Dazu sind wir in Absprachen mit den Angehörigen, mit denen wir noch immer in engem Kontakt stehen.

"Ich wünschte, wir wären angeklagt, dann könnten wir uns wenigstens zu den Vorwürfen äußern." 

Während des Prozesses gegen Ines R. wurden durch Zeugen massive Vorwürfe gegen das Oberlinhaus erhoben: Es ging um Überlastung, Personalmangel, nicht vorhandene Kritikfähigkeit seitens der Leitung, teils auch Vernachlässigung der Pflegeaufgaben durch Zeitdruck. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, darauf nicht zu reagieren?
FICHTMÜLLER: Wir haben von Anfang an gesagt: Wir wollen und werden uns während des laufenden Verfahrens nicht äußern, keine Aussagen kommentieren, die wir nur aus Zeitungen kennen. Schließlich waren wir als Oberlinhaus ja gar nicht Prozessbeteiligte.  

MÄUELER: Und das war schwer auszuhalten. Ich habe zwischendurch gesagt: Ich wünschte, wir wären angeklagt, dann könnten wir uns wenigstens zu den Vorwürfen äußern. Und dann haben sich viele Kollegen und ich uns auch gefragt: Überlastung in der Pflege, Gewaltschutz – das sind alles wichtige Themen, über die wir seit Jahren reden und immer wieder reden müssen. Aber warum nimmt das im Prozess so einen großen Raum ein? Muss man das nicht gesondert behandeln? Das ist doch alles keine Begründung für einen vierfachen Mord. Nichts rechtfertigt so eine Tat.


Haben Sie die Aussagen der überwiegend Ex-Mitarbeiter vor Gericht überrascht?
FICHTMÜLLER: Ja, in der Vehemenz auf jeden Fall. Vieles von dem, was vor Gericht gesagt wurde, war ein indirekter Vorwurf an die Kolleginnen und Kollegen, die jetzt in diesem Haus weiter unter Corona-Bedingungen arbeiten. Das kann ich nicht verstehen.  

Aber für diese Aussagen muss es doch eine Ursache geben. Teils klang es, als hätten die Zeugen eine Rechnung mit Oberlin offen. Da kann doch etwas mit dem Betriebsklima nicht in Ordnung gewesen sein. 
MÄUELER: Ich habe dafür wirklich keine Erklärung. Wir haben uns im letzten Dreivierteljahr alles genau angeschaut, in allen Wohnstätten. Was mich überrascht hat: Die Mitarbeiter auf der Wohnebene sagten vor Gericht, sie hätten erst gar keine Überlastungsanzeigen gestellt, weil das ohnehin nichts gebracht hätte. Das war in anderen Bereichen, auch im Thusnelda-von-Saldern selbst, das aus insgesamt drei Ebenen besteht, anders. Da wurden diese Mittel wie Überlastungsanzeigen, betriebliches Management nach längerer Krankheit, Gespräche genutzt– und da haben sie auch geholfen. Somit ist die Darstellung, dass es generell ein Problem mit der Leitung des Thusnelda-von-Saldern-Hauses gegeben habe, nicht haltbar. 

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Also lief speziell auf der Wohnbereichsebene, auf der Ines R. gearbeitet hat, offenbar etwas aus dem Ruder?
MÄUELER In der ersten Corona-Zeit muss dort tatsächlich die Kommunikation und das Vertrauen in das Unternehmen abgebrochen sein. Jede Etage des Hauses hat eine andere Kultur, eine andere Art, mit Konflikten umzugehen. Ich will nicht alles auf Corona schieben, aber viele Schulungen, Weiterbildungen und auch Teamsitzungen, Supervision – das mussten wir im Pandemiejahr 2020 aussetzen. Nun haben wir wieder engmaschige Supervision in allen Häusern. Wenn es in einem Team aber schon vorher Unstimmigkeiten gab, dann hat Corona es auf jeden Fall schwerer gemacht, das zu identifizieren.  

Im Prozess wurde von Angehörigen auch zur Sprache gebracht, dass die Bewohner teils nicht gepflegt worden seien. Da seien beispielsweise Haare über längere Zeit nicht mehr geschnitten worden. Hatte das auch mit Corona zu tun?
MÄUELER: So ist es. Wir haben uns an die Eindämmungsverordnung zu halten und die sah vor, dass eine Zeit lang keine Externen ins Haus gelassen werden durften. Friseur, medizinische Fußpflege, das war nicht im gewohnten Maß möglich. Und unsere Pflegekräfte dürfen diese Aufgaben gar nicht übernehmen, das ist gesetzlich so vorgesehen. Dass im Prozess der Zusammenhang zur Pandemie nicht hergestellt wurde, hat uns irritiert.

"Keiner dieser Fehler darf jemals dazu führen, dass Menschen umgebracht werden." 

Aus Ihrer Sicht wurden demnach vor der Tat keine Fehler gemacht?
FICHTMÜLLER: Jeder Mensch, jede Organisation macht auch Fehler. Aber keiner dieser Fehler darf jemals dazu führen, dass Menschen umgebracht werden. Das Gericht hat festgestellt, dass eine offenbar schwer kranke Frau diese Tat begangen hat. Die genauen Hintergründe werden wir alle nie erfahren. 

Sie hatten keine Kenntnis von der schweren psychischen Erkrankung der Mitarbeiterin?
FICHTMÜLLER: Nein. Und selbst wenn, was sollte man als Arbeitgeber dann unternehmen außer Hilfe anzubieten? Rund 17 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer psychischen Erkrankung. Das reicht von Erschöpfung, Depression bis zu Zuständen schwerster Schizophrenie und anderem. Ich finde es furchtbar, wenn diese Menschen pauschal stigmatisiert werden. Ich kann doch nicht jedem dieser Menschen unterstellen, dass er zu einer Gewalttat bereit wäre. 

Matthias Fichtmüller (57) ist seit 2008 Theologischer Vorstand des Oberlinhauses.
Matthias Fichtmüller (57) ist seit 2008 Theologischer Vorstand des Oberlinhauses.
© Ottmar Winter

Im Prozess war auch viel von Mitarbeiterfluktuation die Rede. Gibt es die etwa nicht? 
MÄUELER: Wir haben uns das natürlich angeschaut, bis 2017 zurück, auch im Vergleich mit anderen Häusern. Das Thusnelda-von-Saldern-Haus hat keine höhere Fluktuation, also Mitarbeiterweggänge durch Kündigung oder Ruhestand, als andere unserer Wohneinrichtungen. Sie liegt bei allen Häusern bei 12 bis 17 Prozent – das entspricht auch dem bundesweiten Schnitt in diesem Bereich. 

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Wie viele Mitarbeiter haben nach der Tat das Thusnelda-von-Saldern-Haus verlassen?
MÄUELER: Drei, wobei eine Mitarbeiterin nach einer Auszeit inzwischen zu uns zurückgekehrt ist.  

In der Urteilsbegründung führte der Vorsitzende Richter aus, dass das Oberlinhaus nun offenbar Lehren gezogen habe und mehr Personal einsetze. Ist das so?
MÄUELER: Diese Darstellung ist nicht richtig. Der Personalschlüssel, der gesetzlich vorgegeben ist, war vor und nach der Tat nicht anders. Aber eine gewisse Zeit nach der Tat hatten wir teils Ausnahmezustände – weil keine Mitarbeiter mehr da waren. Anfangs sind alle gekommen, aber für viele war die Situation einfach zu belastend, sie waren oder sind krankgeschrieben. Das ist auch richtig so. Die Kollegen müssen sich Zeit nehmen, bevor sie an den Arbeitsplatz zurückkehren, um eine Retraumatisierung zu vermeiden. Natürlich mussten wir in dieser personellen Notsituation reagieren, die Bewohner müssen schließlich weiter rund um die Uhr versorgt werden. Also haben Kollegen aus der Oberlinklinik oder anderen Häusern ausgeholfen. Zudem werden Leasingkräfte eingesetzt.  

Tina Mäueler (45) ist seit 2018 Bereichsleiterin für den Bereich Wohnen in den Oberlin Lebenswelten.
Tina Mäueler (45) ist seit 2018 Bereichsleiterin für den Bereich Wohnen in den Oberlin Lebenswelten.
© Ottmar Winter

Wird es für das Thusnelda-von-Saldern-Haus künftig nicht sehr schwer werden wird, Personal zu finden, weil jeder den Namen mit der Tat verbindet?
FICHTMÜLLER: Es wird kein Stigma an diesem Haus hängen bleiben, davon bin ich fest überzeugt. Wir können die Tat nicht ungeschehen machen. Aber wir können zeigen, wie wir danach damit umgegangen sind, dass das Krisenmanagement funktioniert hat. Und was das Thusnelda-von-Saldern-Haus leistet. 

MÄUELER: Wir sprechen die Tat bei Vorstellungsgesprächen auch an. Wir wollen nicht den Mantel des Schweigens darüber betten. Davon abgesehen gibt es Personalmangel nicht erst seit dem 28. April 2021 und er betrifft schon gar nicht allein das Thusnelda-von-Saldern-Haus. Die für die Eingliederungshilfe so wichtigen Heilerziehungspfleger etwa sind kaum zu finden, es gibt in der Region kaum Ausbildungsmöglichkeiten, zudem muss man Schulgeld bezahlen. Wir können da zum Teil intern durch eigene Maßnahmen etwas beeinflussen, durch gute Bezahlung, Stipendien für Auszubildende. Aber unseren Einflussmöglichkeiten was die Arbeitskräftesituation angeht sind natürlich Grenzen gesetzt. 

Deswegen soll eine Expertenkommission eingesetzt werden?
FICHTMÜLLER: Ja, wir wollen die Aufmerksamkeit nutzen und Grundfragen beantworten, die über unsere Einrichtung hinausgehen: Was braucht eine gute Eingliederungshilfe? Wie sieht eine bestmögliche Betreuung behinderter Menschen aus? Und da rede ich nicht nur über den reinen Personalschlüssel. Sie können fünf Kolleg:innen mehr auf einer Station haben – das ist nicht automatisch eine Garantie für gute Pflege. Sondern es geht um Themen wie Ausbildung, Nachwuchsgewinnung, Vergütung, Anerkennung. Das soll vom Expertenrat diskutiert und dann an die Politik herangetragen werden. Aber es sind auch Fragen, die wir uns alle stellen müssen: Was ist uns gute Pflege wert? wie viel ist jeder bereit, in die Pflegeversicherung einzuzahlen? 

Das Thusnelda-von-Saldern-Haus in Babelsberg. 
Das Thusnelda-von-Saldern-Haus in Babelsberg. 
© Ottmar Winter

Fürchten Sie, dass sich durch eine berufsbezogene Corona-Impfpflicht die Personalprobleme verschärfen werden?
FICHTMÜLLER: Zunächst: Wir sind davon überzeugt, dass es richtig ist, im Sozial- und Gesundheitsbereich Menschen zu schützen. Eine Impfpflicht muss der letzte Weg sein, aber wenn es nicht anders geht und die Impfpflicht kommt, werden wir sie in unserem Haus umsetzen. Aber im Moment führen wir auch noch viele Gespräche, versuchen die Mitarbeitenden zu überzeugen, die skeptisch sind, Ängste haben. Ende Februar hoffen wir den Totimpfstoff von Novavax zu bekommen, auf den viele warten, um entsprechende Angebote für Mitarbeitende zu machen. 

Das heißt, auch bei Ihnen im Haus gibt es Impfskeptiker?
FICHTMÜLLER: Ja, die gibt es. Ich selbst bin vehementer Befürworter von Impfungen, aber für mich sind Skeptiker nichts Negatives. Es gibt Menschen, die zu Recht Fragen haben, aufgrund ihrer persönlichen Lebenssituation oder Vorerfahrungen unsicher sind. Ich gehe davon aus, dass man die meisten von ihnen mit einem Dialog noch erreichen kann. 

Wie hoch ist die Impfquote bei der Oberlin-Mitarbeiterschaft?
FICHTMÜLLER: Sie liegt bei durchschnittlich 80 Prozent. Es gibt auch Bereiche, in denen sehr nah an den Patienten gearbeitet wird, da sind es bis zu 100 Prozent. 

Sind alle Klienten in den Häusern geimpft?
FICHTMÜLLER: Nein. Wir haben Termine in den Häusern angeboten und bieten auch jetzt noch über die Hausärzte Impfungen an. Aber manche Klienten selbst oder deren gesetzliche Vertreter, meist sind das Angehörige, lehnen eine Impfung ab. 

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